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Aufzeichnungen aus der Kinder- und Jugendzeit von Hans Goltz

Meiner lieben Nichte Diddy Goltz zur freundlichen Erinnerung an ihren früh verstorbenen Vater
von Tante Anna Freundstück geb. Goltz
Königsberg, Weihnachten 1927.

Dein Vater Hans Goltz wurde am 11. August 1873 zu Elbing als viertes Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater Benjamin Goltz besaß damals eine - schon von Generation zu Generation auf den ältesten Sohn des Stammes Goltz übergegangene Leinenindustrie mit Handbetrieb und ein angesehenes Engros- und Detailgeschäft, ein Weberhaus außerhalb der Stadt in der Sternstrasse und ein eigenes Wohnhaus mit großem Garten zum alleinigen Wohnen in der Neust. Wallstrasse. Dieses ging gleichzeitig mit dem Geschäft auch jedes Mal auf den ältesten Goltz, der seit Generationen immer Benjamin getauft wurde, über. In diesem Hause spielte sich unsere Jugend ab. Es war ein sehr altmodischer Bau, aber urgemütlich und dadurch, dass unser Großvater schon manches in demselben der Neuzeit entsprechend umgebaut hatte, waren viel verzwickte, romantische Räume, Geheimgänge und Geheimtüren entstanden, die sich so recht zu allerlei fantastischem Spiel eigneten und die wir Kinder unserem Zweck nutzbar machten. Dadurch hatten wir viel vor unsern andern Jugendbekannten voraus, und dadurch kam es, dass sich bei uns immer eine Menge Spielgefährten aller Geschwister einfanden, die der genossenen Jugendgemeinschaft bis auf den heutigen Tag die dankbarste Erinnerung bewahrt haben. Zu unserer Zeit lebte noch mit uns zusammen - jedoch in eigener Wohnung im Erdgeschoss - unsere Großmutter Goltz, die uns Kindern dadurch, dass sie alle Malzeiten mit uns gemeinsam einnahm, überhaupt Freud und Leid in der Familie teilte, sehr nahe stand, obgleich sie gewiss viel unter der Unruhe und der großen Kinderschar gelitten haben mag.

Von den anderen Geschwistern Deines Vaters waren drei älter. Zunächst als ältester Sohn, diesmal nicht Benjamin getauft, der Paul, im Jahre 1868 geboren. Dann als einziges Mädchen 2 Jahre später geb. ich, Anna. Dann kam im Jahre 1871 Walter, 1873 Hans (Dein Vater) und danach erst 7 Jahre später im Jahre 1880 der letzte Sprössling Willi, welcher aber unsere wunderschöne Kinderzeit in Elbing nur bis zu seinem 6. Lebensjahr in dieser glücklichen Umgebung und den guten Verhältnissen verleben konnte, weil unsere Eltern im Jahre 1886 ihren ganzen Besitz, auch das Haus durch unverschuldetes Unglück verloren und nach Königsberg übersiedelten, wo alsdann auch Deines Vaters getrübte Jugendzeit begann. Zunächst will ich aber aus seiner glücklichen Kinderzeit und von seinem lieblichen Wesen erzählen.

Er war ein sehr blondes, zart und sanft aussehendes Lockenköpfchen von stiller, etwas träumerischer Art, ein Kind, dass sich von klein auf bei jedem Menschen Liebe erwarb.

Im Gegensatz zu seinem etwas älteren Bruder Walter, dem wilden Hahnchen, wie ihn Großvater nannte, der sehr lebhaft und immer zu den verwegensten Streichen aufgelegt war, war das sanfte Hänschen nie im Hause zu hören. Er brauchte auch niemand, wenigstens nicht zu seiner Unterhaltung.

Nur als ganz kleiner Bub, als er noch nicht gehen konnte, ängstigte er sich sehr, in einem Zimmer allein zu bleiben; und das war wohl die einzige Veranlassung bei ihm zum Weinen, wobei er dann so ein süßes Flunschchen zog, dass wir alle so gerne sahen. Ich weiß mich zu besinnen, dass ich, wenn ich ihn beaufsichtigte, dann absichtlich für einen Moment aus dem Zimmer ging, bis er sein Schnutchen zog, was ich durch die Glastür beobachtete, nur um ihn danach zu trösten und glücklich machen zu können. Dann konnte er so dankbar zärtlich sein und mich mit seinen dicken Ärmchen glücklich umhalsen.

Von den großen Brüdern wurde er eigentlich schlecht behandelt, sie fühlten sich ihm, mit ihrem lauten lebhaften Wesen, weit überlegen und waren es in ihrer Art auch. Paul war es in geistiger Beziehung. Er war klug und hoch intelligent, hatte auch sehr schöne Charaktereigenschaften; nur war er durch und durch Despot, wir andern mussten uns ihm unbedingt fügen, und deshalb kam ihm leicht die Überlegenheit. Walter wieder besaß sie dadurch, dass er körperlich äußerst gewandt war, immer munter und witzig, nie aber für Ernst und Geruhsamkeit zu haben war. Hänschen hatte dagegen ungewandte Glieder, war auch in seinem Wesen mehr stiller Träumer in seiner eigenen Welt, die ihn so beschäftigte, dass Äußerliches für ihn versinken konnte. Wenn er dann in Gedanken versunken ging, konnte es vorkommen, dass er ohne Hindernis über seine eigenen Beine flog, über seine eigenen Füße fiel, was von den Geschwistern fiel belacht wurde, weshalb sie ihn oft scherzhaft drohten, ihn an die Leine zu legen. Umsomehr hätten wir das kleine Kerlchen hüten müssen und schonen, stattdessen aber verschuldeten wir in seinem 4. Lebensjahr durch Leichtsinn einen Unfall, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte.

Am Ende unseres großen Gartens floss damals der "Holländer Graben" vorbei, vor dem unsere Mutter immer Angst hatte und uns hütete. Umsomehr reizte es uns, dem Verbot dorthin zu gehen zu trotzen. Als einmal kurz vor Weihnachten der erste Frost übernacht eingesetzt hatte und der nächste Tag ein Sonntag war, lockte es uns die dünne Eisdecke zu untersuchen. Das taten wir aber nicht vorn Lande aus, sondern alle Vier gingen wir auf die schlüpfrige kleine Brücke und hackten mit dem Absatz Löcher ins Eis. Da - und Plumps - und Hans lag im Wasser. Während ich ein mörderisches Geschrei erhob, das aber doch bis zum Hause nicht dringen konnte, hatte Paul zum Glück die Geistesgegenwart und Fixigkeit den kleinen Hans, als er einmal wieder hoch kam, ins Genick zu packen und herauszuziehen. Nach verabreichter Tracht Prügel, die Vater jedes Mal demjenigen erteilte, der in den Graben gefallen war (wir sind alle mehrmals hinein gefallen und immer durch Zufall gerettet worden) wurde Hänschen ins Bett gesteckt und mit Tee- und Wärmflaschen gesund gemacht. Ein anderes mal, als Großmutter ihm für ein gefundenes Vierklee 2 Pfennige schenkte, ging er sich dafür bei dem Krämer drüben Bonbons kaufen, und während er im Gehen einen Bonbon in den Mund steckte, stolperte er, fiel hin und brach sein Ärmchen, was bei den Brüdern nicht Mitleid, sondern Spott hervorrief. Anders gingen alle Erwachsenen mit ihm um, die mit und um uns lebten.

Im Dienste unserer Eltern war während unserer ganzen Jugendzeit, also mehr als 15 Jahre, eure Stütze, Ida Barthels mit Namen, die ein Stück unserer Kindheit war und mit zu den lieben Erinnerungen gehört. Eigentlich war sie Weberin, eines der 100 Weber, die Vater in seinem Betrieb angestellt und beschäftigt hatte, einzige Tochter, die unsere Eltern nach dem Tode ihrer Eltern ins Haus nahmen. Ihr lag es ob, neben gelegentlichen Webearbeiten einer eigenen Spezialität, uns Kinder zu betreuen. Das tat sie mit Hingebung (Hingabe). Sie war ein lieber, treuer Mensch, liebte uns alle sehr, besonders den damals Jüngsten Hans. Stundenlang konnten wir ihren sehr hübsch erzählten und manchmal selbst erdachten Märchen und ihrem Gesang lauschen. Das heißt, am meisten wir beide, Hans und ich, wobei wir dann jeder von einer Seite in ihrem Webstuhl, in ihrem eigenen traulichen Stübchen saßen. Walter hatte nicht immer die Ausdauer und Paul fühlte sich meistens zu erhaben. Idas Tante, Mienchen geheißen, hatte ebenfalls bei unserm Vater eine Anstellung; und ihr Arbeitsstübchen war oben im Hause und ebenso gemütliche.

Ganz besonders interessant und anziehend war eine große Winde darin, die mitten im Zimmer von der Decke bis zum Fußboden angebracht war, auf der Garnketten zum Weben geschoren wurden und dazu immer leise in die Runde gedreht wurden. Wer von den beiden kleinen artig war, durfte ein paar Runden Karussell auf dem Windgestell mit fahren. Das war natürlich immer nur Hänschen, bevor der Spätling Willi so weit war. Dann konnte er vor Seligkeit jauchzen und das alte Mienchen durch seine Zärtlichkeit glücklich machen.

As drittes Faktotum - die Köchinnen waren nie so lange da - muss ich noch den Arbeitsmann Braun erwähnen, dessen Arbeitskraft zwar das Geschäft erforderte, der uns Kindern aber wegen seiner gelegentlichen Liebesdienste ebenfalls eine liebe Erinnerung ist. Nicht nur hat er sich verschiedentlich Rettungsmedaillen verdient, wenn er eins von uns aus dem Graben zog, noch höher werteten wir seine Hilfeleistungen beim Gondeln auf dem Graben in Bottichen, die er auf Dichtheit untersuchte, und bei allen sonstigen Vergnügungen. Am schönsten aber waren die Schlittenfahrten, wobei er als Pferd fungierte. Wir besaßen einen schönen 4sitzigen Kinderstuhlschlitten mit grünem Tuch ausgeschlagen. Darin wurden wir- früher hatten wir strengere und beständigere Winter - alle Vier morgens in die Schule und nachmittags spazieren gefahren von den alten, lieben, krummen Braun. Auch zu den im Sommer wichtigen Geräten für die Gartenspiele half er uns und war stets ein treu ergebener Freund, Beichtvater und Vermittler.

Als für Hans die Schulzeit begann, ging eine Wandlung in ihm vor, jedenfalls schien es so, da wir ihm Selbständigkeit und Eifer nicht zugetraut hatten. Am meisten waren die Brüder überrascht, als sich der stille, zarte Träumer, den sie oft als blöd bezeichneten und hänselten, als Musterschüler entpuppte, in aller Stille glänzende Fortschritte machte, ja sogar den 1 ½ Jahre älteren Walter, der ganz und gar nicht fürs Lernen und wissenschaftliche Bildung war, überflügelte. Das ging diesem denn doch über den Spaß und er ließ seinen Zorn oft in hämischen Bemerkungen aus. Er litt vielleicht selbst sehr unter seinem Neid gegen den gutgearteten jungen Bruder und es machte ihn oft so bitter und gehässig, dass er sich zu hässlichen Verdächtigungen hinreißen ließ. So behauptete er eine Zeitlang, dass Hans, der ein frommer Junge war und als Kind den Wunsch hatte, Pfarrer zu werden, und mit seiner Frömmigkeit täusche, dass er nur zum Schein abends im Gesangbuch las, in demselben aber eine Indianergeschichte verborgen hätte. Wenn unsere Mutter dann Walter wegen seiner Gehässigkeit verwarnte, fühlte er sich zurückgesetzt und warf ihr ungerechte Behandlung vor.


Zum Glück trafen aber Hans selbst diese gelegentlichen Angriffe von Walters Seite nicht tiefer. Er erkannte, dass sie bei Walter aus einem gewissen geistigen Manko entsprangen, außerdem war Hans sehr verträglich und lebte in seiner eigenen Welt so glücklich wie nur möglich. Wenn er nun auch Walters Neigung zu Sport und kühnster Turnerei durchaus abhold war, so beteiligte er sich dagegen gern an unseren gemeinsamen Exkursionen in Elbings schöner, waldreicher Umgebung, bei denen wir mit vielem Proviant von Mutter ausgerüstet, unter Pauls Führung selig unsere Freiheit genossen. Auch unterwarf er sich gern den Ideen und Anordnungen des ältesten Bruders, der eine große Neigung zum Theaterspiel hatte. Dieser wusste immer die schönsten Stücke zu beschaffen oder selbst zu verfassen, jedem von uns die richtige Rolle zuzuteilen und gab den prächtigsten Theaterregisseur ab und Theatermaler in einer Person!

Unser Haus war bald oben, bald unten, leicht für Bühnen herzurichten, und in einer Vorratsstube gab es einen großen, großen Kleiderschrank mit alten Raritäten, die uns als Garderobiere zur Verfügung standen. War das eine Wonne, wenn wir allerlei Gestalten darstellen konnten, die, solange nur in unserer Phantasie als unerreichbare Fabelwesen existierten. Das war auch Hänschens Welt, in der er sich wohl fühlte, ohne sich bewusst zur Geltung zu bringen. Er konnte seine Rollen stets gut auswendig und doch sahen wir nie etwas von seinem Büffeln. Am Sonntagnachmittag war dann große Vorstellung. Die Billetts dazu aber musste stets Walter verkaufen. Er war der Praktischste und schlug am meisten Geld heraus.

Als Hans 7 Jahre alt war, kam das jüngste Brüderchen Willi auf die Welt, über dessen Erscheinen wir beiden Ältesten sehr beglückt waren. Ich hatte doch nun wieder so etwas Kleines, Liebes zu betreuen, und Paul schwelgte schon in seiner kommenden Rolle als Kommandeur und Erzieher. Walter verhielt sich vollständig passiv, wusste mit solch einem Knirps nichts anzufangen und Hänschen war in der ersten Zeit ein klein wenig eifersüchtig, denn nun war er nicht mehr das Nesthäkchen und Mutters Verzug allein. Allmählich aber hatte er selbst große Freude an dem kleinen Wicht, der von klein auf eine fabelhafte Selbständigkeit und Würde und so ein liebendes Gemüt besaß, dazu von drollig reizendem Äußern war, dass er ihm die Zuneigung von allen, allen Menschen gönnte.

Hans wuchs sich ja nun auch zum größeren Knaben aus und ungefähr in seinem 10. Lebensjahr gab´s eine schöne Episode in seinem Dasein durch Vermittlung eines Oberlehrers in seinem Gymnasium, der Hansens Leistungen und sein liebes Wesen empfehlend lobte, wurde Hans von dem Vater eines Mitschülers, Leutnant Freiherr von Esebeck, zu täglichem Umgang mit seinem Sohn gebeten, der darin bestand, dass Hans mit jenem die Schularbeiten gemeinsam machte und dann noch ein bis zwei Stunden in dessen herrlichen Park verbrachte. Dazu kam jeden Nachmittag das Ponyfuhrwerk vorgefahrene, um Hans abzuholen, oder den Freund bei uns abzusetzen. Dadurch wurde nun wieder der Neid bei Walter entfacht. Hans empfand es selbst peinlich, dass er der Bevorzugte war, - in seiner Bescheidenheit sagte er sich nicht, dass es ein Verdienst seiner Persönlichkeit war. So gern hätte er geteilt, da kam der auf eine schöne Idee. Der Oberst hatte im Stalle ein paar wundervolle Pferde, welche die Knaben jeden Nachmittag bewegen sollten; da fragten sie einmal, ob sie mit den Pferden Abrichtungsversuche machen dürften wegen einer Zirkusvorstellung. Als sie lachend die Erlaubnis erteilt bekamen, erklärten sie, dass sie selbst dazu nicht fähig seinen, da müsste ihnen ein Bruder Goltz, der sehr kühn und verwegen sei, dazu verhelfen. Nun erging die erste Einladung an Walter, der überglücklich war und mit Feuereifer die Sache in die Hand nahm, den beider feinen Knaben ungefährliche Rollen zuteilten selbst aber im Bajazzokostüm - meinem Badeanzug mit roten Herzen benäht - eine ganz schwierige unternahm, die unter den Zuschauern großen Jubel und viel Bewunderung hervorrief. Seitdem war der Friede unter den Geschwistern hergestellt, aber die schöne Zeit bei Esebecks sah ihrem Ende entgegen. Das Militär kam ganz von Elbing weg und alle Offiziere wurden versetzt.

Aber es gab auch bei uns daheim in unserem schönen Garten, in dem im Sommer alle Malzeiten eingenommen wurden, und in dem wir ein eigenes Turngerät besäßen, Vergnügungen und Abwechslung genug. Mit einem großen Handwagen, auf dem wir alle Vier Platz hatten, ließen wir uns von Paul, dem sichreren Steurer, unter Nervenkitzel einen Abhang bis zum Graben hinuntersausen. Auf dem Graben fuhren wir in einer Waschwanne Kahn. Ein früherer Schweinestall am Wasser wurde von den Jungen als Badebude eingerichtet und in demselben Badefeste veranstaltet, im Winter dort Eisfeste, und dies alles unter Beteiligung der halben Schule, die vielfach hinterher zu Bratäpfeln und Nüssen bei Goltzens waren; dann die Kinderbesuche im Sommer, wenn das Obst reif war, oder auch noch nicht reif war. Die Menge Stachelbeersträucher wurde doch stets schon halbreif geplündert, trotzdem es danach Leibschmerzen und Schelte gab, aber es lag sich doch so schön im heimlichen Versteck unter denselben.

An schönen Sommersonntagen hatten auch die Eltern Zeit zu Erholung und Genuss. Oft wurde ein Wagen genommen und nach Vogelsang gefahren, dem wundervollen Waldaufenthalt, den wir zu Fuß in circa einer Stunde erreichen konnten. Zum Durchwandern des Waldes mit seinen Bergen und Tälern und zauberhaften Aussichtsstellen kann man Tage brauchen, deshalb machte man bei jedem Aufenthalt dort eine andere Partie. Ein bis zweimal im Jahr machten wir mit Bekannten oder Verwandten eine Tour nach Panklau und Ladinen (?) unweit des Haffes gelegen und hochromantisch. Dabei war die zweistündige Wagenfahrt unter großer Fröhlichkeit und durch wundervolle Landschaften schon allein verlockend. Unvergesslich war uns später noch immer, wie glücklich unser Vater solche Ausflüge genoss, der Natur über alles liebte und sehr stolz auf die Umgebung seiner Heimat war. Wenn er uns in Panklau in die "Heiligen Hallen" einen ganz aparten Laubbaumbestand mit hoher Kronenwölbung führte und uns Sinn und Freude für diese Gotteswunder beibrachte, und wenn wir dann spät am Abend schon in Dunkelheit die Heimfahrt antraten, war es immer er, der in Dankbarkeit und Glückseligkeit über so viel Genießen das erste gemeinsame Lied anstimmte, trotzdem es meistens falsch war, denn er hatte weder Stimme, noch musikalisches Gehör. Es sollte eben nur der Ausdruck seiner glückseligen Stimmung sein, die so leicht himmelhochjauchzend zu Tode betrübt sein konnte, je nach Anlass dazu. Die Geburtstage von Mutter, Hans und Walter, welche im Sommer waren, wurden daheim mit Gartenfesten und bengalischer Beleuchtung gefeiert, und die, welche in den Winter fielen, bei herrlichster Unterhaltung im lieben, gemütlichen Heim, wobei eine Verlosung immer die Hauptsache war. Köstliche Bewirtung und das liebende Verständnis unserer herrlichen Mutter für eines jeden Verschiedenartigkeit und Neigung machten sie auch unvergessen, auch bei Freunden und Verwandten. Am allerschönsten aber war das Weihnachtsfest.

In Elbing war es Sitte, am ersten Feiertag früh die Bescherung abzuhalten. Wir fanden es herrlich so ganz mit einem Feiertag zu beginnen um dann im Jubel drin zu bleiben. Wochenlang vorher waren die üblichen Vorbereitungen, die jedes der Kinder nach seiner Art verschieden betrieb. Paul z.B. machte ganz kunstvolle Laubsägearbeiten oder Malereien, er war der handgehschicklichste. Dann am Heiligen Abend durften wir Kinder mit unserer Ida auf den Weihnachtsmarkt und in eine Spielwarenausstellung. Das brachte eine solche Aufregung und Vorfreude in unser Gemüt, dass wir uns in der Vornahme einig waren, die darauf folgende Nacht nicht einzuschlafen, um Punkt 5 Uhr schon auf dem Posten zu sein und das ganze Haus zu wecken. Der Einzige aber, der es wahr machte, war der nimmermüde Walter, und wirklich ging sein Wecken um 5 Uhr früh los, zuerst die Brüder, dann mich, dann die Ida, dann die Köchin, die Großmutter und die Eltern. Er lief treppauf, treppab, bis er alle in Bewegung wusste. Von 6 Uhr saßen wir Kinder erwartungsvoll auf der kleinen Treppe, die zum Weihnachtszimmer führte, und lugten durch die Spalte nach einem Schein. Punkt 7 Uhr ertönte die Glocke und dann platzten wir alle zusammen wie eine Bombe ins Zimmer, um im nächsten Augenblick ergriffen über den Weihnachtszauber, den Mutter stets über den ganzen Raum zu verbreiten wusste, zu verstummen und uns auf das zu besinnen, was uns oblag. Paul und ich machten Weihnachtsmusik, Walter und Hans sprachen ihre Gedichte und klein Willi zappelte selig über den Tannenbaum und den ganzen Weihnachtszauber und Jubel. Dann erst durften wir uns über unsere Tische hermachen. Am Vormittag kamen dann immer die Weberkinder, denen wir die Bescherung richteten und abends war bei Großmutter unten im großen Saal noch einmal Bescherung, wozu auch deren Großkinder und sonstige Verwandte kamen, eine große, große Gesellschaft, für Paul und Walter als willkommene Abwechslung empfunden, für mich und Hans aber allzu trubolös und der Weihnachtsstimmung nicht entsprechend. In den letzten Jahren, die wir in Elbing verlebten, machte es sich mehr und mehr bemerkbar, dass Hans sich lieber zu den ethischen Unterhaltungen hielt, wenn er es nicht vorzog, überhaupt zu verschwinden, um allein zu lesen oder zu lernen. Damals sahen wir darin eine Eigentümlichkeit in seiner Neigung zu stiller, ernster Betätigung und oft tat es uns leid, dass er wenig Jugendlust aufzubringen vermochte, wie wir meinten. Er aber hat nichts von den rauschenden Äußerlichkeiten entbehrt, er fühlte sich in dem Gedanken glücklich, die Fähigkeiten zum geistlichen Studium zu besitzen, die er fördern wollte, auch brauchte er die innere Sammlung für seine seelischen Elbing. Erlebt hat er damals alles schon im wirklichen Sinne des Wortes, ihm bedeutete alles, was er durch seine geistigen Inhalte erlebte, Lebenssteigerung, geistigen Gewinn.


So wuchs und reifte jedes der Geschwister in seiner Art verschieden, denn nun kamen die Jahre zwischen sorgloser Kinderglückseligkeit und allmählich bewusster Verantwortlichkeit. Kritik setzte ein, gegen alles was uns auffiel; sie richtete sich sogar manchmal hart und lieblos gegen die bestehende Weltordnung, wie man es zu häufig bei Jugend findet. Wie nun jeder seine Sehnsüchte trug, müsste für Erwachsene interessant betrachtet gewesen sein. Wir konnten unsere verschiedenen Eigenarten nur mit dem Gefühl erfassen und erst hinterher unbewusste Beobachtungen erklären. So ist mir in Erinnerung, dass wir alle von Paul, dem Hochbegabten, Talentvollen und überaus real Denkenden das Allerbeste erwarteten und an sein Werden die allergrößten Hoffnungen, Ansprüche stellten, und - sie erfüllten sich auch bis zu seinem 18. Lebensjahr. Ich wurde von den Geschwistern für sehr dumm gehalten, weil ich trotz meiner angeborenen Lebensfreude jeden geringsten Kummer entsetzlich schwer und tragisch nahm und nicht leicht über Kränkungen hinwegkam, wie es auch heute noch der Fall ist. Am meisten litt ich unter der Einbildung der unverstandenen Kreatur, ich konnte ich mich damals mit meinem inneren Erleben an niemanden wenden und hatte doch solch großes Anlehnungsbedürfnis. Hansens Gefühlswelt war mir wohl verwandt, aber doch hielt mich eine gewisse Scheu vor Austausch innerer Seelenstimmungen zurück. Später haben wir uns auch mit dem gesprochenen Wort gut verständigen können. Walter blieb derselbe lebhafte, praktische, tätige Junge der sich rücksichtslos auslebte und der Schrecken aller Nachbarn und der Freundinnen war; und doch konnte er von rührender Anhänglichkeit und Gutmütigkeit sein, wenn man lieb mit ihm war. Wenn unsere Mutter einmal, anstatt auf alle Klagen über ihn, ihn in den Arm nahm und liebendes Verzeihen gab, war für eine Weile Walter wunderbar zu lenken - bis dann doch wieder der trieb zu ungebändigter Freiheit überhand nahm.

Wie sich Hans, der immer Gute, Sanfte innerlich entwickelte, blieb uns ziemlich rätselhaft. Auch bei ihm war die Wandlung nicht offensichtlich, und doch muss sich damals schon die ihn später so auszeichnende Willenskraft und Tatkraft und der Sinn für alles Große, für edles Wirken, für Erhabenes und Schönes entwickelt haben. Nie hätte man damals dem sich immer gleich bleibenden, äußerlich ruhigen Knaben solch einen Enthusiasmus, solch Temperament zugetraut, wie er sie in Wirklichkeit besessen hat. Willi, der Jüngste war damals am beachtenswertesten, weil er eben im entzückendsten Kindesalter war und mit seiner Ehrpusslichkeit und Vernünftigkeit - wir nannten ihn seinen eigenen Großvater - ein goldiger, drolliger Wicht war. Da war es kein Wunder, wenn wir Großen von andern kaum beachtet wurden. Ihm hätten wir die, schöne Kinderzeit in Elbing, wie wir sie verleben durften, länger gewünscht, so dass er, gleich uns, bleibende Eindrücke und später die herrlichen Erinnerungen hätte haben können, aber als er 5 Jahre alt war, begann für unsere Eltern eine Sorgezeit, welche die ganzen Verhältnisse umwälzten.

Zuerst im Jahre 1884 wurde in Elbing eine maschinelle Weberei gegründet, die den alten Handbetrieb als überlebt erledigte. Unser Vater aber war auf das Alte eingestellt und konnte sich der neuen Zeit nicht anpassen. So kam es, dass die hochangesehene, weitbekannte Leinen-Fabrikation von Benjamin Goltz und Sohn mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Ein hilfsbereites Einspringen unseres Vaters für einen alten Geschäftsfreund, wie er es oft schon vertrauensselig getan hatte, wurde von diesem mit Betrug belohnt, wobei Vater seine Bürgschaft von 30 000 Talern einlösen musste und das brachte den völligen Ruin 1886! Es blieb nichts übrig als Haus und Hof zu verlassen und auf die Wanderschaft zu gehen. Das war so schmerzlich, dass ich näher nicht darauf eingehen will. Ich weiß auch nicht, wie es die andern Geschwister traf, nur was ich dabei erlebte und litt, und das war so maßlos und blieb unvergessen. Nicht allein die altvertraute Heimatstadt, das liebe Haus, den Garten, die Freunde mussten wir verlassen, auch die alte, kranke Großmutter, die bald danach starb, und - Paul - welcher dort in einer Optiklehre war, um später Elektroniktechniker zu werden. Er wohnte in einem entlegenen Stübchen bei Großmutter und wurde von einer Tante verpflegt, aber er war sich allein überlassen und sein so viel versprechender Charakter hatte noch nicht die Festigkeit und Reife, den weltlichen Lockungen und schlechter Gesellschaft zu widerstehen. Ihm fehlte weiter doch die liebevolle Führung der Mutter, der er später viel Sorge und Herzeleid, besonders mit seiner frühen unglücklichen Heirat, bereitet hat, bis sein armes, verpfuschtes Leben im 33. Lebensjahr - fern von seiner Familie - im Elternhause, wohin er in seiner Not Zuflucht suchte, endete.

Mit uns andern 4 Kindern zog Mutter nach Königsberg, ihrer Heimatstadt, während Vater zunächst eine Anstellung in Insterberg annahm, später dann auch in Königsberg. - Die Verhältnisse änderten sich gründlich, denn jetzt mussten wir uns mit enger, kleiner Behausung begnügen, überhaupt in allem beschränken.

Ohne jeden Beistand und Rat musste Mutter sich eine Existenzmöglichkeit suchen, um sich und 4 Kinder kärglich zu ernähren. Walter wurde in eine praktische Lehre gegeben, in eine Kaufmannslehre, wozu er sich am besten eignete, er wurde aber mehrmals krank, wodurch ein öfterer Lehrwechsel eintrat. Auch ihm fiel der Zwang unter Fremden sehr sauer, doch hat er sich tapfer durchgeschlagen, später aus eigenen Mitteln Wissenschaften studiert und sich dann eine ganz zusagende Stellung in der Stadt Elbing gesucht, wo er auch seine Frau fand. Aber auch sein Leben endete dort schon in seinem 29. Lebensjahr ganz plötzlich am Herzschlag.

Hans und Willi hatte Mutter, kaum in Königsberg angekommen, in ein bestrenommiertes Gymnasium angemeldet, trotz ihrer Sorge um die Beschaffung der Mittel. Da kam bald darauf Vater aus Insterburg, wo sein Einkommen sehr gering war, zum Besuch und machte die Anmeldung rückgängig, in seiner ängstlichen Art, die es nicht über sich gewann, ohne positive Unterlage Ausgaben zu veranschlagen. Er handelte in gewisser Beziehung richtig, war er doch überhaupt außerordentlich korrekt und gewissenhaft, aber er hat dadurch den beiden Jüngeren den Lebensweg ungeheuer erschwert, denn als Mutter durch ihr Pensionat mit ihrer immensen Arbeit und Entbehrung es vielleicht doch hätte leisten können, auf längere Jahre, als es geschah, das große Schulgeld aufzubringen, war eine erneute Aufnahme wegen Überfüllung nicht mehr möglich. Hans und Willi kamen in eine lateinische höhere Schule, die nicht zum Studium vorbereitet und das war besonders für Hans, der in Elbing schon in der Obertertia war und nur Neigung zum Studium besaß, so ungeheuer schmerzlich, dass er tatsächlich aus Kummer an Typhus erkrankte, der ihn beinahe dahingerafft hätte. Während er auf Leben und Tod lag, versprach Mutter auf den Rat des Arztes hin, die Möglichkeit zum Studium zu verschaffen, und konnte es doch, nachdem die Rettung durch das Versprechen erfolgt war, dasselbe nicht erfüllen. Das zehrte ungemein an Hansens Lebensnerv, aber er sah ja auch Mutters Sorgen und Arbeitslast und ergab sich dann stillschweigend in sein Schicksal. Und es hatte sein Gutes.

Seiner späteren Neigung zum Buchhändlerberuf ist er treu geblieben. Er erkannte bald, dass geistige Unabhängigkeit und freie Entfaltung der Persönlichkeit in keiner Beamtenlaufbahn zu erreichen möglich ist, und dass gerade die Buchhändlerlaufbahn die bildendste und ihm zusagendste sein müsste. Auch hat ihm das frühe Hinauskommen nichts geschadet, im Gegenteil eher zu seiner Förderung genützt, denn der hätte auf die Dauer die engen, trüben Verhältnisse daheim schwer empfunden, sie gingen ihm zu sehr gegen die Natur.

Dass er mit seinem 17. Lebensjahr schon ins Reich kam, lag daran, dass seine Königsberger Lehre, eine alte Buchhandlung in Konkurs ging und der Prokurist derselben sich selbständig machte in Bamberg, Hans in Anerkennung seiner Vorzüge als Lehrling mit sich nahm und förderte. Draußen lernte er Gottes schöne Natur kennen und das Leben zu lieben. Begeisterung viel Schönes und er lernte mit Eifer und füllte alle Lücken mit Wissenschaft und Erkenntnis für Lebenswerte. So sehr wir alle nach dem trauten Sohn und Bruder Hans uns sehnten, obgleich Willi uns blieb, die liebevolle Stütze der Eltern, der Segen des Hauses, der er in selbstloser Weise immer geblieben ist, so freuten wir uns doch über Hansens Lebensweg, den er sich ebenfalls aus eigener Kraft geschaffen hatte, von ganzem Herzen.

Aus dem stillen, sanften Kinde und dem manchmal kritischen Jüngling wurde schließlich ein lebensfroher und lebenstüchtiger Mensch; mit seinen großen Gaben des Geistes, seiner ungeheuerlichen Tat- und Schwungkraft die Besten noch überragend, und doch mit so liebenswertem, kindlichen Gemüt und einer glücklichen Empfänglichkeit! Seine gelegentlichen Besuche im Vaterhaus füllten es jedes Mal mit Sonne und brachten sie uns so nahe wie früher. Nie ist die Verbindung, auch durch weiteste räumliche Entfernung, zwischen ihm und dem Elternhause gemindert worden. Als er dann erst soweit war, einen eigenen Herd zu bauen und das Glück hatte, die geliebte Ehefrau zu finden, die ihm in liebendem Verständnis für seine ART die treuste Gefährtin wurde und die herrlichste Mutter seiner guten Kinder - als er dann im eingenen selbst geschaffenen Wirkungskreis trotz schweren Ringens und bitterer Kämpfe große anerkannte Erfolge und schöne Befriedigung fand, war sein Leben wohl ein reiches, glückliches zu nennen.

Goltz Haus

Abb.: Das Haus der Familie Goltz in Elbing Neustädtische Wallstrasse 12 oder das Engros- und Detailgeschäft nebst Weberhaus nach einer Zeichnung von Anna Freundstück, geb. Goltz.


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