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Die Sage über die Entstehung der heißen
Quellen
Eine Sage über die Entstehung
der heißen Quellen Badens knüpft sich an
den Mummelsee, den alten "Kühleborn" des
ganzen nördlichen Schwarzwalds an.
Einst hausten in großer Zahl wundersame
Seefräulein in dem dunklen Wasser des
Mummelsees. Sie standen unter der Aufsicht eines
sehr alten Mannes mit einem Karfunkel-Gesicht und
mit langem, schneeweißen Bart. Ihnen begegnen
eines Tages drei schöne Jünglinge. Die
Nymphen bieten sich ihnen als Führer an.
"Zieht mit uns ihr Brüder, zu duftigen
Höhen, wir kennen den Pfad", so sprachen sie.
Allein unterwegs verspätete man sich. Die
Schönen bitten unter allerlei Versprechungen
die rotbackigen Fremdlinge, mit ihnen nach dem See
zu wandern und da zu übernachten. Die
Jünglinge weigern sich jedoch. "Auf ewig seid
ihr verloren, wofern ihr unsere Bitte
verschmäht!" sprechen drohend die Nymphen,
worauf die geschämigen Jünglinge
folgen.
Kaum an dem Gestade des Sees angekommen, werden
alle vom Wasser verschlungen und fallen wie auf
Zauberschlag in den Abgrund unter dem See. Da
stehen sie mitten in einem großen schwarzen
Saal, der mit Perlen und Diamanten
ausgeschmückt und von Millionen von Lampen
erleuchtet ist. Ein Greis, der König des Sees
mit krystallener Krone, sitzt unter einem goldenen
Thronhimmel auch dem Richterstuhl, die Lilie
schwingt er als Stab in der Hand und hält
Gericht über die verwegenen
Verführerinnen, welche nun zum Tode verurteilt
werden.
Die Jünglinge, hingerissen von Mitleid, werfen
sich auf die Knie und flehen um Gnade für die
Schönen. Ihre Fürbitte wird von dem
grauen Alten erhört. "Was euch betrifft" -
sagt er zu den unbärtigen Gesellen - "so sei
euer Leichtsinn diesmal der Unerfahrenheit wegen
verziehen, auch sei euch vergönnt, auf die
Oberwelt zurückzukehren und dazu sei noch ein
Gnadengeschenk euch beschert. Hier sind drei
Steine! bewahrt sie zum Andenken an diesen
unterirdischen Ort wie die Rache so auch die Gnade.
Hütet euch aber je einen Stein in den See zu
werfen, denn sonst wird augenblicklich die Rache
des Himmels fürchterlich über euch
kommen. So wie ein Fels von einem dieser Steine
berührt wird, quillt heißes Wasser aus
solchem hervor."
Der König schwenkt nun die Lilie; ein Strudel
wirbelt die Wanderer in die Höhe und das Thor
öffnet sich.
Kaum haben die leichtsinnigen Jünglinge auf
der Oberwelt von dem glücklich bestandenen
Abenteuer sich erholt, als Vorwitz und Neugier den
Jüngsten verleitet, einen Stein in den See zu
werfen. Plötzlich erhebt sich Sturm und
Ungewitter, so schrecklich, daß sie jeden
Augenblick fürchten, der Abgrund werde sich
abermals aufthun und sie auf ewig verschlingen. Von
der fürchterlichsten Todesangst gequält,
eingedenk der warnenden Drohung des Wassergeistes,
rennen sie ohne Rast, verfolgt von dem Ungewitter,
über Berg, Wald und Thal eiligst davon, bis
sie, halb tot vor Angst und Ermattung, an dem Berg
der heutigen Stadt Baden-Baden niedersinken und vom
Schlaf überwältigt werden.
Während sie da ruhen, fällt einer von den
drei Steinen aus der Reisetasche auf den Platz, wo
jetzt die Hauptquelle (der Ursprung) fließt.
Alsbald öffnet sich der Fels und heißes
Wasser strömt armdick hervor. Der Stein rollt
weiter noch den Berghang hinab, und es sprudeln
allenthalben, wo er den Felsen berührt,
heiße Quellen heraus. Dies ist der Ursprung
der warmen Quellen von Baden-Bden. Der dritte
Jüngling hütete seinen Zauberstein
sorgfältig, bis in seine Heimat, nach Wildbad,
wo er ihn zu Boden fallen ließ und dadurch
seinem Geburtsort Glück brachte.
Die Erlösung der Nymphen in und um den
Mummelsee scheint auf der Lösung der
Baden-Badener warmen Quellen beruht zu haben; denn
seitdem diese Quellen fließen, sind jene
Nymphen verschwunden bis auf die letzte Spur.
J. Loeser : Geschichte der Stadt
Baden, Baden-Baden 1891
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