Theater Baden-Baden    
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Carola Neher

  


Carola Neher (1900-1942)

Die junge und willensstarke Carola Neher, die am 2. November 1900 in München geboren worden war, wusste trotz der Wirren des Ersten Weltkrieges und seiner Folgejahre genau, wie sich ihre Zukunft gestalten sollte. Sie wollte Schauspielerin werden.

Die Musikertochter besuchte die Schule des Ordens der Englischen Fräulein und arbeitete danach als Bankangestellte. Dem heimlich absolvierten privaten Schauspiel-, Tanz- und Gesangsunterricht folgte im Sommer 1920 die Chance, am Baden-Badener Theater als Krankheitsvertretung einzuspringen. Während zweier Spielzeiten bewältigte sie eine Vielzahl von Aufgaben.

Der aparten Carola Neher boten sich in der Kurstadt offenbar nicht genügend Entfaltungsmöglichkeiten, weswegen sie es vorzog, wieder nach München zurückzukehren, wo sie mit Lion Feuchtwanger,
Bertolt Brecht und Otto Falckenberg zusammentraf. Letzterer ließ sie in einigen Stücken Frank Wedekinds Hosenrollen spielen.

Ein Engagement am Lobe-Theater in Breslau folgte im Jahr 1924. Dort heiratete Carola Neher ein Jahr später den schwer lungenkranken Schriftsteller Klabund, der mit bürgerlichem Namen Alfred Henschke hieß und dessen Pseudonym sich aus Silben der Vokabeln Klabautermann und Vagabund zusammensetzte.

Klabund hatte 1925 das chinesische Märchenspiel "Der Kreidekreis" geschrieben, in welchem Carola Neher als Bauernmädchen Hai-Tang einen sensationellen Bühnenerfolg erzielte.

Über Frankfurt an der Oder kam Carola Neher 1926 nach Berlin und wurde dort schnell zum umschwärmten Publikumsliebling, der sich seine Rollen aussuchen konnte.

Bertolt Brecht, der sich ebenfalls in Berlin niedergelassen hatte, wollte Carola Neher die Polly in der Uraufführung seiner "Dreigroschenoper" spielen lassen. Die Verwirklichung dieses Vorhabens wurde allerdings durch den Tod Klabunds am 14. August 1928 zunichte gemacht. Erst Monate später konnte Carola Neher nicht nur auf der Bühne, sondern auch in einer Verfilmung des Stückes brillieren.

Obwohl Carola Neher einen Heiratsantrag Bertolt Brechts abgelehnt hatte, schrieb ihr dieser die Titelrolle des Schauspiels "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe" auf den Leib, die sie ebenso bravourös spielte, wie sie in glanzvollen Revuen sang und spielte.

Durch ihre später wieder gelöste Verlobung mit dem Dirigenten und Komponisten Hermann Scherchen begann Carola Neher, sich für die Sowjetunion zu begeistern und russisch zu lernen. Dabei lernte sie ihren späteren zweiten Ehemann, den Deutsch-Rumänen Anatol Becker, kennen, den sie 1932 heiratete.

Das politische Klima Deutschlands ließ vielen Künstlern und Intellektuellen die Sowjetunion als "Gelobtes Land" erscheinen. Auch "die Neher" verließ 1933 Berlin und gelangte über Wien und Prag nach Moskau, wo sie unter allerschwierigsten Umständen versuchte, den 1934 geborenen Sohn Georg, ihren Mann und sich selbst am Leben zu erhalten.

Den von Stalin angeordneten Säuberungsaktionen fielen 1936 Anatol Becker, der erschossen wurde, und 1937 Carola Neher zum Opfer.

Nach quälender Folter und zermürbenden Verhören wurde Carola Neher, der man den Sohn weggenommen hatte, 1937 als "trotzkistische Spionin" zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Aufklärende Unterstützung alter Weggefährten hat sie nicht erfahren.

Carola Neher

Am 26. Juni 1942 starb die Frau, deren Leben durchaus als Vorlage für ein Brecht- oder Klabund-Stück hätte dienen können, als Häftling Nr. 59783 in einem Straflager in der Nähe der kasachischen Grenze an Typhus.

Von Rika Wettstein, Baden-Baden


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