Baden-Baden und die (neue) Toleranz

Bravo, Herr Oberbürgermeister, dass Sie nachdrücklich gegen Auswüchse eines beachtlichen Events eingeschritten sind und ein Zeichen gesetzt haben.

Die Grenze der "neuen Toleranz" wird nicht von einem einzelnen Partybesucher oder einer einzelnen Zeitungsleserin oder einer kleinen Gruppe fröhlicher Restaurantspätbesucher gegen die Vielzahl schlafender Gäste und Bürger bestimmt, sondern durch Anstand, Recht und Gesetz!

Diese Zeilen stammen von keinem Geringeren als dem langjährigen Baden-Badener Oberbürgermeister Walter Carlein. Am 1. Oktober 2008 im Leserforum des Badischen Tagblatts zum Geisterstunden-Geschehen kurz nach dem Ende des
SWR3 New Pop Festivals als Leserbrief veröffentlicht, laden nicht dazu ein, sondern fordern regelrecht dazu auf, sich mit Vokabeln wie Auswüchse, Zeichen, Anstand, Recht und Gesetz, sowie Toleranz auseinanderzusetzen. Sie alle sind nicht gerade als leichtgewichtige Verbalgeschütze in den Wortkämpfen und tatsächlich ausgefochtenen Schlachten der Menschheitsgeschichte einzustufen.

Zuvor ist jedoch die Entscheidung zu fällen, ob nicht doch besser der vom römischen Schriftsteller, Philosophen und Politiker Anicius Manlius Severinus Boethius formulierte Konjunktiv “Hättest Du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben“ zu beherzigen sei, oder die Macht des Wortes, beispielsweise durch den brillanten griechischen Rhetoriker Demosthenes ausgeübt, zum Zuge kommen soll, eingedenk der von Antoine de Saint Exupéry in seiner Erzählung “Le Petit Prince“ dem Fuchs zugeschriebenen Erkenntnis, dass die Sprache Quelle der Missverständnisse sei.

Da der Leserbriefschreiber Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner zu dessen nachdrücklichem Einschreiten nicht nur gratuliert, sondern ihm bestätigt, damit ein Zeichen gegen Auswüchse eines beachtlichen Events gesetzt zu haben, scheint des Römers Konjunktiv, dem mit besagtem Leserbrief keinesfalls Folge geleistet wurde, wenig nachahmenswert.

Zur Nachahmung empfiehlt sich indes der Appell des Leserbriefs Nr. 2., der nicht nur den Imperativ “Lasst uns … ein klein wenig Toleranz ausüben…“zum Inhalt hat, sondern auch auf “die Vielzahl schlafender Gäste und Bürger“ eingeht, die Auswirkungen lauter Musik oder Lärms zu nachtschlafender Zeit beschreibt und um Rücksichtnahme bittet, ohne Drohgebärden und nachdrückliches Einschreiten.

Kaum erklärbar ist, warum es sich bei diesem Imperativ um eine Grenzziehung “neuer Toleranz“ gegenüber dem Schutz der Gäste und Bürger vor ruhestörendem Lärm handeln soll. Jener wird nämlich nicht nur durch Partygäste und Restaurantbesucher ausgeübt, sondern auch von allerlei technischem Gerät, das nicht immer zu den zulässigen Nutzungszeiten in der ganzen Stadt zum Einsatz kommt und so ganz und gar kein nachdrückliches Einschreiten eines Zeichen setzenden Oberbürgermeisters zur Folge hat. Nicht zu vergessen sind die Lärmattacken der Autos, denen Bewohner einer ganzen Reihe von Straßenzügen seit Jahren bei Tag und Nacht ausgesetzt sind, denen offenbar jedoch keiner der Stadtverantwortlichen als hausgemachte “Auswüchse“, deren Beseitigung keine “neue Toleranz“ entgegen stehen dürfe, den Garaus machen will.

Und überhaupt: Jene, die sich beispielsweise mit den im Museum Frieder Burda oder in der Staatlichen Kunsthalle gezeigten Kunstwerken und den Biografien ihrer Schöpfer beschäftigen, werden bei der Vokabel “Auswüchse“ wohl kaum gelassen bleiben können. Beider Schicksal war maßgeblich von der Einstufung als “entartete Kunst“ in der Nazi-Diktatur bestimmt. Bereits Jahre, bevor sich diese “legitimieren“ konnte, waren Hetzartikel wie beispielsweise im Völkischen Beobachter vom 29. März 1923 zu lesen:

"Seit zehn Jahren wütet eine eigenartige Geistesseuche in unserer Stadt, Neue Kunst, Expressionismus, von uns Kunstpest genannt. ... Dabei ist erfreulich, dass diese Pest nicht zu einer allgemeinen septischen Verseuchung führte, sondern sich in Abszessen sammelte, die man nur aufzuschneiden braucht.“

"Anstand" ist hierin wohl kaum auszumachen. Im so genannten Dritten Reich geltendes "Recht und Gesetz" zwangen jedoch in den Folgejahren Abermillionen Menschen zu unanständigem Tun, zuweilen von den schlimmsten Fantasien noch übertroffen. Diesem menschenverachtenden und -vernichtenden Regime ist ein Ende gesetzt worden durch Staaten, die zum großen Teil auf der Basis einer demokratischen Verfassung ihr Gemeinschaftsleben geregelt haben. Ein solches Regelwerk wurde just vor 60 Jahren im Bonner Museum König begonnen und am 23. Mai 1949 als Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bekannt gegeben.

Es bildet noch heute, wenn auch bereits mehrfach nach vorgegebenen demokratischen Verfahrensregeln geändert, die Grundlage einer rechtmäßigen Gestaltung des Zusammenlebens für alle Bundesbürger.

Wer in den letzten Jahren und Jahrzehnten wegen des Trommelns für einen gesetzesgerechten, aber auch toleranten Umgang miteinander müde geworden ist, der mag des niederländischen Liedermachers Robert Long Vorhaben “Morgen sind wir tolerant.“ mit umsetzen wollen und Hans Hartz’ "Wiegenlied" folgen:

“Schlafe, mein Kindchen, schlaf ein. Träum deine Träume allein. Das Land hat die Augen längst zu. Schlafe, mein Prinzchen, auch du.“

Wenn sich dann endlich der Schlaf eingestellt hat…

Rika Wettstein, Oktober 2008


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