Was wäre Baden-Baden in Wirklichkeit?

Das Badische Tagblatt vom 5. Dezember 2001 zitiert die Geschäftsführerin der Baden-Baden Marketing GmbH, künftig unter der Bezeichnung Kur & Tourismus GmbH firmierend, mit folgenden Worten: "Baden-Baden ist ein Traum, den man erhalten muss."

Traumhaft, was die Kur- und Bäderstadt zu bieten hat: eine Rekordzahl an zugelassenen Autos der Einheimischen, einen Rekordverbrauch an Wasser, "grenzwertige" Luftqualität, zunehmende Kaufkraftabwanderung und gefährdeter Einzelhandel, stagnierende Übernachtungszahlen, Eintrittspreise für alle Gäste in Form einer Kurtaxe und trotz der höchsten "Millionärsdichte" in der Republik eine Finanznot, die in dieser Ausprägung letztmals nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen gewesen ist, weswegen eine Haushaltssperre erlassen wurde, und und und ...

Bindeglieder zwischen Traum und Wirklichkeit sind die naturgegebenen Phänomene, die schon die alten Römer erfreuten: die wunderbare Lage der Stadt, das milde Klima und die heilenden heißen Quellen.


Die Wirklichkeit könnte so aussehen:

Alle am Wohle dieser Stadt interessierten Politiker und Interessensgruppen setzten sich an einen Tisch und erarbeiteten ein von allen getragenes Konzept der Stadtentwicklung mit der Vorgabe: attraktives und l(i)ebenswertes Baden-Baden. Nach einer realistischen Bestandsaufnahme der aktuellen Lage machte man sich zügig daran, ein auf Baden-Baden zugeschnittenes Entwicklungskonzept zu erarbeiten und umzusetzen. Der Einzelhandelsverband, der Hotel- und Gaststättenverband, der Haus- und Grundstücksbesitzerverein, die Industrie- und Handelskammer, die Stadtmarketing-Gesellschaft, die Arbeitsverwaltung, Arbeitgeberverbände und Arbeitnehmervertreter und viele mehr schafften das schier Unglaubliche:

Eine vorbildliche Kommune wurde geschaffen, die mittlerweile mit etlichen Preisen für ihr beispielhaftes Engagement bedacht worden ist.

Das Konzept war eigentlich ganz simpel: Bestmögliche Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Einheimischen und aller Gäste.

Zuerst sorgten die Haus- und Grundstücksbesitzer dafür, dass die Ladenmieten in der Innenstadt ein erschwingliches Niveau erhielten, was natürlich durch eine Absenkung der Grundsteuer wesentlich erleichtert wurde. Und nach und nach öffneten wieder Einzelhandelsgeschäfte, die ein breit gefächertes Angebot für die Bevölkerung bereit hielten, ihre Pforten. Dies freute die Einheimischen natürlich derart, dass sie sich dem Argument der Luftverbesserung durch gewisse sie betreffende Restriktionen nicht verschließen konnten. Solarmobile und Elektroautos waren in der Stadt nur noch zugelassen, und zwar höchstens ein Fahrzeug pro Erwachsenem. Aber was machte das schon groß aus, wenn man nicht nur eine merkliche Luftverbesserung erkennen konnte, sondern darüber hinaus von den Stadtlenkern mit dem Bonbon ordentlicher Kinderbetreuung in Form von Kindertagesstätten, hübsch sanierten Kindergärten und voll funktionsfähigen Schulen bedacht worden war. Gleiches galt auch für die Senioren, die in anheimelnden, leicht zu erreichenden Zentren eine Vielzahl an Beschäftigungsmöglichkeiten geboten bekamen.

Solchermaßen zufrieden gestellte Bürger verhielten sich Gästen gegenüber natürlich zuvorkommend und liebenswürdig und wurden auch nicht müde, diesen zu erklären, warum jede Art von benzin- und dieselbetriebenen Fahrzeugen vor den Toren der Stadt abzustellen war. Immerhin sorgte ja ein ausgeklügeltes Zubringersystem in Verbindung mit einem kundenfreundlich ausgerichteten Öffentlichen Personennahverkehr für den reibungslosen Transport von Kur-, Urlaubs- und Kongressgästen. Die mussten auch keinen zusätzlichen Cent mehr ausgeben dafür, dass sie die öffentlichen Anlagen der Kurstadt nutzen durften, denn sie kamen zuhauf. Die einen um festzustellen, was sich im Vergleich zu früher geändert hatte, die anderen, weil sie von Freunden auf diese außergewöhnliche Stadt aufmerksam gemacht worden waren, oder weil das angebotene Kulturprogramm sie reizte oder aber, weil sie an einem der unzähligen Kongresse, die Veranstalter aus ganz Europa und auch Übersee an diesem besonderen Ort abhalten wollten, teilnahmen. Der Aufschwung stellte sich ein. Die Hotelbetten jeder Kategorie waren fast ganzjährig ausgebucht. Hochkarätige Veranstaltungen für jeden Geschmack wurden im Kurhaus und im Festspielhaus angeboten und gerne besucht. Und für die Unentwegten offerierten Bars geschmackvolle Nachtprogramme.

Die alteingesessenen Industriebetriebe wurden, so sie nicht bereits dorthin umgesiedelt worden waren, zum Umzug in die Randlagen der Stadt veranlasst. Neue Betriebe entstanden infolge der Attraktivität der Stadt mit jeder Art von Freizeitbeschäftigungsmöglichkeit und Kulturangebot recht schnell, denn die Lebensqualität war hier wesentlich höher als an vergleichbaren Standorten. So entwickelte sich die Stadt zusätzlich zu einem wichtigen Wirtschaftsstandort, dessen Namen die Hauptsitze von großen Finanzunternehmen gern auf ihre Werbebroschüren und Visitenkarten drucken ließen, möglichst mit Angabe einer noblen Adresse im Villenviertel.

Es gäbe noch von vielen Vorzügen zu berichten. Die Einheimischen kennen sie alle und neugierigen Auswärtigen ist anzuraten, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen und festzustellen, dass der Traum Baden-Baden Wirklichkeit geworden ist.


Rika Wettstein, Dezember 2001



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