Baden-Baden und die Kreuze

Die Bürger Baden-Badens haben in der Vergangenheit manch Kreuz zu tragen bekommen, welches ihnen von jenen zugemutet worden ist, denen sie an Wahltagen für befristete Zeit und zu treuen Händen die Verantwortung für ihr Gemeinwesen kreisfreie Stadt in Baden-Württemberg übertragen haben.

Diese "Treuhänderschaft" konnte vielfach nicht in erwarteter oder erhoffter Qualität ausgeübt werden, da die kleine Stadt an der Oos gewaltig unter dem Kreuz der Erblast, für wenige Jahrzehnte im 19. Jahrhundert "Sommerhauptstadt Europas" gewesen zu sein, ächzte.

Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg bewahrt, musste sie dem gewaltigen Druck standhalten, all den vielen vornehmlich kulturellen Einrichtungen, welche aus dem einstigen Sonderstatus resultierten, ihre Existenz zu sichern.

Waren diese noch zu einer Zeit entstanden, als Kaisers, Königs und Großherzogs mit Glanz, Pomp und Privilegien die Kurstadt hätschelten, so stellte sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Herausforderung, mit immer schwindsüchtiger werdenden öffentlichen Kassen Relikte aus monarchistischer Zeit, welche ein für allemal der Vergangenheit angehörte, am Leben erhalten zu müssen.

Da saßen sie dann, die Stadtverantwortlichen, und ersannen allerlei, um den Spagat zwischen in Erinnerung schwelgender Großmannssucht, sowie sich daraus entwickelndem Wunschdenken und den tatsächlichen Gegebenheiten zu bewältigen. Gelungen ist dies bis heute noch nicht.

Müßig zu spekulieren, ob diese ernüchternde Feststellung maßgeblich darauf zurückzuführen ist, dass sich die Kluft zwischen den "besseren Kreisen" und den "gemeinen Bürgern" in Baden-Baden in ähnlicher Form wie vor rund 150 Jahren präsentierte und präsentiert. Nur dass sich mittlerweile offenbar auch jene zu den "besseren Kreisen" gehörend wähnen, die per Kreuz vom Wahlbürger beauftragt wurden, zum Wohl der Stadt und ihrer Bürger tätig zu werden.

Die "einfachen" Baden-Badener Bürger, mit gebrochenen Wahlversprechungen sowie wachsenden Schuldenbergen konfrontiert und ständig reduziert werdenden Leistungen für ihr Gemeinwesen ausgesetzt, konnten und können nicht nachvollziehen, dass viele Stadtmillionen speziell in den letzten Jahren in auswärtige, meist private Projekte gepumpt wurden, während in der Stadt selbst beispielsweise ein
Dauer-Hick-Hack um öffentliche Bäder und deren Eintrittspreise unter ständigem Betonen des Sparen-Müssens Zeit und Nerven kostet. Noch weniger nachvollzogen kann werden, dass dem vermeintlich privat betriebenen Festspielhaus regelmäßig Subventionen zufließen, während andrerseits infolge chronischen städtischen Geldmangels der stadteigenen Musikschule zum September 2006 die Schließung droht.

Dies sind zwei Beispiele von Kreuzen, die zu tragen schwer fällt. Unter anderem auch deswegen mag mehr als die Hälfte der Baden-Badener Bürger bei der
OB-Wahl des Jahres 2006 kein Kreuz gemacht haben.

Acht Jahre zuvor hatten sie mehrheitlich dem sich um eine zweite Amtszeit bewerbenden
amtierenden OB Ulrich Wendt kein Kreuz mehr gegönnt. Sie haben ihn und seine Visionen nicht weiter ertragen wollen und wurden in den Jahren danach doch immer wieder Opfer seiner visionären Großtaten. Unter anderem war auf sein Betreiben hin die Bäder- und Kurverwaltung zerschlagen worden und "das erste große Musikzentrum in Europa", das "seinen Betrieb ohne öffentliche Gelder" bestreitet (Badisches Tagblatt, 20.05.2006), war entstanden.

Just in diesem ersten großen Musikzentrum in Europa,
dem Festspielhaus, ist ihm für seine "mit Verbindlichkeit, Seriosität und Freundlichkeit" betriebene Politik (BT, 20.05.2006) am 19. Mai 2006 das so genannte Bundesverdienstkreuz verliehen worden.

Eigentlich ist dieses Verdienstkreuz ein Verdienstorden, den der erste Bundespräsident der Bundsrepublik Deutschland, Theodor Heuss, im Jahr 1951 als höchste Anerkennung, die die Bundesrepublik Deutschland für Verdienste um das Gemeinwesen ausspricht, gestiftet hat. 55 Jahre später darf sich Ulrich Wendt zu den mehr als 200000 bisherigen Verdienstvollen um das Gemeinwesen zählen.

Die das Kreuz der Auswirkungen seiner Amtsführung tragen müssenden Baden-Badener Bürger werden sich mit Recht fragen, womit Ulrich Wendt das "Gemeinwesen wesentlich bereichert" habe, wofür sich der baden-württembergische Innenminister, der die Verleihung vornahm, ausdrücklich bedankte. (BT 20.05.2006)

Ist dies etwa sein Verdienst um das Gemeinwesen, dass die "gemeinen Baden-Badener" den kurz nach seiner Eröffnung im Jahr 1998 in heftigstes Beben geratenen Musentempel Festspielhaus mit einer Millionenfinanzspritze vor dem Zusammenbruch retten mussten?

"In ganz besonderem Maße für die Bürger engagiert" solle er sich haben und die Liste der Verdienste sei lang, lobte der Laudator weiter. (Badische Neueste Nachrichten, 20.05.2006)

Die zum Gemeinwesen zählenden Bürger wird's wundern, haben sie doch andere Erinnerungen an die Amtszeit des Geehrten und deren Folgen.

Wundern darf man sich auch über das ständige Betonen, das Festspielhaus bestreite seinen Betrieb ohne öffentliche Gelder. Woher kommen die zugesagten Millionen Euro der
Landesstiftung Baden-Württemberg zur Mitfananzierung der Herbstfestspiele? Von privaten Geldgebern?

Nein. Es sind öffentliche Gelder, mit denen das Gemeinwesen Baden-Württemberg des "Visionärs Erfolgsobjekt" subventioniert.

Und der wegen seiner Verdienste Geehrte? Er sprach von weißen Rittern und Ritterschlag, benutzte also ein Vokabular, das aus einer Zeit stammt, da kaum ein "Nichtblaublütiger" einen derartigen Status einnehmen konnte und die ebenso der Vergangenheit angehört wie die große Zeit Baden-Badens. Die Festgesellschaft, mehrfach lebhaft und anhaltend applaudierend, beklatschte wohl auch sich selbst, möchte der "gemeine Bürger" vermuten. Es ist somit niemandem zu verdenken, wenn er sich spontan des Demokraten Mark Twain Einschätzung aus dem 19. Jahrhundert erinnert:
Baden-Baden ist eine geistlose Stadt, voll von Schein und Schwindel und mickerigem Betrug und Aufgeblasenheit, aber die Bäder sind gut..."
Nun denn: Die einen tragen eben dieses Kreuz und die anderen jenes.

Rika Wettstein, Mai 2006




Verdeckte Zahlungen hatten bei Manfred Schmider Sytem. [...] Auch Baden-Badens Oberbürgermeister Ulrich Wendt (CDU) kam 1998 bei seinem Wahlkampf in den Genuss einer getarnten Geldspritze. Auch hier tauchte in der Rechnung einer Image-Agentur, die mit dem CDU-Kandidaten gearbeitet hatte, kein Hinweis auf politische Hintergründe auf. Stattdessen wurde Flowtex für unverdächtig klingende "Beratungen" zwischen dem 17. und 28. März 1998 ein Tagessatz von 6000 Mark plus Spesen in Rechnung gestellt - zuzüglich der Kosten für ein TV-Team. Erst das Schreiben eines Kameramannes, der für "Redaktion und Dreh OB-Wahlkampf Baden-Baden" mehr als 21000 Mark berechnete, legt die wahre Verbindung offen. Der Imageberater erhielt am Ende "per Express" einen Flowtex-Scheck über exakt 79476,56 Mark. Geholfen hatte die Imageberatung dem CDU-Kandidaten allerdings wenig, er wurde abgewählt.
(Meinrad Heck, der Flowtex-Skandal, Frankfurt am Main 2006, Seite 53 f.)

Weiterführende Literatur zum Thema:
Der Flowtex-Skandal



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