Schweineöde

Eines kann wohl als sicher gelten. An Schweineöde werden sich die Geister scheiden. Allerdings dürfte ebenso sicher sein, dass durchschnittliche Romanleser wohl eher zögerlich zu einem Schreibwerk solchen Titels greifen werden. Es sei denn, ihnen ist bekannt, was sich hinter Schweineöde verbirgt, nämlich die volksmundliche Bezeichnung für Oberschöneweide, Stadtteil Berlins.

Diejenigen, welchen der Osten Berlins geläufig ist, werden Köpenick ebenso wiederfinden wie Müggelsee und anderes Wohlbekanntes - auch die Spreewaldgurken, die in der gesamten Republik im Monat der Veröffentlichung von Schweineöde durch den Autocrash eines jugendlichen Superstars eine bundesweite Aufmerksamkeit erfuhren. Rotkäppchensekt kennt die deutsche Gesamtnation mittlerweile auch und Ostalgieveranstaltungen haben den Wessi-Ländlern die Kuscheligkeit des Ostens näher gebracht - menschlicher Durchschnitt eben.

Durchschnittlich ist Schweineöde keineswegs, eher geeignet für Liebhaber scharfzüngigen politischen Kabaretts oder - grenzfällig - auch des schwarzen Humors oder aber kreativer Wortschöpfungen.

Und worum geht es letztendlich?

Um einen nicht mehr ganz jungen Mann, der im August 1999 lesbar wartet. Raimund Wisbert Kuballa, Kneipenkind - auch wenn er in einer Edelkneipe in Bonn-Bad Godesberg groß geworden ist -, wartet in einer Einraumwohnung in der Rathenaustraße in Berlin-Hohenschöneweide. Worauf, wird durch das leserische und geistige Durchwühlen von insgesamt 20 Kapiteln erfahrbar.

Parallelen finden sich zuhauf zu eigenen Erfahrungen und zu Denkmustern, die den Einzelnen zeitweise regelrecht dazu nötigen, (Rand-)Erscheinungen aus eigenem Erlebten gedanklich einzuflechten. Jahrzehnte lang gepflegte Vorurteile, hüben wie drüben, finden Eingang in das grotesk anmutende Engagement des unvermutet zu finanzieller Unabhängigkeit gekommenen, in missionarisches Eiferertum abdriftenden Einsamen. Schwerpunkte seiner Handlungen, die ihren Anfang am "dritten April einundneunzig" als "Kuballas Abenteuer in Oberschöneweide" genommen haben, sind einmal das Hineinversetzen in und Umsetzen von Verfahrensweisen des Staatssicherheitsdienstes der untergegangenen Deutschen Demokratischen Republik, gefolgt vom glatten Gegenteil, nämlich der Identifizierung mit den Opfern. Eine nicht unbeträchtliche Reihe von Straftaten begeht Kuballa sowohl in der einen als auch in der anderen Rolle, von Bespitzelung, Nötigung, Denunziation über Sachbeschädigung bis zum Einbruch. Nur - den Raubüberfall auf die Poststelle, der das ohnehin schon vielschichtige Geschehen anreichert, hat er wohl nicht begangen.

Der Ausgang des Warteprozesses soll nicht preisgegeben werden. Den mag sich jeder Interessierte selbst erlesen.

 

Carsten Otte, 1972 in Bonn-Bad Godesberg geboren, absolvierte ein Philosophie-Studium. Er arbeitet als Redakteur beim Südwestrundfunk und lebt wechselweise in Baden-Baden und Berlin. Zwei Wochen im Monat kümmert er sich um das SWR2-Journal und das SWR-Forum. Die anderen beiden Wochen widmet er sich im Berliner Stadtteil Kreuzberg dem Schreiben.

Das im Entstehen begriffene zweite Buch soll die Kurstadt zum Schauplatz haben, von der Carsten Otte begeistert meint: "Die Stadt ist ganz große Klasse, keine typische deutsche Provinz, eher eine Art Weltdorf." (Badisches Tagblatt, 16.6.2004)

Rezension von Rika Wettstein, Baden-Baden

Das Buch ist im Eichborn-Verlag erschienen


Schweineöde - Carsten Otte

Schweineöde
von Carsten Otte
Gebundene Ausgabe
264 Seiten
Eichborn Verlag

Erscheinungsdatum:
März 2004

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