Je nach Gusto gewürdigt und verfemt:
Die Staatskirche und ihre Schäfchen.

In einer Rede versuchte Kardinal Meisner, seinem skandalösen Satz "In betenden Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher" noch eins draufzusetzen. Er stellte den "betenden Soldaten" in die Reihe des antifaschistischen Widerstands. Als Zeugen bemühte Meisner den konservativen christlichen Schriftsteller Reinhold Schneider und führte in seiner Predigt aus: "Auf dem Höhepunkt der Nazidiktatur schreibt Schneider die unvergänglichen und heute noch gültigen Worte: 'Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten und diese Welt den richtenden Gewalten durch ein geheiligt Leben abzuringen."

Es überrascht kaum, daß Meisner nicht die antifaschistischen Soldaten des "Nationialkomitee Freies Deutschland" meinte. Und es überrascht zunächst auch nicht, daß er als Zeugen für die "unsere Freiheit verteidigenden Soldaten Christi" (Kardinal Spellman) den "inneren Emigranten" Schneider bemüht. Denn der 1903 geborene Reinhold Schneider konnte unter den Nazis immerhin noch bis 1940 ungehindert publizieren. Aus dieser Zeit stammen auch seine bekanntesten Werke wie "Die Hohenzollern" (1933), "Auf Wegen deutscher Geschichte" (1934) oder "Las Casas vor Karl V." (1938). Schneider behandelt darin - wie auch in späteren Büchern - Themen aus Geschichte und Geistesgeschichte zu "Macht und Gnade", "Macht und Geist".

(Literatur)politisch wird Schneider nicht zu Unrecht Schriftstellern(innen) wie Ernst Jünger,
Werner Bergengruen, Marie Luise Kaschnitz oder Ernst Wiechert zugeordnet. Über deren heute von interessierter Seite behaupteten "Widerstand" per historischer Camouflage im Dritten Reich, sprich: den Versuch, durch Behandlung von geschichtlichen Geschehnissen heimlich auf die Gegenwart zu verweisen, kann man sicher unterschiedlicher Auffassung sein. Und man muss gar nicht so weit gehen wie Thomas Mann, der im September 1945 über die so genannten "inneren Emigranten" schrieb: "In meinen Augen sind Bücher, die von 1933 bis 1945 in Deutschland überhaupt gedruckt werden konnten, weniger als wertlos und nicht gut in die Hand zu nehmen. Ein Geruch von Blut und Schande haftet an ihnen; sie sollten alle eingestampft werden."

Als Argumentgehilfe jedoch wird Schneider in seiner Biografie nach 1945 in einem Gottesdienst für NATO-Soldaten 1999 für Meisner zu einem endgültigen Rohrkrepierer. Denn ziehen christliche Autoren wie Schneider aus ihrem Verhalten im Faschismus danach wider Erwarten keine systemkonformen Schlüsse, bekommen sie sehr bald den Unwillen der Herrschenden zu spüren. Schneider z B. - und Meisner spekuliert darauf, daß Gottesdienstbesucher und Öffentlichkeit dies nicht wissen - trat in der jungen BRD mit Artikeln und Reden gegen die Wiederaufrüstung Westdeutschlands, gegen die Gründung der Bundeswehr auf. Schneider war Mitunterzeichner des "Deutschen Manifest" der Paulskirchenbewegung, die 1955 die Ratifizierung der Pariser Verträge und damit die endgültige Remilitarisierung Deutschlands verhindern wollte.

Beruflich wie gesellschaftlich wird er wie seine Kollegen Stefan Andres oder Günther Anders, mit denen er gegen die Bewaffnung der Bundeswehr mit Atomwaffen kämpfte, isoliert. Dieser von Meisner heute als kirchlicher Kumpan usurpierte Schriftsteller, der aus seinen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus gelernt hatte, wurde zunehmend als engagierter Pazifist geschnitten. Seine Artikel und Aufsätze wurden nicht mehr gedruckt - selbstredend auch nicht mehr in den der katholischen Amtskirche nahestehenden Blättern. Man läßt ihn kaum noch im Rundfunk sprechen. Finanzielle Schwierigkeiten stellen sich ein. Bitter klagend schreibt er an Werner Bergengruen: "Ich genieße wenigstens den Vorzug des Krankseins und bewege mich nicht von der Stelle (er zog sich schwere Verletzungen bei einem Unfall zu, an denen er schließlich starb,), während ich einmal als Jude, dann als Kommunist, neuerdings als geistig umnachtet gelte, wieder totgesagt werde oder auf dem Weg bin, Protestant zu werden und in Wahrheit nichts weiter sein möchte als ein lebendiger Christ."

Schneider starb 1958 in Freiburg, von seiner Kirche verfemt und vergessen gemacht - bis zum 21. Januar 1999, als ihn Kardinal Meisner zwecks kirchenstaatstragender Überlegungen im Hohen Dom zu Köln reanimierte.

Einen Vorgang der geistigen Nekrophilie könnte man das nennen oder volksnaher ausgedrückt: Der Herr Kardinal entpuppte sich vor laufenden Kameras schlicht als Leichenschänder.

Von Volker Adam


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