Erinnerung an Reinhold Schneider. In seinen letzten Jahren wurde der Unbeugsame kaltgestellt.

Mahnung: "Unsere wesentliche Armut ist die an Radikalität"

Er durfte des Danks gewiß sein. Er hatte in den schlimmen Jahren "das andere Deutschland" verkörpert und dazuhin überlebt. Solange er da ist, hieß es nach 1945, haben wir ein Gewissen. Der Dichter der Sonette, die während des Krieges von Hand zu Hand gegangen und in einer unübersehbar hohen Auflage kolportiert worden waren, erfuhr den Umschlag von den Verehrungen zu den Ehrungen. Er erhielt Preise über Preise, sehr renommierte sogar. Der Franziskaner arrivierte zu einem Franziskus. Bis ruchbar wurde, daß er erneut für ein "anderes Deutschland" eintrat.
Reinhold Schneider wurde Kritiker einer Ära, für die der Name Konrad Adenauer steht. Das war um so peinlicher, als man ihn genau für das, was der repräsentierte, in Anspruch nehmen zu können gemeint hatte. Schneider traute seiner Augen kaum, als er sehen mußte, wie ungebrochen die Geschichte nach dem Krieg fortgesetzt werden sollte. Man wollte zufriedengestellt, aber nicht zum Frieden bestellt werden. Als plötzlich die Aufrüstung, entgegen vorherigen Zusicherungen, beschlossen wurde, rief Schneider zum Nichtmitmachen auf, verwarf mit Entschiedenheit die Wiedereinführung der Wehrpflicht, distanzierte sich von den grassierenden Verteufelungen des "Ostens" und verfocht die These, dem Kommunismus sei allein mit "unbeirrbarer Gerechtigkeit" zu begegnen, mit einer Gesellschaft also, die sich nicht vom "Unrecht ernährt", und keinesfalls mit Goliaths Gebärde der Stärke, die nur die Furcht verstecken soll. Er griff die von der herrschenden Politik mächtig forcierte Verleitung zu Unbescheidenheit, die "organisierte Unbußfertigkeit", die Wirtschaftswunderkarriere an und widersprach dem erneut geschürten, uralten Kannibalendenken, daß die "perfideste Politik im Grunde die bewunderungswürdigste" sei.

Aus der "Gnade des Unglücks" kommt der Auftrag zum Frieden

Aufs tiefste enttäuscht und alleingelassen von der Kirche oder auch von einem von Schneider geglaubten "größeren Christentum", die nicht nur schwiegen, sondern sich als Fundament für den "Unglauben der Macht" zur Verfügung stellten, entschloß er sich, zusammen mit so andersartigen Kollegen wie Arno Schmidt oder Bertolt Brecht, eine "Volksbefragung über Remilitarisierung" anzuregen. "Vermutlich würde sich das deutsche Volk, wenn es befragt würde, ohne beeinflußt zu werden, in der Mehrheit heute noch gegen die Bewaffnung entscheiden", meinte Schneider 1951. Er unterzeichnete in der DDR erscheinende Aufrufe und publizierte Friedensaufsätze in marxistischen Zeitschriften. Und 1956 solidarisierte er sich mit Brecht, dessen letzte Veröffentlichung ein offener Brief (weit zahmer übrigens als Schneiders frühere Petitionen) an den Deutschen Bundestag war, in dem es hieß: "Wollt ihr wirklich den ersten Schritt tun, den ersten Schritt in den Krieg? Den letzten Schritt, den in das Nichts, werden wir dann alle tun. Und wir wissen doch alle, daß es friedliche Möglichkeiten der Wiedervereinigung gibt, freilich nur friedliche. Uns trennt ein Graben, soll er befestigt werden? Krieg hat uns getrennt, nicht Krieg kann uns wieder vereinigen. Keines unserer Parlamente, wie immer gewählt hat von der Bevölkerung Auftrag und Erlaubnis erhalten, allgemeine Wehrpflicht einzuführen.

Solche Einwürfe lösten äußerst nervöse Reaktionen aus. Sie trafen buchstäblich ins Schwarze. Es war der deutsche politische Katholizismus der fünfziger Jahre, die Verbindung von Klerikalität mit der politischen Ideologie und Praxis des kalten Kriegs, welche die Widerrede eines Mannes, bei dem man sich bereits auf unschädliche Heiligenverehrung eingestellt hatte, nicht ertragen konnte. In dem politisch-religiösen Kartell, mit dessen angemaßter Christlichkeit Schneider ins Gericht ging, waren die tragenden Ideen tabuisiert. Der alte Mann an der Spitze verstärkte den Bann. Ein Katholik, der dies Kartell in Zweifel zog oder gar gegen es rebellierte, schien auf jene höchste Instanz einen Anschlag zu probieren, die diesen Patrioten und Patriarchen eingesetzt hatte.

Schneider war überzeugt, daß die Deutschen "von der Gnade des Unglücks" einen Auftrag zum Frieden empfangen haben. Dem in der bisherigen Geschichte "noch gar nicht erschienenen" Christentum traute er die Befreiung aus tödlichen Spiralen und Zwängen zu: "Ich habe immer die Meinung vertreten, daß ein entschiedenes Nein zur Rüstung die moralische Autorität der Kirche auf eine seit dem Mittelalter nicht mehr innegehabte Höhe steigern könnte; zugleich aber würde sie den Bruch mit dem ganzen Weltgefüge bedeuten, denn die Spitze, in der alle Kräfte zusammenstrahlen, ist die moderne Waffe" Dieser Christ, der sich so uneingeschränkt der Bergpredigt anschloß und sich damit den tiefen Respekt von Nichtchristen wie Gottfried Benn oder Axel Eggebrecht und vielen anderen erwarb, dieser Christ wurde damals nicht vom Verfassungsschutz bedroht oder verfolgt, sondern von den Wortführern einer machtorientierten Kirche, von den Gefangenen der terriblen Symbiose aus Religion und Politik.
In mehreren Phasen (für deren Nachzeichnung wir auf einen genauen und unvoreingenommenen Biographen warten) mußte Schneider die Ablehnung, ja die Anfeindung erfahren: von der heimlichen Distanzierung bis zur offenen Diffamierung. Wollte rnan seine Einsprüche zunächst als unerhebliche Lamentationen abwerten und mit bekannter Überheblichkeit zurückweisen, so wurde die Stimmung alsbald dermaßen affektiv, daß Beschimpfungen, Verdächtigungen, Androhungen, sogar Brandlegungen zu seinem täglichen Brot gehörten. Schneider wurde nach allen Regeln der Kunst verfemt, mißachtet, ausgestoßen: "Man hat offenbar vor, meine Existenz zu zerstören... Das Ziel ist erreicht, man wagt nicht mehr, mit mir zu arbeiten." Die Zeitungen, für die er geschrieben hat, der Sender in seiner Vaterstadt, in dem er regelmäßig zu Wort kam, verhängten in einer damals gar nicht so unüblichen stillschweigenden Übereinkunft das, was man später Berufsverbot nannte.

Die Erfahrung der Gottverlassenheit, ein Fehitritt?

Erst sieben Jahre später, nach Schneiders Tod, ließ die Erinnerung, ließ das Nachtragen nach. Man war geneigt, seine Irrungen und Wirrungen zu vergessen, und an seinem Grab flossen Krokodilstränen. Unversehens wuchs die Zahl derer, die sich seine Freunde nannten, obwohl sie ihn zu Lebzeiten im Stich gelassen oder verraten hatten. Ich könnte Namen nennen. Daß sich die Wut gegen ihn nicht vollends zu einem "Fall Reinhold Schneider" zugespitzt hatte, ist wohl nur zu erklären mit jener wundersamen Legierung von Gereiztheit und Sattheit, von Arroganz und Angst, die wir uns während der Restauration nach dem Zusammenbruch - während des Wiederaufbaus statt eines Neubaus - angeeignet haben. So bereitete sich anstelle des "Falls" etwas noch Beunruhigenderes vor: ein "innerer Unfall" (so Schneider), dem der äußere folgte, an dem er nach einem Sturz auf einer Straße in Freiburg zu Ostern 1958 starb.

Viele Interpreten möchten das Kapitel der Stellungnahme gegen die atomare Aufrüstung und die sich anschließende, im "Winter in Wien" reflektierte Erfahrung der Gottverlassenheit gern aus Schneiders Biographie verdrängen oder als Fehltritt auslegen. Sie möchten ihn wieder auf Maß bringen und selbst entscheiden, was zu ihm paßt, was nicht. Aber bei einem, der gesagt hat, daß "unsere wesentliche Armut die an Radikalität" ist, war das Eintreten für den Verzicht auf Gewalt keine Entgleisung, sondern die Pointe seines Lebens und Werks. Obschon der Respekt vor der Tradition die revolutionäre Tendenz dieses Mannes beständig zur Ordnung rief und bremste, sah er sich gezwungen, unaufhaltsam zu gehen, nicht um anzukommen, sondern um zu gehen... Ich muß gehen. Ich lausche nicht zurück; denn ich weiß, es geht kein Schritt mehr hinter mir." Das war die Stimme eines Einsamen, eines Außenseiters, der nicht umhin konnte, "Wahrhaftigkeit bis zum Äußersten zu intensivieren", der stellvertretend für andere das Malheur unserer Zeit erlebte und doch - wie er betonte - "keine Bangnis" verspürte.

Ich sehe ihn vor mir, wie er mich das letzte Mal, es war der 3. November 1957, im Stuttgarter Funkhaus besuchte: im Gespräch vornübergeneigt, bei allem Ernst immer voll Anmut in seinen Gesten, "Vorbote des Entsetzlichen", der mehr wußte, als er sagen konnte und daher ein diszipliniertes Schweigen übte, überaus taktvoll, gar nicht taktisch, der sich indessen plötzlich wieder zu seiner fast vergessenen riesigen Größe aufrichtete, als wollte er Depressionen verscheuchen und auch etwas von seiner versteckten Heiterkeit zu erkennen geben, die ihm eigen war und der er durch den roten Wein gern eine sanfte Unterstützung zukommen ließ. Er litt darunter, sich nicht mehr verständlich machen zu können oder zu dürfen. Einem Schriftsteller, zur Mitteilung veranlagt, widerfuhr am Ende die Stummheit. "Sprache hat kaum noch Funktion", das war sein Adieu. Und doch war sie Hoffnung, gehört zu werden.

Von Hans Jürgen Schultz
BT-Artikel vom 15.10.1994


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