Ansprache der Thüringer Landtagspräsidentin Christine Lieberknecht zur Verleihung der Reinhold-Schneider-Plakette an Bundespräsident Dr. h. c. mult. Johannes Rau. Freiburg im Breisgau - 23. Oktober 1999

Bundespräsident Rau erhält diese Auszeichnung als "Christ und Europäer, der die Fragen nach Sinn und Geschichte im Geiste und mit Worten Reinhold Schneiders im Bewusstsein der Öffentlichkeit wachhält"

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, sehr geehrter Herr Prof. Thiede, Hohe Festversammlung,

wir sind heute Morgen im Kaisersaal des historischen Kaufhauses in Freiburg/Breisgau zusammengekommen, um dem Bundespräsidenten unseres Landes, Ihnen sehr verehrter Herr Dr. Rau, die Reinhold-Schneider-Plakette zu verleihen.

Eigentlich hätte diese Laudatio gar nicht ich halten sollen, sondern der langjährige Weggefährte und Freund von Johannes Rau, schon aus Zeiten der Konferenz der Kultusminister, der gemeinsamen Zeit als Ministerpräsidenten, zunächst der Nachbarländer Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz und dann schließlich Nordrhein-Westfalens und Thüringens - Dr. Bernhard Vogel.

Über alle Parteigrenzen hinweg haben Sie beide vieles gemeinsam bewegt und immer wieder vorangebracht und natürlich auch Anteil an wichtigen Lebensdaten des jeweils anderen genommen.

Dr. Vogel, selbst Träger der Reinhold-Schneider-Plakette von 1996, bedauert es sehr, dass er die Aufgabe des Laudators für den heutigen Tag nicht übernehmen konnte. Von Anfang bis Ende der Laudatio hätte sich Bernhard Vogel nicht nur auf beste Kenntnisse des Laureaten, sondern auch des Namensgebers Reinhold Schneider stützen können.

Mir bleibt an dieser Stelle zunächst in aller Bescheidenheit seine herzlichen Grüße und guten Wünsche Ihnen allen und besonders Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident Dr. Rau, zu übermitteln. Allerdings hat die neue Aufgabenverteilung in Thüringen, an der Dr. Vogel nicht unbeteiligt war, dazu geführt, dass die heutige Laudatio immerhin von Präsidentin zu Präsident gehalten werden kann, was zumindest protokollarisch eine gewisse Aufwertung bedeutet, freilich eingedenk aller Unterschiede zwischen Land und Bund und selbstverständlich unter Beachtung des gehörigen Abstandes. Soviel vorweg.

Bei allem, was nun im Folgenden zu sagen sein wird, kann ich nicht ganz von einem Stück Fügung in meiner eigenen Biografie absehen. Denn obgleich erst im Todesjahr von Reinhold Schneider, im Mai 1958 geboren - Johannes Rau wurde in jenem Jahr bereits Abgeordneter des nordrhein-westfälischen Landtags - habe ich relativ früh sowohl von Johannes Rau, als auch von Reinhold Schneider erfahren können - und das trotz Mauer und Stacheldraht, der unmenschlichen innerdeutschen Grenze, die unser Land über Jahrzehnte in Ost und West teilte, und wohl auch anderes als viele meiner Alterskollegen.

Denn bis zum Schluss, bis zum Fall der Mauer im November 1989 gab es immer Menschen, die nicht nur an gemeinsame Geschichte, gemeinsame Wurzeln, Erfahrungen und Hoffnungen erinnerten, sondern die auch danach lebten.

So kam es, dass mir als einer Pastorentochter im Weimarer Land, die von Kindheit an Geist, Leben und Glauben der evangelischen Schülerarbeit in sich aufnahm, der Christ, das frühere Mitglied der Schülerbibelkreise, kurz der BK'ler Johannes Rau viel gegenwärtiger war als der Politiker. Erst kürzlich, am 2. Juli diesen Jahres, gab es Gelegenheit anlässlich des Gedenkens an Martin Giersch - dessen Schriften Johannes Rau in den 50er Jahren unter Pseudonym veröffentlichte, an diese Vergangenheit zu erinnern. Natürlich gebe ich zu, dass von Johannes Rau nicht zuletzt deshalb oft mit besonderem Nachdruck und nicht ohne Stolz gesprochen wurde, weil er eben inzwischen längst der bekannte, beliebte und erfolgreiche Politiker geworden war.

Allerdings war der Eindruck jener Berichte auf mich offenbar von solcher Nachdrücklichkeit, dass ich zur Vorbereitung auf den heutigen Anlass zunächst weder eine der gängigen Biografien über Johannes Rau zur Hand nahm, noch in den letzten Bulletins des Bundespräsidenten zu blättern begann oder mich gar der ein oder anderen im Bundesrat miterlebten Rede der vergangenen Jahre zu vergewissern suchte. Das folgte dann in einem zweiten Schritt.

Zuerst jedoch griff ich nach einem Buch aus dem Peter Hammer Verlag, nach der Festschrift zum 85. Geburtstag von Werner Brölsch - einer Vaterfigur jener gemeinsamen evangelischen Schülerarbeit - wohl in der Hoffnung diese gemeinsame Basis von Laureaten und Laudatorin noch einmal bestätigt zu finden.

Besonders wichtig war mir dies aber auch mit dem Blick auf den Namensgeber Reinhold Schneider. Es war ein Seminar eben dieser Schülerarbeit, in dem mir das Schneider-Buch von Ingo Zimmermann zu Beginn der 80er Jahre das erste Mal in die Hand kam. Reinhold Schneider hat mich seither nicht mehr losgelassen.

Die Aufgabe, Ihr Wirken - Herr Bundespräsident, auf dem Hintergrund der Überzeugung Reinhold Schneiders zu würdigen, ist damit für mich nicht ohne persönlichen Bezug, aber letztlich doch in mehrfacher Hinsicht ein Prozess der historischen Aneignung, ein Beitrag zur politischen Traditionsbildung. Dazu will ich allerdings gern zur Verfügung stehen, denn sie setzt ja geradezu voraus, dass die Nachgeborenen sich für das begeistern, was vor ihnen war.

Lassen Sie mich daher zunächst mit der Begründung für die heutige Auszeichnung beginnen. Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, erhalten diese Auszeichnung als "Christ und Europäer, der die Fragen nach Sinn und Geschichte im Geiste und mit Worten Reinhold Schneiders im Bewusstsein der Öffentlichkeit wachhält".

"Christ und Europäer" im Sinne Reinhold Schneiders, für den Europa eine "Lebensform, eine bestimmte Art zu sein und zu denken" war, wie er 1957, ein Jahr vor seinem Tod, in einem großen Vortrag ausgeführt hat. Damit hat Reinhold Schneider Europa auf eine ganz andere Ebene gehoben, als dies die sogenannten Berufs-Europäer oft tun.

Schneider meint eine rundum ganzheitliche Ebene, nach der wir gerade heute inmitten der vielen Umbrüche und Veränderung wieder verstärkt suchen und wie sie Johannes Rau verkörpert.

Richtigerweise hat Reinhold Schneider gar nicht erst versucht, diese Lebensform in das Korsett einer festen Definition zu zwingen. Das Gemeinte ließ und lässt sich nur durch Beispiele und Bilder beschreiben und gegen das abgrenzen, was es nicht ist. Schneider fürchtete, das sein Europa hinter den damals entstandenen Institutionen verschwinden könnte. Das institutionelle Gefüge, das wir heute Europäische Union nennen, sollte "nicht Inhalt werde(n), sondern Helm auf einem edeln, denkenden Haupt, Schild vor einer lebendigen Brust", so wörtlich. Der Binnenmarkt sollte nicht mehr sein als Europa.

Der mit der Geschichte seines Erdteils lebende Schriftsteller hat sein Europa mit einer Kathedrale verglichen, an der stets weitergebaut wird und die doch nie vollendet ist. "Durch die ganze europäische Geschichte geht ein Drängen über sich selbst hinaus", heißt eine der zentralen Aussagen. In einem ständigen Wechselspiel zwischen Freiheit und ordnender Macht bewegt sich Europa voran. Und wieder wörtlich: "Die Herzader der Überlieferung schlägt für das tragische Wagnis der Freiheit, für die nicht abschließbare Perspektive, für Aufgang und Untergang in ihrer Einheit."

Schneider hat dabei die tragischen Züge in dem von ihm sprachgewaltig vorgetragenen Panorama nicht verdrängt. Er hat Europa nicht als Friedensreich verklärt und die kriegerische Seite der europäischen Geschichte nicht ausgeklammert, allerdings gehofft, dass Gegensätze nach den Tragödien der ersten Jahrhunderthälfte - so seine Formulierung - "im Seelenraum und auf den Schlachtfeldern des Glaubens und des Geistes" ausgetragen werden. Wir wissen heute, dass dieser Wunsch leider nur zum Teil in Erfüllung gegangen ist.

Doch wo sitzt der Motor, der dieses Übersichhinauswollen, dieses Ungenügen an der Gegenwart und den Verhältnissen antreibt? Darauf gibt es sicherlich viele Antworten. Schneider sah einen wesentlichen Antrieb im Christentum, wenn auch nicht im Sinne der schon damals als oberflächlich erkennbaren Abendlandsrhetorik. Der Christ wird den Unterschied zwischen Sollen und Sein immer empfinden, und das ist letztlich die Quelle, aus dem Engagement und Veränderungswille sprudeln. Die sich daraus ergebenden Konflikte hat Schneider immer wieder thematisiert.

Die Fassade des herrlichen Gebäudes, in dem wir zusammengekommen sind, wird von vier Kaiserstandbildern des Sixt von Staufen aus dem 16. Jahrhundert geziert. Eines davon zeigt den für die Geschichte der Kirchen, für Europa und die Welt so bedeutenden Kaiser Karl V.. Deshalb erwähne ich als Beispiel für diesen Teil des Schneiderschen Werkes die Erzählung "Las Casas vor Karl V.", in der die Konfliktfelder zwischen politischer Praxis und religiöser Existenz in beeindruckender Form aufbereitet werden.

Schneider sieht, so resümierte 1956 Arthur Georgie, damals Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, "aus seinem christlichen Gewissen qualvoll klar die Diskrepanz zwischen Forderung und Wirklichkeit und die für menschliche Kräfte fast unerfüllbare Größe der Aufgabe.

Aber er verlangt unerbittlich den Willen zur Entscheidung, die Schärfung des Gewissens, den Wunsch, ja die Notwendigkeit des Bestehens, selbst um den Preis des Untergangs."

Schneider hat nicht zuletzt dieser Haltung wegen 1956 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten. Er hat dabei immer gewusst, dass er damit unbequem war, und in keinem Augenblick vergessen, in welches Drama damit die gestellt sind, an die seine Appelle sich in besonderer Weise richten. "Der Staatsmann", heißt es in "Wesen und Verwaltung der Macht" drastisch, "ist auf den verfluchten Acker der Geschichte hinausgeschickt worden; er kann auf ihm nur ein Werk tun, das am Fluche Anteil hat."

Deutliche, ja ungewohnte Worte! Bei allem, was inhaltlich der Zeit geschuldet ist, die Schneider durchlebt und durchlitten hat, bleibt doch viel Gültiges, was Christen anspricht, die sich entschieden haben, für ihre Mitmenschen Verantwortung zu übernehmen, die nicht nur den Zuspruch unbekümmert verkonsumieren, ohne dem Anspruch entsprechen zu wollen.

Und es freut mich, dass Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, offenbar ähnlich empfinden. So berichtet einer Ihrer Biografen, dass Sie 1956 neben Alfred Hausmann nur Reinhold Schneider zutrauten, im Bundestag auszudrücken, was zum Volkstrauertag jenes Jahres gesagt werden sollte. Das will angesichts anderer Geistesgrößen der Zeit schon etwas heißen. Sie haben dem, in dessen Namen wir Sie heute ehren wollen, vor mehr als zehn Jahren einen Aufsatz gewidmet, in einem von Carsten Peter Thiede herausgegebenen Band. Sie haben dabei vor allem das "Dennoch" herausgestellt, das der Autor als Christ dem Nihilismus gegenüberstellt, und die Ernsthaftigkeit gewürdigt, mit der in diesem Werk "die Frage nach Sinn und Gott und Geschichte" gestellt wird.

Ihre Biografie und die Reinhold Schneiders kreuzten sich in den 50er Jahren auch im politischen Sinn: In der kritischen Auseinandersetzung mit der Westintegration und der Wiederbewaffnung, die nach damaliger Auffassung nicht weniger Menschen das geteilte Deutschland noch weiter auseinander zu bringen drohte. Es sind in den 50er Jahren durchaus mehr als nur Spuren dieses Konflikts in die Vorträge Schneiders eingeflossen.

Sie selbst haben damals den Weg in die Gesamtdeutsche Volkspartei des ihnen vielfach verbundenen Gustav Heinemann gefunden, die aus der gleichen Sorge entstanden war.

Es sind aber nicht in erster Linie Berührungspunkte wie diese, die es nahelegen, Sie im und mit dem Namen Reinhold Schneiders zu ehren. Viel von dem, was den Namensgeber der Plakette bewegt hat, so stellt es sich aus meiner Sicht dar, vieles von dem, meine ich auch in Ihrer Biografie und Ihrem politischen Wirken zu finden.

Da ist einmal der Christ Johannes Rau in der Politik. In Ihrem Lebensmotto machen Sie deutlich, dass dies für Sie der Dreh- und Angelpunkt Ihrer Arbeit ist: "teneo quia teneor". Ich halte, weil ich gehalten werde. Das evangelisch-reformierte Elternhaus, alles, was sich in der evangelischen Kirchengeschichte dieses Jahrhunderts mit Barmen verbindet, hat Sie geprägt.

Der christliche Glaube hilft Ihnen, mit den Zumutungen des Politikerdaseins fertig zu werden und er gibt Ihrem politischen Handeln einen Kompass.

Damit lassen sich die Bedingungen des politischen Alltags nicht verändern. Aber ein Christ vergisst nicht so leicht, dass der Zweck nicht jedes Mittel heiligt, dass es Grenzen gibt, dass Politik kein Spiel ist, sondern mitentscheidend für das Wohl und die Zukunft von Gottes guter Schöpfung, und das es ethisch begründbare Ziele gibt.

as von Reinhold Schneider gebrauchte Bild einer unvollendeten und unvollendbaren Kathedrale meine ich in dem wiederzufinden, was Sie 1997 zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bochum an Sie gesagt haben: "Wer nicht glaubt, dass diese Welt verbesserlich ist, wer nicht glaubt, dass es gerechter zugehen kann, wer den Hunger aufgegeben hat, der hat längst resigniert, und der mischt sich nicht ein, wo Ungerechtigkeit herrscht. Die Verbesserlichkeit der Welt ist für mich eine biblische Botschaft wie das Verbot den Himmel auf Erden zu schaffen."

Die Welt verbessern zu wollen, das ist Arbeit an jener Kathedrale. Den Himmel auf Erden schaffen zu wollen: das gleicht dem Turmbau zu Babel, ist Hybris und Anmaßung. 1989 haben wir eine dieser großen innerweltlichen Religionen, den Kommunismus, abgeschüttelt, der in Gestalt des Sowjetimperiums Ostmittel- und Osteuropa beherrscht hat und allzu vielen Menschen statt des Himmels die Hölle gebracht hat.

Ihre Art zu denken, sehr verehrter Herr Bundespräsident, hat Sie gewiss gehalten, aber Sie hat Ihnen Ihren politischen Weg, soweit ich sehe, nicht immer nur erleichtert. In der Formulierung von "Bruder Johannes" klang ja nicht immer nur Bewunderung mit. Und nicht selten sind es gar die eigenen Anhänger, die in der politischen Auseinandersetzung, eher das Kampfgetümmel, die harten Worte, den offenen Schlagabtausch herausfordern. Das war Ihre Sache nicht. Ich vermute, dass Ihnen eine andere Strategie gar nicht möglich war: Nicht weil Sie nicht polarisieren könnten, sondern weil Sie es nicht wollen und die damit einhergehenden Nachteile in Kauf nehmen.

Was sich im Laufe Ihres politischen Werdegangs wohl besonders bei der Kanzlerkandidatur 1986/87 möglicherweise als Schwäche erwiesen hat, ist zugleich aber Ihre Stärke. Die präsidiale Amtsführung als Ministerpräsident des größten deutschen Landes, der verehrte Landesvater, der Krisenmoderator der SPD: das alles sind Stichworte, die im Umfeld Ihrer Wahl zum Bundespräsidenten immer wieder thematisiert worden sind. Ich denke dabei handelt es sich nicht nur um leicht eingängige Schlagworte, sondern um einen Ausdruck ihres politischen Naturells. Sie sind dieser Linie bis in das höchste Staatsamt treu geblieben.

Erst kürzlich haben Sie wieder dafür geworben, wenn Sie eindringlich klarstellen: "Es muss deutlich werden, Politik ist ein Wettbewerb unterschiedlicher Entwürfe um richtige Lösungen und nicht ein Vernichtungsfeldzug gegen politische Gegner." Es wäre zu begrüßen, wenn sich unter denen, die politische Verantwortung tragen, diese Sichtweise durchsetzen würde. Wir würden uns wahrscheinlich alle miteinander leichter tun, wenn es so wäre, denn die Bürgerinnen und Bürger mögen den Streit nicht.

Eine häufiger an der Sache orientierte und nicht vordergründig oder polemisch ausgerichtete Politik könnte möglicherweise auch dem Überdruss vieler Menschen uns, den Politikern gegenüber abbauen.

Der selbe Geist findet sich für mich in dem, was Sie für Europa erreichen wollen. Ein europäisches Deutschland statt eines deutschen Europa, der Patriotismus als Liebe zum eigenen Land, klar abgesetzt vom Nationalismus als dem Hass auf die Vaterländer der anderen: Das sind Beschreibungen, mit denen Sie immer wieder darauf hinweisen, worauf es heute ankommt.

Zum 1. September dieses Jahres, dem 60. Jahrestag des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs, haben Sie auf der Westerplatte vor Danzig drei Gebote vorgeschlagen, die den Umgang der Völker miteinander in Europa bestimmen sollen: Nämlich den Nationalismus zu ächten, die Humanität als Maßstab allen politischen Handelns zu etablieren und die gute Nachbarschaft als produktive Quelle gemeinsamer Entwicklung zu nutzen.

Das verstehe ich als ein hohes Ziel, für das der Europäer Johannes Rau mit ungezählten Menschen unseres Landes wie unserer Nachbarländer zusammenarbeiten will. Und wenn die Humanität die maßgebliche Richtschnur in diesem Europa sein soll, dann muss dies ein beseeltes Europa sein. "Europa als Lebensform" und keine seelenlose Konstruktion aus Institutionen, mit denen Menschen oft kaum etwas anfangen können. Europa ist eine kulturelle, eine geistige Aufgabe, der Sie sich bereits seit Jahrzehnten verpflichtet haben.

Ihr Bekenntnis zum Patriotismus als der Liebe zum eigenen Land möchte ich in diesem Zusammenhang noch einmal aufgreifen. Europa schwebt nicht im luftleeren Raum. Es lebt aus einer Einheit in Vielfalt, die seinen eigentlichen Reichtum ausmacht. Auch deshalb hat Vaclav Havel - gleich Ihnen eine moralische Autorität - vor dem Europäischen Parlament 1994 die folgende Vision entwickelt: "Die Europäische Union begreife ich nicht als einen monströsen Superstaat, in dem sich die Eigenständigkeit all der überaus vielfältigen Teilelemente Europas, seiner Nationen, Staaten, Volksgruppen, Kulturen, Regionen nach und nach aufzulösen hätte. Im Gegenteil: Ich begreife sie als den systematischen Aufbau eines Raumes, der es diesen verschiedenen eigenständigen Teilelementen Europas erlaubt, sich in Freiheit und auf je arteigene Weise zu entfalten."

Zu Ihrem Europäer-sein gehört für Sie die Verankerung in Ihrer Heimat im bergischen Land, in Nordrhein-Westfalen, in Deutschland. Ich freue mich noch heute, wenn ich entdecke, dass jemand das Wort von den "Brüdern und Schwestern" nicht für eine Art liturgische Formel in den Ansprachen zum 17. Juni gehalten hat - denn zu oft war es ja so. Sie, sehr verehrter Herr Bundespräsident, haben die Teilung unseres Kontinentes, aber besonders auch unser Landes nicht hingenommen und, wie Cornelius Bormann in seinen einfühlsamen Porträt über Sie schreibt, "zeit ihres Lebens gesamtdeutsch empfunden, gedacht und gehandelt", mit einem bemerkenswerten Freundeskreis jenseits des damaligen Eisernen Vorhangs.

Es sei mir als Thüringerin erlaubt, wenigstens als Fußnote anzumerken, dass Sie 1943 auch ein halbes Jahr in Erfurt gelebt haben und dort einen Onkel hatten, zu dem Sie auch nach Ihrer Rückkehr nach Wuppertal den Kontakt gehalten haben. Und da Sie selbst schon gelegentlich darüber berichtet haben, dass Sie in Bad Sulza zum ersten Mal gerodelt sind, will ich es ebenfalls hinzufügen, nicht zuletzt, weil dieser Kurort in meinem Wahlkreis liegt. An ein Schild mit der Aufschrift: "Hier ist Bundespräsident Johannes Rau zum ersten Mal Schlitten gefahren" ist vorerst allerdings noch nicht gedacht. Solche Inschriften werden bei uns vornehmlich dem großen Jubilar dieses Jahres 1999, Johann Wolfgang v. Goethe gewidmet, der in der Tat auch in jenem Ort gewesen ist.

Heute stehen Menschen, die sich über all die Jahre für die Einheit unseres Landes in einem geeinten Europa eingesetzt haben, vor anderen Aufgaben. Es kommt darauf an, nach der äußeren Einheit auch die innere Einheit herzustellen und den Patriotismus für ein Gemeinwesen zu erklären, dessen Vielfalt nicht mehr nur durch das stammhafte Gefüge und Ost-West-Probleme geprägt wird, sondern weit mehr noch dadurch, dass immer mehr Menschen anderer Herkunft in Deutschland leben. Und wenn Sie sinngemäß schreiben, dass die Zukunft dieser Menschen nicht mehr ausschließlich durch ihre Herkunft bestimmt sein soll, haben Sie die vor uns liegende Integrationsaufgabe, die gleichermaßen eine deutsche wie europäische Aufgabe ist, damit in der knappestmöglichen Form umrissen.

Dazu aber ist es notwendig zu sagen, worin diese Zukunft bestehen soll, woraufhin sich die Bürgerinnen und Bürger zukünftig integrieren sollen? Das ist eine Frage, die sich nicht zuletzt an eine alte Kulturnation richtet, die aus der Kultur einen wesentlichen Teil ihrer Identität gewonnen hat und in ihrem Selbstwertgefühl durch den radikalen Kulturbruch unseres Jahrhunderts schwer erschüttert worden ist. Was für ein Angebot können wir denen unterbreiten, die zu uns kommen? Und wie gehen wir damit um? Ihre Unterscheidung zwischen Fremdenangst und Fremdenfeindlichkeit sind ein Hinweis darauf, wie komplex diese Aufgabe ist.

An Fragen wie diesen können wir heute angesichts der europäischen, ja weltweiten Entwicklung nicht vorbeigehen. Reinhold Schneider sagte in seiner Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels dazu: "Wenn man von einem Volk einen neuen Einsatz verlangt, so muss man ihm ein Bild geben, das es führt, was auch vorausgegangen sein mag."

Das deutsche Volk, dem zu dienen uns durch unsere Amtseide aufgetragen ist, braucht Orientierung in einem Umbruch, dessen Dimensionen uns allmählich zu dämmern beginnen. Das ist sicherlich eine der vornehmsten Aufgaben, die Ihnen mit der Macht des Wortes im Amt des Bundespräsidenten für unser Land gegeben ist.

Es ist ja bekannt und damit möchte ich zum Schluss kommen, dass Thüringen bei der Wahl des Bundespräsidenten eigene Karten im Spiel hatte. Doch eines sollte dabei nicht in Zweifel gezogen werden, nämlich, dass es gut ist, wenn der Übergang ins neue Jahrhundert von jemanden moderiert und begleitet wird, der erlebt hat, wie und unter welchen Umständen die Bundesrepublik Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist, wie unter maßgeblicher Beteiligung von Christen in unserem Land eine politische Kultur entstanden ist, die unseren demokratischen Verfassungsstaat trägt, wie dieses Land seinen Weg nach Europa gefunden hat - kurz: jemand der diesen Staat mit gestaltet hat.

Die alte neue Hauptstadt Berlin und die Beteiligung der deutschen Truppen im Kosovo sind dabei nur zwei Stichworte mit denen sich eine ganze Fülle von Gedanken verbindet. Vieles wird sich ändern, deshalb ist es gut, wenn jemand da ist, der in dieser Zeit Kontinuität und Erfahrung verkörpert. Gerade deshalb wünsche ich Ihnen Gesundheit, Kraft, Phantasie und Gottvertrauen, damit dieses Land seinen Weg noch ein gutes Stück gemeinsam mit Ihnen gehen kann.

Ihnen, sehr verehrter Herr Bundespräsident, lieber Herr Dr. Rau, herzlichen Glückwunsch zur Verleihung der Reinhold-Schneider-Plakette und Gottes reichen Segen auch weiterhin.


Weitere Preisträger der Reinhold-Schneider-Plakette sind der Thüringer Ministerpräsident Dr. Bernhard Vogel, Bischof Dr. Alfons Nossol aus Opole/Oppeln und Prof. Dr. Carl Friedrich Freiherr von Weizsäcker.


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