Vom Mummelsee zur Weibertreu.
Die schönsten Sagen aus Baden-Württemberg.
Von Manfred Wetzel, Sondereinband,
418 Seiten, Theiss Verlag, Stuttgart

Gleich bestellen

 

 

 


Die Sage über die Entstehung der heißen Quellen


Eine Sage über die Entstehung der heißen Quellen Badens knüpft sich an den Mummelsee, den alten "Kühleborn" des ganzen nördlichen Schwarzwalds an.

Einst hausten in großer Zahl wundersame Seefräulein in dem dunklen Wasser des Mummelsees. Sie standen unter der Aufsicht eines sehr alten Mannes mit einem Karfunkel-Gesicht und mit langem, schneeweißen Bart. Ihnen begegnen eines Tages drei schöne Jünglinge. Die Nymphen bieten sich ihnen als Führer an. "Zieht mit uns ihr Brüder, zu duftigen Höhen, wir kennen den Pfad", so sprachen sie. Allein unterwegs verspätete man sich. Die Schönen bitten unter allerlei Versprechungen die rotbackigen Fremdlinge, mit ihnen nach dem See zu wandern und da zu übernachten. Die Jünglinge weigern sich jedoch. "Auf ewig seid ihr verloren, wofern ihr unsere Bitte verschmäht!" sprechen drohend die Nymphen, worauf die geschämigen Jünglinge folgen.

Kaum an dem Gestade des Sees angekommen, werden alle vom Wasser verschlungen und fallen wie auf Zauberschlag in den Abgrund unter dem See. Da stehen sie mitten in einem großen schwarzen Saal, der mit Perlen und Diamanten ausgeschmückt und von Millionen von Lampen erleuchtet ist. Ein Greis, der König des Sees mit krystallener Krone, sitzt unter einem goldenen Thronhimmel auch dem Richterstuhl, die Lilie schwingt er als Stab in der Hand und hält Gericht über die verwegenen Verführerinnen, welche nun zum Tode verurteilt werden.

Die Jünglinge, hingerissen von Mitleid, werfen sich auf die Knie und flehen um Gnade für die Schönen. Ihre Fürbitte wird von dem grauen Alten erhört. "Was euch betrifft" - sagt er zu den unbärtigen Gesellen - "so sei euer Leichtsinn diesmal der Unerfahrenheit wegen verziehen, auch sei euch vergönnt, auf die Oberwelt zurückzukehren und dazu sei noch ein Gnadengeschenk euch beschert. Hier sind drei Steine! bewahrt sie zum Andenken an diesen unterirdischen Ort wie die Rache so auch die Gnade. Hütet euch aber je einen Stein in den See zu werfen, denn sonst wird augenblicklich die Rache des Himmels fürchterlich über euch kommen. So wie ein Fels von einem dieser Steine berührt wird, quillt heißes Wasser aus solchem hervor."

Der König schwenkt nun die Lilie; ein Strudel wirbelt die Wanderer in die Höhe und das Thor öffnet sich.

Kaum haben die leichtsinnigen Jünglinge auf der Oberwelt von dem glücklich bestandenen Abenteuer sich erholt, als Vorwitz und Neugier den Jüngsten verleitet, einen Stein in den See zu werfen. Plötzlich erhebt sich Sturm und Ungewitter, so schrecklich, daß sie jeden Augenblick fürchten, der Abgrund werde sich abermals aufthun und sie auf ewig verschlingen. Von der fürchterlichsten Todesangst gequält, eingedenk der warnenden Drohung des Wassergeistes, rennen sie ohne Rast, verfolgt von dem Ungewitter, über Berg, Wald und Thal eiligst davon, bis sie, halb tot vor Angst und Ermattung, an dem Berg der heutigen Stadt Baden-Baden niedersinken und vom Schlaf überwältigt werden.

Während sie da ruhen, fällt einer von den drei Steinen aus der Reisetasche auf den Platz, wo jetzt die Hauptquelle (der Ursprung) fließt. Alsbald öffnet sich der Fels und heißes Wasser strömt armdick hervor. Der Stein rollt weiter noch den Berghang hinab, und es sprudeln allenthalben, wo er den Felsen berührt, heiße Quellen heraus. Dies ist der Ursprung der warmen Quellen von Baden-Bden. Der dritte Jüngling hütete seinen Zauberstein sorgfältig, bis in seine Heimat, nach Wildbad, wo er ihn zu Boden fallen ließ und dadurch seinem Geburtsort Glück brachte.

Die Erlösung der Nymphen in und um den Mummelsee scheint auf der Lösung der Baden-Badener warmen Quellen beruht zu haben; denn seitdem diese Quellen fließen, sind jene Nymphen verschwunden bis auf die letzte Spur.

J. Loeser : Geschichte der Stadt Baden, Baden-Baden 1891


Zurück zum Heilbad Baden-Baden

Zurück zum Mummelsee



 




© by WAEPART Baden-Baden. All rights reserved. Impressum