Verteidiger der Wahrheit gegen die Wirklichkeit

"Die Wahrheit nur wird an die Herzen dringen und wirken wird das Wort nur, das gelebt." Dieser Satz, der auf der Gedenktafel an Reinhold Schneiders Wohnhaus in Freiburg steht, zog sich als Leitfaden durch Dr. Bernhard Vogels Interessanten Vortrag, in dem er Leben und Werk Schneiders auf seine heute noch gültige Aussage hin untersuchte. Dr. Wolfgang A. Peters, Präsident der Philosophisch-literarischen Gesellschaft Baden-Baden, der zusammen mit der Reinhold-Schneider-Gesellschaft, der Stadt Baden-Baden und der BKV für die Vortragsveranstaltung im Runden Saal des Kurhauses verantwortlich zeichnete, bezeichnete den Gast aus der Politik als einen engagierten Förderer von Schneiders Werk.
Peters schickte den Gedanken Vogels einen kurzen Überblick über das Leben Reinhold Schneiders voraus, ordnete es ein in seine Herkunft aus einer bekannter Baden-Badener Hoteliersfamilie. Denn in einem ganz besonderer Maße ist Schneiders Werk mit seinem äußeren Leben verknüpf und seine autobiografischen Bücher wie "Verhüllter Tag", "Der Balkon" und schließlich "Winter in Wien" zählen zu seinen bedeutendsten Werken. Die behütete Kindheit und Jugend im Hotel Mesmer - das geschichtsträchigste Haus Baden-Badens, so Dr. Rainer Haehling von Lanzenauer - die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges, daraus bestand das äußere Gerüst, das Dr. Bernhard Vogel mit dem "Fleisch" der Bücher, Dramen, Aufsätze, Sonette umgab, also mit der Gedankenwelt Schneiders.

Tiefste Prägung habe er in der Jugend in Baden-Baden erfahren durch das in den Hotelbetrieb integrierte Leben des Kindes, durch die Lektüre von Miguel de Unamuno, die den im Charakter angelegten Pessimismus verstärkte. Schon in den Fotos des fünfjährigen Kindes entdeckte Vogel jene Melancholie, die Schneider ein Leben lang begleitete. "Er paßte nicht in dieses Elternhaus", umschrieb Vogel. Seine Jugend fiel in die Zeit des Umbruchs.

Der Erwachsene erlebte dann die Diktatur den zweiten Weltkrieg und in den fünfziger Jahren die Wiederbewaffnung, alles zwar erleidend, aber nicht erduldend. Denn "er war ein unbeugsamer Geist, der sich nicht dem Zeitgeist beugte", schilderte Dr. Vogel den Schriftsteller. So war es für diesen nur folgerichtig, daß er sich dem Widerstand gegen Hitler anschloß. Die Anklage wegen Hochverrat im April 1945 erreichte ihn allerdings nicht mehr. Ebenso folgerichtig war für den leidenschaftlichen Vorkämpfer für Frieden, Freiheit und Menschenwürde seine Rolle als Mahner nach dem Krieg.

Vermutlich war sein engagiertes Eintreten gegen die Wiederaufrüstung die Ursache, daß es eine Zeitlang still wurde um ihn. 1956 kam dann die große Würdigung seines Werkes, als ihm der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde. Am 6. April 1958 starb Reinhold Schneider in Freiburg nach einem Sturz. Er wurde im Familiengrab der Familie Messmer-Schneider auf dem Baden-Badener Hauptfriedhof beerdigt.

Ausführlich ging der Thüringer Ministerpräsident auf die Rolle Reinhold Schneiders während des Dritten Reiches ein. Wohl unter dem Eindruck der sich abzeichnenden Katastrophe wandelte er sich vom "Metaphysiker ohne Religion" zum überzeugten Christen und Katholiken. Mit seinen Erzählungen (die berühmteste wurde "Las Casas vor Karl V.", ein leidenschaftliches Plädoyer gegen den willkürlichen Völkermord und gegen die Unterdrückung), Essays, Gedichten wurde er zum Tröster der Nation, zum Gewissen Deutschlands, zum Vorbild. Für viele gehörten Schneiders Schriften zur "geistigen Notration". Er gab Halt und Orientierung. Und nach dem Zusammenbruch machte er es vielen Menschen leichter, ein Deutscher zu sein. Er war ein "Verteidiger der Wahrheit gegen die Wirklichkeit".

Als "katholischer Dichter" ging er in das Bewußtsein ein, obwohl er in den letzten Lebensjahren zu einem veränderten Gottesbild fand. Reinhold Schneiders umfassendes Denken ist auch heute, in einer neuen Zeit des Umbruchs aktuell und des Nachdenkens wert.

BT-Artikel vom 14. 5. 1993


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