Eine kleine Geschichte von Kunst, Kultur, rotem Teppich und “Schnarräng“

“Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Geräusch verbunden.“ diese nach Wilhelm Buschs Gedicht vom braven Gärtner Knoll im Kampf gegen einen Maulwurf zum Klassiker gewordene Feststellung, führt zwar durch den Einsatz eines “Bettelmusikantenchors“ mit seinem blechernen “Schnarräng“ zu kurzfristigem Erfolg, indes “der schwarze Bösewicht“ wird seiner Lebenskraft letztendlich durch “die eigene Todesfall“ beraubt.

Als schön haben im Jahr 1827 die Besucher des “Conversationshauses“ der gesellschaftlich und wirtschaftlich Aufwind verspürenden Bäderstadt an der Oos das vom jungen Musiker
Felix Mendelssohn Bartholdy einem Flügel entlockte Geräusch empfunden und voller Hingabe, ihren Glücksspieleinsatz vergessend den harmonischen Klängen gelauscht. Der Pächter des Conversationshauses mit Spielbanklizenz empfand dies im Hinblick auf seinen Umsatz als störend und ließ den Flügel kurzerhand entfernen.

Kommerz hatte offenbar vor der Kunst den Vorrang. Dass beide mittlerweile in Harmonie den Ton angeben, wird in der “Kunst- und Kulturstadt von internationalem Rang“, wie der Baden-Badener Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner stolz zu formulieren pflegt, durch eine nicht unbeträchtliche Anzahl an Veranstaltungen der
unterschiedlichsten Einrichtungen, die sich nicht nur der Kunst, sondern auch der Ansehenssteigerung und -sicherung Baden-Badens verschrieben haben, unter Beweis gestellt.

Tatkräftig dabei: der SWR, der unter anderem alljährlich im September mit dem
SWR3 New Pop Festival genau das erreicht, was den Stadtstrategen in ihren Bemühungen um eine zukunftsorientierte positive Entwicklung des ihr anvertrauten Gemeinwesens in den letzten Jahrzehnten eher kläglich gelungen ist. Das New Pop Festival lockt Tausende junger Menschen in die Stadt. Zahlreichen SWR3-Beiträgen war im September 2008 die unverhohlene Begeisterung der Konzertbesucher über die besondere Atmosphäre während des Festivals anzuhören - und dass viele bereits mehrere Jahre diese besondere Mischung aus Konzerterlebnis und Oostalflair genossen haben. Erstbesucher äußerten sich überzeugt davon wiederzukommen.

Dass Kunst und Kommerz auch beim New Pop Festival so zu sagen Hand in Hand arbeiten, belegt die pressewirksam inszenierte Roll-Aktion des Roten Teppichs, den “Spitzenvertreter aus Rathaus und Wirtschaft“ (BNN 17.09.08) auf 2,5 km Länge innerstädtischen Pflasters, vom Hindenburgplatz bis über den Augustaplatz hinaus reichend, zum Schaulaufen für “Promis“ und Gäste aufbrachten.

Eine besondere Attraktion sollte die lange Einkaufsnacht am letzten Festivaltag, Samstag 20. September, werden, wofür von SWR3 selbst noch am Samstagnachmittag geworben worden ist, unter anderem mit dem zum Schmunzeln anregenden Versprecher des Moderators Kai Karsten:“…wenn Sie durch die Baden-Badener Innenstadt laufen, die ja bis 24 Uhr offen hat..."

Zeitungsberichte bejubelten das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen als:“gelungene Konstruktion: Party und Einkaufsbummel“ und blieben den bildhaften Beleg der Begeisterung der Besucher nicht schuldig, unter anderem mit der Bildunterschrift: “Nicht nur bei den Festivalkonzerten, sondern auch bei den Auftritten in der Fußgängerzone kocht die Stimmung über.“

Übergekocht ist allem Anschein nach auch der OB in der Nacht von Samstag auf Sonntag, als er vom Abschlusskonzert des New Pop Festivals im Theater kommend zu Geräuschvolles, am Augustaplatz geortet, vernahm. Er sorgte durch einen furiosen Eingriff in das fröhliche Partytreiben der Gäste eines dortigen Lokals dafür, dass den Nachbarn am Augustaplatz, die sich seiner Auffassung zufolge “mit Recht“ über den Lärm beschwert hatten, Ruhe beschert wurde. Eine nicht behördlich genehmigte “Außenbeschallungsanlage“ war als Übel ausgemacht worden. Das Badische Tagblatt berichtete in seiner Ausgabe vom Mittwoch: "Wenn man in einem städtischen Gebäude Gäste bewirtet und sich nicht an die Regeln hält", so Gerstner, dann müsse das Folgen haben.

Nun denn. Unerheblich erscheint in diesem Zusammenhang die Betonung des städtischen Gebäudes, erheblich hingegen die Einforderung der Einhaltung von Regeln. Von einer demokratischen Gesellschaft erarbeitete Regeln für eine bekömmliche Gestaltung des Gemeinschaftslebens an sich sind nicht nur in städtischen Gebäuden, sondern beispielsweise im Straßenverkehr oder beim Einsatz von Rasenmähern und Laubbläsern im privaten oder öffentlichen Bereich zu beachten.

Wobei sich unweigerlich die Frage stellen mag, ob das Auftreten Wolfgang Gerstners als Ober-Gastgeber bei diesem von mehrheitlich auswärtigen Gästen besuchten Festival nicht auch als Regelverstoß, nämlich gegen Regeln der “Kultur der Gastfreundschaft“, gewertet werden kann.

Sei es, wie es ist. Die Partygäste reagierten auf des OBs Tun, das sogar in den Redaktionsstuben der Bildzeitung Beachtung fand und damit Publikation über die Stadtgrenzen hinaus erfuhr, mit Unverständnis.

“Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der Bild.“ behauptet die Rock- und Punkband “Die Ärzte“ in einem mit “Lasse Redn“ betitelten Lied.

Geredet wird wohl noch geraume Zeit über den störenden Eingriff in eine Party, die als Begleitveranstaltung zum New Pop Festival zum Mitfeiern einlud. Es darf spekuliert werden ob des OBs nachtruheschützender Tatendrang ebenso in die Annalen der Geschichte eingehen wird wie jener des Conversationshauspächters - allerdings mit dem “kleinen Unterschied“, dadurch potenzielle Festivalbesucher verprellt zu haben. Keineswegs teilen mag der besorgte Bürger des OBs Befürchtung, das gesamte Festival könne durch Beschwerden über Lärm in Verruf geraten. (BT, 24.09.08)

Bleibt zu resümieren: Der “Bettelmusikantenchor“ hat es mit seinem “Schnarräng“ geschafft, durch die Veranstaltungen links und rechts des roten Teppichs die viel umworbenen Gäste in unvergessliche Feierlaune zu versetzen. Sollten diese wegen der Gefahr des abrupten Abbruchs ihrer guten Stimmung künftig ausbleiben und sollte im schlimmsten Fall das “Schnarräng“ ganz verstummen, so kann Wilhelm Busch leider nicht mehr wissen lassen, ob er Ähnliches wie im letzten Vers seines Maulwurfsgedichts:

“Da liegt der schwarze Bösewicht
Und wühlte gern und kann doch nicht;
Denn hinderlich, wie überall,
Ist hier die eigne Todesfall.“

als “die Moral von der Geschicht“ gereimt hätte.


Rika Wettstein, September 2008





Die Badischen Neuesten Nachrichten berichteten am 26. September 2008 unter der Überschrift: "Wenige Klagen über viel Lärm" unter anderem:

"Die Klagen über Lärmbelästigungen beim diesjährigen New Pop Festival sind nach Angaben der Stadtverwaltung gegenüber den vorherigen Veranstaltungen seltener geworden. 'Es sind vier oder fünf Anruf von Anwohnern eingegangen'...
'Wenn beim Kurpark-Meeting um zwei Minuten nach elf noch Musik läuft, steht zwei Minuten später die Polizei auf der Matte', wunderte sich gestern eine BNN-Leserin bei einem Telefonat mit der Redaktion darüber, dass die Ordnungshüter – oder in diesem Fall der Oberbürgermeister – beim New Pop Festival erst eine halbe Stunde nach Mitternacht eingeschritten sind."

Drei Leserbriefe, im Badischen Tagblatt am 27. September 2008 veröffentlicht, beschäftigen sich mit dem Geschehen. Je eine Passage jedes der drei Leserbriefe sei herausgegriffen:

Leserbrief Nr. 1:
"Vor der Forderung, mit dem offenbar ungeliebten 'Senioren-Image' aufzuräumen, kann doch nur das selbstverständliche Gebot der Rücksichtnahme gelten. Unserem Oberbürgermeister Gerstner ist deshalb für sein beherztes Eingreifen sehr zu danken!"

Leserbrief Nr. 2::
"Lasst uns weiter in lauen Sommernächten feiern, Junge und Alte, lasst uns unsere Gäste verwöhnen, und lasst uns gemeinsam ein klein wenig Toleranz ausüben - Junge und Alte."

Leserbrief Nr. 3:
"Das Festival ist Anziehungspunkt und Verjüngungskur für eine Stadt, die in der Vergangenheit viel zu oft als Altersheim bezeichnet wurde. Vorfälle wie der oben genannte gilt es zu vermeiden, zum Wohle der Stadt, ihrer Einwohner, ihrer Besucher und der wirtschaftlichen Aspekte, die mit dieser Veranstaltung einhergehen."



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