Baden-Baden ist zurück im Mittelalter

"Baden-Baden ist zurück im Mittelalter. Stadttore stehen am Römerplatz, am Hirschbuckel und am Leopoldsplatz, […] Die drei Stadttore […] machen deutlich, dass Baden-Baden nicht nur im 18. und 19. Jahrhundert eine große Vergangenheit hat, ließ OB Wolfgang Gerstner das Festpublikum - darunter eine Delegation aus der Partnerstadt Karlsbad - wissen."

Dies melden die Badischen Neuesten Nachrichten vom 30. März 2007 über die "symbolische Öffnung" der Tore durch OB Gerstner und die Karlsbader Oberbürgermeisterin Veronika Vikova. (Badisches Tagblatt, 30.03.2007)

Die Stadttore sind anlässlich des Jubiläums "500 Jahre Stadtordnung" aufgebaut worden.

Die Festansprache des Baden-Badener Oberbürgermeisters kann schon zum Anlass genommen werden, darüber zu sinnieren, welche große Vergangenheit Baden-Baden im 18. und 19. Jahrhundert und auch zu Zeiten, als die nachgebauten Stadttore entstanden, also im eigentlichen Spätmittelalter, gehabt haben könnte.

Als Mittelalter, bezogen auf die Geschichte des christlichen Abendlandes, gilt der Zeitraum zwischen Antike und Neuzeit, von der Völkerwanderung des 4. bis 6. Jahrhunderts bis zur Reformation im 16. Jahrhundert, die sich kritisch mit der römisch-katholischen Glaubenslehre auseinandersetzte.

Das Frühmittelalter wurde Mitte des 11. Jahrhunderts vom Hochmittelalter, in dem ein deutliches Bevölkerungswachstum in vielen Teilen Europas zu einem umfassenden Wandel der Lebensgestaltung führte, die von Rittertum, römisch-deutschem Kaiserreich und Lehnswesen bestimmt war, abgelöst. Die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert gilt als Beginn des Spätmittelalters.

Die große Vergangenheit der Stadt im Mittelalter scheint sich einzig und allein dadurch auszuzeichnen, dass sie Residenzstadt eines Markgrafen, dem die Markgrafschaft Verona als Lehen gegeben war, gewesen ist. Durch verschiedene Heiraten, Erbfolgen und Tauschgeschäfte bestand das Herrschaftsgebiet der badischen Markgrafen nicht aus einem zusammenhängenden Territorium, sondern aus Splitterteilen, die unter anderem im Elsass, am Oberrhein oder gar im Schwäbischen zu finden waren.

Baden-Baden im Mittelalter

Baden-Baden vor der Verwüstung von 1689. Ein Schloss, eine Kirche und ein Häufchen Behausungen. Um das ganze "Ensemble" die zeittypische obligatorische Stadtmauer mit den Stadttoren. Wohl einer der einfachsten Stiche Merians.
Grafik nach einem zeitgenössischem Stich von Merian.


 Angesichts der Tausende von Burgen, die im Mittelalter entstanden waren, scheint es nicht einmal von besonderer Bedeutung zu sein, dass am Battert die
Burg Hohenbaden Wehrhaftigkeit demonstrierte. Einzig die Tatsache, dass Markgräfin Irmengard das Kloster Lichtenthal stiftete, und dass sich der junge Bernhard II. im 15. Jahrhundert aufmachte, seinen Kaiser im Kampf gegen die Türken zu unterstützen, mag als Indiz für Großes gewertet werden. Die Abtei Lichtenthal, in welcher noch heute klösterliches Leben gepflegt wird, besteht seit mehr als 750 Jahren. Bernhard II. ist in den Seligenstand und zum Schutzpatron Badens erhoben worden

Ansonsten zeichnete sich neben Frondiensten, Krankheiten, Missernten und anderen zeitüblichen Erscheinungen nichts Außergewöhnliches ab. Die Söhne des "Vaters" der Stadtordnung, Markgraf Christophs I., teilten die Markgrafschaft unter sich auf, was letztendlich zur Folge hatte, dass im Zuge der Reformationsauseinandersetzung Bernhard III. den katholischen Teil der Markgrafschaft regierte, während sein Bruder Ernst von Pforzheim aus den evangelischen Teil leitete, dessen Residenzstadt später Durlach und danach Karlsruhe wurde.

Als Bernhard des Dritten Enkel Philipp kinderlos früh verstarb, kam Philipps Vetter Eduard Fortunat an die Regierung, was kaum als großes Ereignis im positiven Sinn gewertet werden kann. Die unter anderem durch den Ausbau des Neuen Schlosses bereits stark verschuldete Markgrafschaft, die durch ihn auch nicht gerade zu mehr Wohlstand gekommen war, wollte er gar verkaufen oder wenigstens an die Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger verpachten. Dem schoben seine Durlacher Vettern einen Riegel vor, indem sie die Markgrafschaft besetzten. Zwischenzeitlich hatte Eduard Fortunat sogar versucht, sein Vermögen mit Falschmünzerei aufzubessern und hatte sich in der Wegelagerei geübt. Seiner Herrschaft als Markgraf enthoben, kam er 1600 auf Burg Kastellaun im Hunsrück nach übermäßigem Alkoholgenuss bei einem Treppensturz ums Leben.

Sein Sohn Wilhelm konnte erst im Dreißigjährigen Krieg die Regentschaft übernehmen, als die Baden-Durlacher Markgrafen eine Niederlage erlitten hatten. 1622 an die Macht gekommen, blieb er der Nachwelt als derjenige in Erinnerung, der mehr als 200 Menschen als Hexen verfolgen, verurteilen und hinrichten ließ.

Das 18. Jahrhundert bescherte der Stadt das Ende seiner Existenz als Residenzstadt. Wilhelms Enkel
Ludwig Wilhelm bezog 1705 sein prächtiges Barockschloss in Rastatt und war am Wiederaufbau der beim großen Stadtbrand von 1689 verwüsteten Stadt seiner Vorväter wenig interessiert.

1771 fiel der katholische Teil der Markgrafschaft Baden an die Markgrafen von Baden-Durlach, womit - auch für Baden-Baden - eine neue Ära begann, die von einer ganzen Reihe von Zufällen geprägt war. Ohne Französische Revolution und die daraus resultierenden gewaltigen Umbrüche in Europa, ohne Napoleon und
Sigismund von Reitzenstein wäre die Markgrafschaft Baden wohl kaum über den Kurfürstenstatus zum Großherzogtum gelangt. Ohne Karl Friedrich von Baden wäre Baden-Baden möglicherweise aus seinem Dornröschenschlaf nicht erwacht und hätte sich nicht zur Sommerhauptstadt Europas entwickeln können. Aber diese Ereignisse spielten sich nach dem Mittelalter ab.

"Baden-Baden ist zurück im Mittelalter." erscheint wenig erstrebenswert. Ein unfreies, karges, beschwerliches Leben, bestimmt von einem durch das herrschende Feudalsystem getragenen Provinzfürsten, dürften sich von demokratischen Errungenschaften "verwöhnte" Zeitgenossen kaum wünschen wollen.

Von Rika Wettstein, März 2007
und credits to Matthäus Merian


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