Was wäre Baden-Baden
ohne seinen innerstädtischen Wettbewerb?

Seit vielen Jahren beklagen die Geschäftsleute und die Bewohner der Stadt die Situation im kurörtlichen Einzelhandel. Erstere unternehmen wenig erfolgreich allerlei Anstrengungen, welche die immer schlechter werdende Lage verbessern soll. Letztere bemängeln das immer geringer werdende Angebot für den Durchschnittsbürger in der Innenstadt, weswegen sie die Geschäftsleute in anderen Städten mit Umsatz beglücken.

Seit einigen Wochen hat sich in der Innenstadt die Situation geändert: Es herrscht Wettbewerb. Es ist nicht zu fassen! Da hat ein auswärtiger Unternehmer die Stirn, sich mitten in der Edelmeile der Kurstadt mit preiswerten Produkten niederzulassen, und das auch noch erfolgreich!

Ein Aufschrei geht durch die Reihen der Eigner und Geschäftsführer der Baden-Badener Luxusboutiquen. Ein erfolgreiches Geschäft in ihrer Mitte. Der Unternehmer, der für einen Zustrom an Menschen in dieser Gegend sorgt, soll sanktioniert werden. Warum eigentlich, weil sein Geschäft floriert und damit nicht nur im Wettbewerb sondern auch im Widerspruch zu den übrigen Geschäften steht?

Dies ist zu befürchten, denn: "Es werde in der Innenstadt immer schwieriger, 'mit dem angestammten Sortiment die Miete zu erwirtschaften'." wird der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Einzelhandel im Badischen Tagblatt vom 31. Oktober 2001 zitiert. Schlimme Lage - woher kommt sie nur?

Zuerst scheint es klärungsbedürftig, was der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Einzelhandel unter "angestammtem Sortiment" vermutlich versteht: hochpreisige Ware für den betuchten Kunden - italienisches Schuhwerk edler Marken, Designer-Oberbekleidung und -Dessous, teure Accessoires und repräsentativer Schmuck, samt allerlei Schnickschnack, der dem Lifestyle-Menschen notwendig erscheinen mag.

Dererlei Waren soll kaufen können, wer Interesse hat und finanziell entsprechend ausgestattet ist. Dieses Warenangebot hat in der noblen Kurstadt also durchaus seine Daseinsberechtigung. Bedenklich stimmt allerdings das Argument, dass es immer schwieriger werde, die Miete zu erwirtschaften, was nur zwei Schlussfolgerungen zulässt:

Entweder sind die Mieten zu hoch, oder es wird zu wenig Umsatz gemacht.
Sind die Mieten zu hoch, müssen sie gesenkt werden, um die Existenz der Luxusgeschäfte nicht zu gefährden.
Wird zu wenig Umsatz gemacht, fehlt entweder eine ausreichende Anzahl an Kunden, oder das Angebot wird nicht in dem erwarteten Ausmaß angenommen.

Und in dieser Situation eröffnet ein Geschäftsmann ein Einzelhandelsgeschäft mit einem umfangreichen Warenangebot zu durchschnittsbürgerfreundlichen Preisen inmitten all der noblen Geschäfte, von denen einige um ihre Existenz bangen, und sorgt somit für heftigen Wirbel.

Das ist echter Wettbewerb: Teuer gegen preiswert, wenig Kundschaft gegen "Massen", Öde gegen Belebung.

Von diesem Wettbewerb könnten auch die Nobelgeschäfte profitieren. Denn durchaus vorstellbar ist, dass der eine oder andere Kunde dieses neuen Ladens ein edles Stück in einem der Luxusgeschäfte entdeckt und "einmal in seinem Leben" sich einen eigentlich nicht seinen finanziellen Verhältnissen entsprechenden Wunsch erfüllt. Diese Vorstellung sollte auch von den alteingesessenen Geschäftsleuten gehegt und nicht ein anderer Wettbewerb betrieben werden, nämlich jener der Luxusanbieter gegen den Neuling. Denn wenn diesem jungen Unternehmen der Garaus gemacht wird, ist die Öde wieder vorprogrammiert: Leere Ladenlokale, die übliche spärliche Stammkundschaft und frustrierte Einzelhändler, welche die Sorge plagt, mit dem angestammten Sortiment die Miete nicht mehr erwirtschaften zu können.


Rika Wettstein, November 2001



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