Was wäre Baden-Baden ohne Russen?

"Wenn die Russen kommen, bin ich schnell über dem Rhein." Diese Konsequenz beschäftigte eine ältere Baden-Badener Geschäftsfrau nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie pflegte bis zu ihrem Lebensende den Inhalt zweier Koffer, die fluchtbereit unter ihrem Bett deponiert waren.

Dabei waren die Russen immer noch oder schon wieder in Baden-Baden.

Die einen, die jene verkörperten, vor denen sich zu fürchten galt, glitten mit Sichtgeschützten Limousinen durch die Stadt, residierten in eigenartig gleichförmigen Villen am Fuße des Merkurs und gingen bei ständig geschlossenen Jalousien mittels auffälliger Antennenanlagen ihrer militärmissionarischen Tätigkeit nach.

Die anderen fristeten ein mehr oder weniger karges Leben und schwelgten, wenn sie in Cafés oder Restaurants eingeladen worden waren, von der guten alten Zeit. Reifere Damen gestikulierten mit wohl manikürten Händen, an deren Fingern und Gelenken der Schmuck, der aus materieller Not im Laufe der Zeit immer weniger wurde, nur so gleißte zu Geschichten, die - in gutturalem Deutsch oder Französisch parliert - von Russlands großer Vergangenheit mit Zaren, Adel, Wissenschaft und allen großen Künstlern der schreibenden, darstellenden und musizierenden Art schwärmten. Wiederum andere waren auf teils abenteuerliche Weise aus dem Sowjetreich geflohen und verdienten ihren Lebensunterhalt als Buchhalter, Verkäufer oder Musiker.

Großes Aufsehen erregten sie alle nicht. Dies stellte sich erst ein, als der Kalte Krieg vorbei war und eine Vielzahl von Russen ihrer Reiselust frönen konnte. Das Ansehen dieser Vielzahl litt allerdings Schaden durch eine Minderheit, die auf dubiosen Wegen zu Reichtum und Macht gekommen war und beides auf größtenteils negativ beeindruckende Weise demonstrierte.

"Die Russen" begaben sich natürlich auch nach Baden-Baden. Gründe hierfür wären bei jedem einzelnen nachzufragen. Ein ausschlaggebender Grund scheint jedoch die enge Verflechtung des riesigen russischen Zarenreiches mit der kleinen ehemaligen badischen Residenzstadt zu sein, die im 19. Jahrhundert auf eine Weise gepflegt wurde, dass Baden-Baden nicht nur zur Sommerhauptstadt Europas sondern auch zu einer Art Exklave Russlands geworden war.

Viele seiner Großen hielten sich für einige Zeit im Oostal auf. Wen wundert es deshalb, dass die anhängliche russische Seele sich aufmacht, um auf den Spuren Gogols, Tolstojs, Turgenjews, Dostojewskijs, Rubinsteins oder gar der Zarin Elisabeth zu wandeln?

Vorzüge moderner Art flankieren ein solches Unterfangen, beispielsweise der Genuss pflegender Ganzkörperbehandlung oder das weniger genussvolle Renovieren eines Gebisses.

Sicherlich sind in den letzten Jahren nicht nur ein paar wenige der übermäßig Reichen nach Baden-Baden gekommen sondern auch eine größere Anzahl rühriger Menschen, die zu einem gewissen Wohlstand gekommen sind, der den einen oder anderen dazu veranlassen konnte, in der auch für Russen traditionsreichen Stadt einen Sommer- oder Alterssitz zu erwerben. Letzteres wäre kaum möglich, wenn es keine willigen Verkäufer gäbe.

Selbst wenn die gefürchteten Oligarchen, denen mafiöse Beziehungen nachgesagt werden, in Baden-Baden Grundbesitz erworben haben sollten oder wollten, muss den Missbilligern solchen Ansinnens bewusst werden, dass es seitens Baden-Badener Bürgern oder Geschäftsleuten Immobilienangebote für einen solchen Menschenschlag geben oder gegeben haben muss.

Die mittlerweile weltweit in Schlagzeilen renommierter internationaler Zeitungen verbreitete Furcht eines Ausverkaufs Baden-Badens an die neureiche russische Gesellschaft wäre mit einem Mal hinfällig, wenn keine Immobilien mehr an neureiche Russen verkauft würden.

Schlagzeilen macht auch die Besorgnis darüber, die Baden-Badener Identität könne durch den Einfluss der Russen verfälscht werden. Zu lesen ist von gesteigertem Kaviarumsatz und von Eröffnungen russischer Teestuben. Zu berücksichtigen gilt hierbei:

Während der letzten Jahrzehnte erklang überhaupt nicht oder kaum ein mahnendes Wort bei der Eröffnung der soundsovielten Pizzeria oder des  x-ten China-Restaurants. Wer durch Baden-Badens Restaurantszene streift, hat Mühe ein Lokal mit regionaltypischen Gerichten auszumachen. Von Tapas über Pasta und Pizze bis hin zu Sushi wird alles angeboten, was nahr- und schmackhaft in der internationalen Küche ist. Warum sollen ausgerechnet Teestuben das vielfältige Gastronomieangebot nicht weiter bereichern?

Was den gestiegenen Kaviarumsatz angeht, so kann sich der kränkelnde Baden-Badener Einzelhandel eigentlich über eine solche Entwicklung nur freuen, ebenso wie es von Vorteil für die heimische Hotellerie ist, wenn ihr Bettenangebot eine höhere Auslastung durch reisefreudige Russen erfährt.

Russische Kultur hat das Baden-Badener Leben im 19. Jahrhundert bereichert und erwies sich auch um die Jahrtausendwende als förderlich. Erinnert sei an den großzügigen Einsatz Valerij Gergievs und seiner Mariinsky-Truppe, als das privat betriebene Festspielhaus nach kürzester Zeit wirtschaftlich ruiniert war und unter anderem durch das Engagement der Russen wieder Aufwind bekam. Viele russische Künstler haben seither im Festspielhaus ihr fabelhaftes Können unter Beweis gestellt. Manche russischen Künstler, die auf dem Weg zu Weltruhm sind, haben sich gar in Baden-Baden angesiedelt.

Das renommierte Baden-Badener Baldreit-Stipendium ist im Jahr 2003 dem russischen Shooting-Star in der Literatur Alexij Schipenko zugute gekommen. Im Jahr 2004 wird dem russische Musiker Anton Safronov der Genuss des Stipendiums zuteil.

Baden-Baden hat eben einen "besonderen Draht" zu den russischen Weltmitbürgern. Wenn diese es redlich mit ihren Mitmenschen meinen, steht einem "Herzlich willkommen in der internationalen Urlaubs- und Bäderstadt!" überhaupt nichts entgegen.

Rika Wettstein, November 2003


Ermitteln verboten!

 

In seinem neuesten Buch "Ermitteln verboten!" ist Baden-Baden ein ganzes Kapitel gewidmet. "Das fidele Baden-Baden oder Einblick in die moralische Demenz". Weiter>





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