Baden-Baden, die Parallelen,
das Parkett und der Schlüssel


In den ersten Tagen des Jahres 2007 beschäftigte ein Thema die Lokalpresse besonders, nämlich die Absicht des Oberbürgermeisters, den
Weg des Weltkulturerbes zu beschreiten.

Vor allem in den Badischen Neuesten Nachrichten wurde man nicht müde, dieser Absicht zu huldigen, unterstrichen durch die Feststellung, des OB Idee, "Baden-Baden auf die exklusive Liste des Weltkulturerbe setzen zu lassen", habe bundesweit "für mediale Aufmerksamkeit" gesorgt. Agenturen, Rundfunk und Zeitungen sollen über diese Ambition berichtet haben. (BNN, 05.01.2007) Ganz so weit her mag's mit der medialen Aufmerksamkeit allerdings nicht sein. Denn das Internet offeriert in Sachen Weltkulturerbe unter anderem Berichte zu Hamburg, Maulbronn, Londons Tower, zur Völklinger Hütte und - dass der Magistrat Wiesbadens im Haushalt für das Jahr 2007 eine halbe Million Euro für die "Bewerbung zum Weltkulturerbe" genehmigt habe.

Ergo scheint sich die mediale Aufmerksamkeit mehr auf die örtliche Presse zu konzentrieren, was von großem Vorteil erscheint. Denn das, was bislang zu erfahren war, erweckte mehr den Eindruck, es gehe um einen "Titel Weltkulturerbe" (BNN 05.01.2007), der eher im Bereich "Unsere Stadt soll schöner werden" angesiedelt ist, als dem Sinn des von der UNESCO erfassten Welterbes gerecht zu werden.

Vordergründig geht es bei diesem world heritage, das sich sowohl auf Kulturgüter als auch auf Naturgüter bezieht, nicht um touristische und ähnliche Interessen, sondern um den Schutz des Natur- und Kulturerbes der Welt.

Auslöser hierfür war der Bau des ägyptischen Assuan-Staudammes, dem die beiden Felsentempel des Pharaos Ramses II. in Abu Simbel zum Opfer fallen sollten. 1960 rief die UNESCO dazu auf, die beiden Tempel zu retten, was auch gelang. 1975 trat die UNESCO-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt in Kraft. Mehr als 800 Denkmäler, mehrheitlich Kulturdenkmäler, in 136 Staaten sind mittlerweile in der Schutzliste zu finden. Der Kaiserdom in Aachen war das erste deutsche Kulturdenkmal. 1978 in die Liste aufgenommen, folgten ihm 31 weitere Kulturdenkmäler, unter anderem das ehemalige Zisterzienser-Kloster Maulbronn im Jahr 1993 und im Jahr 2006 die Altstadt von Regensburg.

Zwischen Regensburg und Baden-Baden sehen die BNN Parallelen und titelten am 9. Januar 2007: "Römische Geschichte kann Schlüssel zum Titel sein".

Die römische Geschichte der Donau-Naab-Regenstadt zeigt diese als militärischen Hauptstützpunkt der Provinz Raetia, der um 400 nach Christus aufgegeben und als mauerumwehrte Zivilsiedlung weiter genutzt wurde. Da war
Aquae Aureliae schon längst verschwunden.

Während Castra Regina offenbar den heute noch erkennbaren Grundriss für die Regensburger Altstadt lieferte, kann derlei von Baden-Baden wohl kaum behauptet werden.

Funde aus der Römerzeit, die vornehmlich bei Bauarbeiten gemacht wurden, zeigten, dass auch außerhalb der
mittelalterlichen Stadtmauern römisches Leben geherrscht hat.

"Ähnlich wie Baden-Baden schöpft Regensburg einiges aus seiner römischen Geschichte." heißt es in dem BNN-Artikel weiter. Nun mag der einzelne Baden-Badener nicht wissen (wollen), was Regensburg aus seiner römischen Geschichte schöpft. Baden-Badens diesbezüglicher Schöpfungsakt kann sicherlich nicht als üppig bezeichnet werden.

Die prächtigen Kaiserbäder der Römer sind unter dem Marktplatz begraben.
Die Soldatenbäder, im 19. Jahrhundert freigelegt, waren bis zu ihrer Sanierung, die im Jahr 2003 abgeschlossen war, keine unbedingte Attraktion.

Inwieweit der
Verein Römer-Garde Baden-Baden e.V. eine Schlüsselfunktion im Hinblick auf das Welterbestreben einnehmen könnte, soll nicht näher beleuchtet werden.

In der historischen Altstadt Regensburgs befinden sich 1000 denkmalgeschützte Häuser. Auch Baden-Badens Häuser, Straßen, Plätze, Gartenanlagen sollen zu großen Teilen einer
Gesamtanlagensatzung unterworfen werden. In dem geplanten Geltungsbereich sind allerdings etliche Gebäude auszumachen, die eher als Denkmal für schlechten Baugeschmack herhalten könnten als schützenswerte Beispielsfunktion einzunehmen.

Der Regensburger Kulturamtsleiter Klemens Unger wird im BNN-Artikel unter anderem zitiert, dass seiner Einschätzung nach die Bedeutung der Bauwerke in den Hintergrund trete. "Die Unesco fragt verstärkt, welchen ideellen Beitrag die Stadt in den vergangenen Jahrhunderten für die Weltgemeinschaft geleistet hat."

Ob das im Oostal gepflegte Glücksspiel positiv als ideeller Beitrag bewertet werden wird, scheint fraglich.

Derlei Einschätzung gebührt dann doch eher dem
Kloster Lichtenthal, in welchem die Zisterzienserinnen seit Jahrhunderten trotz aller weltlichen Widernisse ihr religiös geprägtes Ordensleben führen.

Schließlich erklärt Klemens Unger noch den Verfahrensverlauf. Der Antrag der Stadt geht über das Land Baden-Württemberg und über die Kultusministerkonferenz an das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland. Der Bund entscheidet, ob und wann der Antrag an die UNESCO gestellt wird. "Sie befinden sich da auf hohem diplomatischen Parkett, und das ist manchmal sehr glatt." (BNN 09.01.2007) Innerhalb dieses "komplizierten Netzwerkes" sei ein ständiger Kontakt des Rathauses unerlässlich, damit es funktioniere, rät der Kulturamtsleiter.

Zu rätseln bleibt, warum sich eine Gemeinde, die sich nach sorgfältiger Überlegung und Prüfung entschieden hat, einen Antrag zur Aufnahme von Gebäuden oder Parkanlagen oder Naturgebieten in die Schutzliste der UNESCO zu stellen, in einem komplizierten Netzwerk auf sehr glattes, hohes diplomatisches Parkett begeben soll.

Wer am 10. Januar 2007 den "Weltkulturerbe"-Artikel im Badischen Tagblatt gelesen hat, der mag der Lösung der Rätselei schon näher kommen. Der Präsident des baden-württembergischen Landesamtes für Denkmalpflege, Dieter Planck, meint dort:

"Was ist so herausragend an Baden-Baden - von internationalem Rang?"

Zu den Badruinen erklärt er: "Die Badruinen sind für die Landesgeschichte interessant, aber international nicht bedeutend." Im Übrigen legt er dar, dass eine Bewerbung der Stadt frühestens 2017 eine Chance habe, beurteilt zu werden.

Von der
Ursprungsanregung, zu prüfen, ob die Lichtentaler Allee nicht Aufnahme in der UNESCO-Liste des Welterbes finden könne, ist überhaupt nichts mehr übrig geblieben. Ausgerechnet der zweite Vorsitzende des Freundeskreises Lichtentaler Allee e.V. argumentiert in dem genannten BT-Artikel:

"Die Lichtentaler Allee ist wahnsinnig schön, aber nicht weltkulturfähig."

Ja, was soll denn dann in Baden-Baden - außer dem Kloster Lichtenthal - "weltkulturfähig" sein, wenn nicht einmal das "schönste Stück Talsohle der Welt" von den eigenen Freundeskreismitgliedern derart eingeschätzt wird?

Insofern scheint der Hinweis auf das "komplizierte Netzwerk" und die Glätte des diplomatischen Parketts dann doch angebracht, will doch Oberbürgermeister Gerstner "überlegen, wie wir auf die Liste kommen können." (BT 10.01.2007) Die Gefahr könnte sich einstellen, auf dem sehr glatten diplomatischen Parkett zu Fall zu kommen. Dann wäre Zeit und Geld vergeudet, die besser zum Wohle einer optimalen Stadtentwicklung eingesetzt hätten werden können.

Eine solche optimale Stadtentwicklung zeitigte neben etlichem Positivem auch die in den ersten Januartagen des Jahres 2007 so sehr beschworene viel bessere Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt und wäre damit ein wahrer Schlüssel zu allgemeinem Wohlbefinden. Denn wenn's der Stadt gut geht, geht's allen Baden-Badener Bürgern gut und umgekehrt. Wodurch die so reizvolle Stadt am Schwarzwaldrand von jeder Art von Hit- oder Schutzliste zur Ansehensförderung gänzlich unabhängig würde.

Rika Wettstein, Januar 2007


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