Baden-Baden und die Sinfonie "Wir sind Weltkultur"

Der Jahreswechsel 2006/2007 bescherte Baden-Baden wie gewohnt eine Fülle an kulturell Abwechslungsreichem. Im ausverkauften
Festspielhaus begeisterte der mexikanische Tenor Rolando Villazón trotz Erkältung sein Publikum, dem von der Kritik zudem das Attribut eines begnadeten Unterhalters mit Vogelfänger-Qualitäten zugestanden wurde. (Badische Neueste Nachrichten, 02.01.2007) Im ebenfalls ausverkauften Theater erlebten die Gäste einen köstlichen Silvesterabend mit einem bunten Programm von Shakespeare über Bleigießen bis zum Abtanzen. Die Baden-Badener Philharmonie bot in ihrem spätnachmittäglichen Silvesterkonzert im Weinbrennersaal unter anderem den ersten Satz von Beethovens 5. Sinfonie, begleitet vom ironischen Text Jochen Hubmachers "Die Schicksalssinfonie - Entscheidung unter Flutlicht", was als Knalleffekt gedacht gewesen ist, aber mehr zu Unmut und zum Eklat führte, indem ein Zuhörer dem Reporter-Schauspieler das Mikrofon entriss. Abends herrschte im Bénazet-Saal des Kurhauses dann wieder heile Welt. 600 Gäste wurden akustisch, optisch und kulinarisch verwöhnt und verblüfft und konnten einen glanzvollen Start ins neue Jahr erleben.

Verblüfft wurden tags zuvor die Leser der Badischen Neuesten Nachrichten. Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner war zu seinem ersten Jahreswechsel in Baden-Baden und zu seinen Visionen für die Stadt interviewt worden. Das Ergebnis trug die Überschrift: "Ich will den Weg zum Weltkulturerbe beschreiten". Am Ende des Artikels war zu erfahren: "Schließlich will ich den Weg zum Weltkulturerbe beschreiten, weil uns dies noch mehr abheben würde von anderen Städten."

Nun ist die
Idee mit dem Weltkulturerbe nicht neu. Die Lichtentaler Allee könnte infolge ihrer internationalen Einzigartigkeit wohl in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen werden. Man hätte schon lange die dafür notwendigen Schritte einleiten können, was aus nicht nachvollziehbaren Gründen allerdings nicht geschah.

Nun soll plötzlich die Stadt Weltkulturerbe werden und den Stadtpolitikern scheint's offenbar zu behagen. Die CDU-Fraktionsvorsitzende findet wie ihr Kollege von den Freien Wählern die Idee faszinierend. Ihr SPD-Kollege meint gar, angesichts der Bauwerke und Einrichtungen, die Baden-Baden zu bieten habe, insgesamt eine gute Chance zu erkennen. Der FDP-Vertreter sieht einen wichtigen Werbefaktor und gesteht der Stadt ein einzigartiges Stadtbild und viele Highlights zu und die Grünenvertreterin sieht in der Idee einen erneuten Anstoß für die
Gesamtanlagensatzung. "Mit einer Bewerbung zum Weltkulturerbe könnten die Menschen davon überzeugt werden, dass die Stadt auch aus übergeordneten Gründen geschützt werden müsse." (BNN, 03.01.2007)

Am Freitag vor dem Dreikönigstag 2007 steigerte sich der Kommentar in den BNN mit dem Titel "Wir sind Weltkulturerbe" gar zu folgenden Schlusssätzen:

"Bei allem Erfolg, den sie [Anm. der Red.: Wellness im Thermalbad, Walking in Wanderstiefeln, Beauty und Fitness zum Weekend in teuer gelifteten Hotels und Kultur-Tripps ins Festspielhaus und zum Burda-Museum] schon zeigen, geriet bei manchen in Vergessenheit, dass vieles davon erst durch das einzigartige kulturgeschichtliche und landschaftliche Erbe möglich wurde. Der Blick auf diese Vergangenheit ist nicht rückwärts gerichtet, er rückt diese funkelnden Edelsteine in ein Schaufenster für künftige Gäste.

Bis zum Titel Weltkulturerbe muss noch ein langer und arbeitsreicher Weg zurückgelegt werden, Hindernisse müssen geräumt und Skeptiker überzeugt werden. Nach dem ersten und gar nicht zaghaften Schritt ist Tatkraft für die nächsten nötig. Dem Paukenschlag zum Neujahrstag muss ein perfekt abgestimmtes Konzert eines politisch einigen Orchesterensembles folgen. Die Proben zur Sinfonie "Wir sind Weltkultur" dürfen schon bald beginnen."

Es fehlt nur noch die Komposition "Wir sind Weltkultur". Sollte als nächster
Badreit-Stipendiat ein Komponist gewählt werden, könnte dieser mit dem Auftrag betraut werden, eine solche Sinfonie zu schreiben.

Ihm wird sicher bekannt sein, dass der aus dem Griechischen stammende Begriff Sinfonie Zusammenklang, Übereinstimmung, Harmonie bedeutet und für eine der wichtigsten Gattungen in der Instrumentalmusik steht. Die seit Beginn des 17. Jahrhunderts komponierten Sinfonien haben in der Regel vier Sätze. Denkbar ist, die vier Sätze der Sinfonie "Wir sind Weltkultur" wie folgt zu benennen:

1. Satz: Die recht verschmähte Römerzeit.
2. Satz: Die mittelalterliche Stadt niedergebrannt und von ihrem Regenten verraten.
3. Satz: Wenige Jahre internationaler Geltung im 19. Jahrhundert.
4. Satz: Das dritte Jahrtausend und die Russen.

Zu Letzterem ist festzuhalten, dass die
Russen in Baden-Baden nicht nur zum Jahresende 2003 für internationales Aufsehen sorgten, sondern diesem Phänomen auch weiterhin Aufmerksamkeit beschert wird. Zuletzt im Wiener "Der Standard", der in seiner Wochenendausgabe vom 5. Januar 2007 unter anderem ausführt:

"Sie schlurfen in Badeschlapfen und Trainingsanzügen durch die teuersten Luxushotels. Den traditionellen süddeutschen Kurort Baden-Baden haben sie praktisch übernommen. Gerne tragen sie bodenlange Chinchilla-Mäntel, und ihre Frauen kaufen die innerstädtischen Klunkerläden leer."

Generell ist zu bemerken, dass in einer solchen musikalischen Baden-Baden-Gesamtschöpfung wohl wenig an Zusammenklang, Übereinstimmung oder Harmonie auszumachen sein wird. Vorstellbar ist, dass eine solche Sinfonie bei den Entscheidungsträgern zur Aufnahme in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes ähnliches Unwohlgefallen hervorrufen wird wie das musikalische Angebot der Baden-Badener Philharmonie vom Silvestertag mit "Die Schicksalssinfonie - Entscheidung unter Flutlicht".

Denkbar ist, das entscheidende Komitee wäre erfreut, erkennen zu können, dass der Katalog an Kriterien, die für eine Aufnahme in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes maßgeblich sind, realitätsgerecht Beachtung gefunden hat. Wer sich diesem
Kriterienkatalog genau betrachtet, wird sicherlich zu der Überzeugung gelangen, dass es müßig oder gar überflüssig erscheint, eine Sinfonie "Wir sind Weltkultur" zu komponieren und zur Aufführung zu bringen.

Rika Wettstein, Januar 2007


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