Baden(-Baden) und das Symbol für das Beste der badischen Heimat

Ein bemerkenswerter Streit ist Ende September 2006 entbrannt, als bekannt wurde, das Land Baden-Württemberg wolle wertvolle Schriften aus dem Bestand der Badischen Landesbibliothek der markgräflichen Familie zum Verkauf überlassen. Von ungefähr 3500 der rund 4200 Handschriften war zu lesen. Deren Wegfall bedeutete für die Badische Landesbibliothek, die Qualität einer Forschungsbibliothek zu verlieren. 70 Millionen Euro erhofft sich das Haus Baden aus diesem Kahlschlag und versichert, künftig keine weiteren Ansprüche an das Land stellen zu wollen.

Keine Bange, die allenthalben von Tausenden zu erfahrenden Argumente gegen diesen "Kunsthandel", der Baden-Württemberg internationale Aufmerksamkeit beschert und unter anderem die offenbar weltweit aufgekommene Meinung, Deutschland verschleudere seine Vergangenheit, zeitigt, sollen nicht breit getreten werden. Für die Badener und Baden-Badener lohnt sich eher über einen Satz zu sinnieren, den Bernhard Prinz von Baden während des Festaktes am 24. September 2006, der an die Gründung des Großherzogtums Baden erinnern sollte, von sich gegeben hat.

"Salem ist für mich das Symbol für das Beste meiner badischen Heimat."

"Meine badische Heimat" mag's ja für den designierten Chef des Hauses Baden sein. Allein - zur badischen Heimat zählt Salem gerade einmal etwas mehr als 200 Jahre. Als nämlich Hermann II. Burg Hohenbaden zu Beginn des 12. Jahrhunderts bauen ließ, war von Salem als Bestandteil Badens noch keine Rede. Hermann II. war der Sohn Hermanns I. aus der ersten Ehe des Zähringer Herzogs Berthold I.. Er war mit einer Grafschaft im Breisgau, Gütern in Schwaben und einem Markgrafentitel abgefunden worden. Judith von Calw, die Ehefrau Hermann I., brachte als Mitgift Besitzungen im Ufgau, sowie die Herrschaft Baden und Backnang mit in die Ehe ein.

Also - die Besitzungen im Ufgau und die Herrschaft Baden gehörten bereits im 12. Jahrhundert zum Herrschaftsbereich der Zähringer Seitenlinie - keine Rede von Salem. Die badischen Markgrafen lebten und herrschten in dieser sich ab und zu verändernden Gebietskonstellation über Jahrhunderte hinweg. Einer hat's zu besonderer Aufmerksamkeit gebracht, obwohl er kein regierender Fürst gewesen ist: der
selige Bernhard, womit Salem wegen seiner Eigenschaft als Kloster schon etwas näher gerückt wäre. Salem war 1137 als Zisterzienserkloster gegründet und 1355 als freies Reichsstift anerkannt worden. Badisch war Salem demnach allemal nicht.

1535 gab es Unstimmigkeiten in Glaubensfragen zwischen den Söhnen Markgraf Christophs I.. Bernhard III. war für den Katholizismus, Ernst für den Protestantismus. Die doch recht weit verstreuten badischen Besitzungen wurden in die katholische Markgrafschaft Baden und die protestantische Markgrafschaft Durlach aufgeteilt. Markgraf Ernst residierte 30 Jahre lang in Pforzheim. Seine Nachfahren verlegten die Residenz nach Durlach. Bernhard III. blieb in der Stadt Baden, wo neben der Oberen Burg, der Burg Hohenbaden, im 15. Jahrhundert unter Jakob I. auf dem heutigen Florentiner Berg das nuwe slosse aus einer Burganlage entstand.

Somit gab es bis zu den Verwüstungen im
pfälzischen Erbfolgekrieg die beiden badischen Residenzstädte Baden und Durlach, von wo aus mehr oder weniger erfolgreich die Geschicke der badischen Besitzungen und deren Bewohner gelenkt wurden.

Die Durlacher scheinen wirtschaftlicher mit ihrem Hab und Gut umgegangen zu sein. Die Badener Vettern hingegen verschuldeten sich zunehmend, weswegen die Durlacher 1594 deren Land besetzten, um zu verhindern, dass dieses an die Fugger verpfändet wurde. 1622 war diese Besetzung im Zuge der militärischen Auseinandersetzungen während des 30jährigen Krieges beendet.

Im gleichen Jahr geriet das
Kloster Lichtenthal für drei Jahre unter die Paternität des Abtes des Klosters Salem.

Der pfälzische Erbfolgekrieg hatte für Baden und Durlach zur Folge, dass sie ihre Funktionen als Residenzstädte zu Gunsten der neu entstandenen Residenzstädte
Rastatt und Karlsruhe einbüßten .

Während die badische Linie der Markgrafschaft 1771 im Mannesstamm erlosch, war mit
Karl Friedrich von Baden-Durlach ein Herrscher am Wirken, der nicht nur die Erbfolge sicherte, sondern auch den heruntergewirtschafteten badischen Landesteil wieder aufbaute. Für damalige Verhältnisse war Karl Friedrich ein fortschrittlicher Fürst, der umsichtig mit Land und Leuten umging.

Napoleon verhalf der Markgrafschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu erheblicher Gebietsvergrößerung und zur Rangerhöhung über das Kurfürstentum zum Großherzogtum. Damit einher ging auch im Jahr 1802 die Übernahme des säkularisierten Klosters Salem, im Linzgau am Bodensee gelegen, in badischen Besitz.

Karl Friedrich,
sein Enkel Karl und Karl Friedrichs Sohn Ludwig sahen wohl, dass die Stadt Baden einen großen Stellenwert in der Geschichte der Markgrafschaft eingenommen hat und verhalfen der ehemaligen ersten Residenzstadt zu neuer Beachtung. Es ist müßig zu spekulieren, was geschehen wäre, wenn Karls und Stéphanies Söhne ebenso gesund aufgewachsen wären wie ihre drei Töchter. Da beide Söhne jedoch starben, war die Zähringer Seitenlinie der marchio de Badin ebenfalls erloschen.

Nach Großherzog Ludwigs Tod im Jahr 1830 schlug die Stunde der Söhne Karl Friedrichs aus seiner morganatischen Ehe mit
Luise Karoline Geyer von Geyersberg. Leopold wurde Großherzog. Ihm folgten sein Sohn Friedrich I. und sein Enkel Friedrich II., der 1918 abdankte.

Das Haus Baden wurde großzügig abgefunden. Unter anderem wurde ihm das
Neue Schloss ebenso überlassen wie Schloss Salem. Indes war das Interesse der markgräflichen Familie am Neuen Schloss, dem eigentlichen Stammsitz des Hauses Baden über sieben Jahrhunderte, gering. Dieses kulturgeschichtliche Desinteresse manifestierte sich im Jahr 1995 im Versilbern und Verscherbeln des dortigen Inventars und aller dort vorhandenen Kunstgegenstände, um die Finanzen des Hauses Baden zu sanieren. Mehr als 77 Millionen DM wurden damals erzielt und Bernhard Prinz von Baden versicherte, die Sanierung sei "so gut wie durch". Der Verkauf des Neuen Schlosses füllte abermals die Privatschatulle der in Salem sesshaft gewordenen Familie.

Elf Jahre nach der spektakulären Versteigerungsaktion soll ein Fehlbetrag von 70 Millionen Euro bestehen, um den Gebäudebestand Schloss Salems zu sichern. Sollte der Ausverkauf des in der Badischen Landesbibliothek seit fast 90 Jahren mit öffentlichen Geldern gehegten und gepflegten badischen, deutschen und europäischen Kulturguts tatsächlich vonstatten gehen, wäre davon unter anderem auch das Stundenbuch Markgraf Christophs I. betroffen, desjenigen badischen Fürsten, der 1507 eine Stadtordnung für das Bäder- und Herbergswesen in Baden erlassen hat und die "Freyung" von allen Abgaben, sowie die Befreiung von der Leibeigenschaft verfügte.

So mancher Badener und Baden-Badener wird sich wohl seine Gedanken über das für ihn bedeutsame Symbol für das Beste in der badischen Heimat machen. Vorstellbar ist, für die einen ist es das Neue Schloss, für die anderen Kurhaus und Casino als Symbol für die Blütezeit der Stadt im 19. Jahrhundert, die auch dem Land Anerkennung brachte. Für andere mögen die Fächerstadt Karlsruhe mit dem Ständehaus, von dem nachhaltige Impulse für die Demokratisierung Deutschlands ausgingen, oder die Rastatter Kasematten, die von der
badischen Revolution 1848/49 zeugen, positven Symbolwert haben. Wohingegen Salem im Zusammenhang mit der aktuellen Situation, der Versteigerungsaktion des Jahres 1995 und dem Verkauf des Neuen Schlosses für den Durchschnittsbürger zu einem Symbol werden könnte, welches weder der badischen Heimat noch dem demokratischen Bundesland Baden-Württemberg zum Besten gereicht.

Rika Wettstein, Oktober 2006




Nachdem die Badischen Neuesten Nachrichten am 3. März 2007 in einem fast halbseitigen Bericht der Rubrik "Zeitgeschehen" darüber berichteten, dass Bernhard Prinz von Baden Verhandlungen über Salem fordere, setzte das Sonntagsblatt der BNN am Tag darauf nach:

Das von Geldnoten gebeutelte Adelshaus Baden fordert mehr Tempo in Sachen "Schloss Salem am Bodensee". Prinz Bernhard von Baden hat jetzt öffentlich an die Politik appelliert, sich für die langfristige Sicherung der Anlage einzusetzen. Der Zug zur Rettung sei noch nicht abgefahren, sagte der älteste Sohn von Markgraf Max bei einer Pressekonferenz in Stuttgart. "Aber dieser Zug sollte sich auch nicht durch immer neue politische Manöver auf ein Abstellgleis geschoben werden." Das Geld für den langfristigen Unterhalt der Anlage könne von der Familie nicht alleine aufgebracht werden: "Ein Mäzenatentum wie in den vergangenen Jahrzehnten wird unserem Haus künftig nicht mehr möglich sein."
(Der Sonntag, 4.3.2007)



Lesen Sie weitere Artikel von Rika Wettstein



Inhalt | News | Geschichte | Stadtplan | Sehenswert
Kunst + Kultur | Theater | Festspielhaus | Casino | Events | Thermen | Sport
Hotels | Restaurants | Cafés + Bars | Shopping
Stadtteile | Umgebung | Elsass
Adressen | Forum | Gästebuch | Shop | Awards | Links