Baden-Baden, die Rösser, die Schlösser und das Erbe

Es gibt Baden-Badener, die lesen keine Zeitung mehr - teilweise schon seit Jahren nicht mehr. Nicht, dass sie das Weltgeschehen nicht interessierte, sondern mehr aus dem Grund, dem sich häufig bei der Lektüre der Lokalberichte einstellenden Gefühlsgemisch aus Ungläubigkeit, Zorn und Ohnmacht zu entsagen. Der Rest des Regional-, National- oder Weltgeschehens kann auch aus dem Radio oder dem Fernseher erfahren werden.

Diejenigen, die der Stadtpresse die Treue gehalten haben, finden am 19. Oktober 2006 gleich mehrfach Gelegenheit, sich dem Kopfschütteln hinzugeben, verstärkt wenn Sie beide Lokalzeitungen beziehen.

Da titelt das Badische Tagblatt: "Auf Kritik reagiert: Frühjahrsmeeting 2007 vorverlegt" oder "FDP: Oase für Kapitalanleger". Die Badischen Neuesten Nachrichten präsentieren: "Frühjahrsmeeting wegen der Pfingstfestspiele verlegt", "FDP-Fraktion vermisst Magnete", "Auf dem Weg zum Weltkulturerbe".

Die Schlagzeilen zum Frühjahrsmeeting beziehen sich darauf, dass der die
Pferderennen in Iffezheim ausrichtende Internationale Club e.V. auch im Jahr 2007 das Frühjahrsmeeting so terminiert hatte, dass es mit den Herbert von Karajan Pfingstfestspielen kollidierte. Immerhin hat der Rennverein bereits drei Jahre nach Bekanntgabe des ersten "Kollisionskurses" "auf Kritik reagiert" und das Meeting des Jahres 2007 um eine Woche vorverlegt. Zu befürchten ist allerdings, dass ihn die aufgekommene Kritik herzlich wenig geschert hätte, wäre er nicht kurz vor Beginn des dreitägigen Sales & Racing Spektakels des Jahres 2006 in finanzielle Turbulenzen geraten. Er hatte einfach den letzten Renntag, 3. September, der Großen Woche 2006 noch nicht vollständig abgerechnet. Besitzer, Jockeys und Trainer warteten ebenso auf ihr Geld wie Catering-, Reinigungs- und Sicherheitsfirmen. Von rund 700000 Euro war zu lesen und von der Gefahr, die dritte Auflage des Sales & Racing Festivals vom 20. bis zum 22. Oktober müsse ausfallen. Der "finanzielle Engpass" konnte überwunden werden, berichten beide Zeitungen und:

Ein Förderverein soll in Zukunft bei der Sicherung des Rennplatzes Iffezheim helfen.

Derlei gibt's sicherlich nicht überall: Ein Förderverein für einen privaten Verein, der Pferdeleistungsprüfungen in Form von Galopprennen veranstaltet und der bereits von
Geldgeschenken der öffentlichen Stadt- und Landeshand profitiert hat. Na ja, vielleicht liegt Letzteres ja auch daran, dass ein Nachfahre der badischen Markgrafen Präsident des Internationalen Clubs e.V. ist. Jener und seine Familie sind privat offenbar finanziell auch nicht gerade auf Rosen gebettet und bedürfen der Förderung, führt die Erinnerung an das Vorhaben der baden-württembergischen Regierung, die marode Finanzsituation des Hauses Baden durch den Verkauf wertvoller Handschriften aus dem Bestand der Badischen Landesbibliothek sanieren zu helfen, vor Augen.

Mitglieder dieses Fördervereins zur Sicherung des Rennplatzes Iffezheim sind laut Zeitungsangaben unter anderem der Baden-Badener Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner, Iffezheims Bürgermeister Peter Werler, der Baden-Badener Unternehmer Wolfgang Grenke, der dem Internationalen Club e.V. in dem mittlerweile ihm gehörenden Palais an der Lichtentaler Allee "Post-Obdach" gewährt, und Max Markgraf von Baden, der Vater des Club-Präsidenten.

Das "Doppelt-Private" an dieser Club-Fördervereins-Konstellation erinnert irgendwie an das Konstrukt
Festspielhaus-Stifter-Freundeskreis und mag beim Durchschnittsbürger die Besorgnis aufkommen lassen, dass trotz allen "privaten Charakters" letztendlich öffentliche Gelder im Fall der nächsten finanziellen Notlage von Club und Rennplatz dorthin statt in den Ausbau von Schulen, Kindergärten, usw. fließen.

Da den Iffezheimer Pferderennen, wie auch dem Festspielhaus, Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung der Region nicht abzusprechen sind, hätte vor allem dem Traditionsverein umsichtiges wirtschaftliches Kalkulieren und Handeln nicht derart fremd sein sollen, dass er die simple Spielregel, innerhalb einer angemessenen Frist seinen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen, nicht einhalten konnte. Zu hoffen bleibt, dass es kein derartiges nächstes Mal geben wird und, vor allem, dass dann nicht "Bürgergeld" zur Gefahrenabwendung eingesetzt werden soll.

Verstehen würden eine solche Rettungsmaßnahme viele Bürger überhaupt nicht mehr können und sich einmal mehr von "denen da oben" übervorteilt sehen.

Die FDP-Schlagzeile bezieht sich auf Projekte auf der
Bäderwiese, wo Wohnungen entstehen sollen, und auf die ehemalige Zigarettenfabrik Batschari, die auswärtige Investoren zu Luxus-Eigentumswohnungen umbauen wollen, die bereits vermarktet werden, obwohl das Einverständnis des Gemeinderats zum Umbau noch aussteht. Es soll zwar kein Schloss, aber ein Palais entstehen. Nach Meinung der FDP-Fraktion könne diesen Projekten keinerlei Magnetwirkung für die Innenstadt zugestanden werden, zudem die Einbindung in ein kurorttaugliches Konzept fehle und überhaupt die Behandlung im Gemeinderat noch nicht erfolgt sei. Ja, und wenn Liberale den nicht so ganz spielregelkonfomen Umgang der Verwaltung mit Privatinvestoren rügen, was soll dann erst der "gemeine Bürger" davon halten.

Flugs könnte er seinen Blick gen Schlossberg und das wie magnetisch anziehend wirkende
Neue Schloss wenden und sich dem Sinnieren darüber widmen, was die Demokratie so alles an Erbe aus der monarchistischen Zeit mit sich herumzuschleppen hat. Rangunterschiede und Privilegieneinforderung, die allerdings in der Neuzeit vom, zuweilen vermeintlich, "großen Geld" und, ebenfalls zuweilen vermeintlich, einflussreichen Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft abgeleitet werden.

Bevor er dann verzweifelt, könnte er sich darauf besinnen, die natürliche Schönheit seiner Heimatstadt aufzunehmen, das in der Sonne besonders attraktive Farbenspiel der bunt belaubten Bäume zu genießen und beispielsweise einen Spaziergang in der
Lichtentaler Allee zu unternehmen. Schon ist er wieder mitten d'rin im Desaster. Nicht dass die Allee eines wäre, bei weitem nicht. Aber das in regelmäßigen Abständen immer wieder aus der Zeitung zu erfahrende Ziel, der Lichtentaler Allee den Rang eines Weltkulturerbes zu verschaffen, tendiert in diese Richtung.

Laut BNN vom 19.10.2006 soll die Lichtentaler Allee "auf dem Weg zum Weltkulturerbe" sein.

Wie aber sieht die Realität aus?
Eine Veranstaltungsreihe ist ins Leben gerufen worden, die dazu beitragen soll "den Dialog zwischen Menschen, die sich um diese Stadt kümmern, zu erleichtern." Die Auftaktveranstaltung um das "Kulturerbe von morgen" fand im Palais Biron statt. Per Vortrag kümmerten sich Bernd Weigel, ehemaliger Leiter des Gartenamtes Barden-Baden und Vorsitzender des Freundeskreises Lichtentaler Allee, auf dessen Initiative die Veranstaltungsreihe zurückgeht, Professor Robert de Long, Mitglied der niederländischen Delegation im Welterbekomitee, und Brigitte Ringbeck vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Bauen und Verkehr.

Auf dem Weg zum Weltkulturerbe ist die Lichtentaler Allee damit noch lange nicht.

Vielleicht kommt ja zu einer der nächsten Veranstaltungen Beate Weber, noch seiende Oberbürgermeisterin Heidelbergs, und berichtet, wie mühselig der Weg der Romantikstadt gewesen ist, der trotz vieljähriger Anstrengungen und Erfüllung der Nachbesserungsforderungen des Welterbekomitees die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes bislang nicht vergönnt war.

Oberbürgermeister Gerstner, der ein Grußwort an die Gäste, darunter zahlreiche Stadträte und Vereinsvertreter, im Palais Biron richtete, wird in den BNN folgendermaßen zitiert: "Nur wenn eine Stadt sich von der Beliebigkeit absetzt, lässt sie sich vermarkten."

Und schon wieder kann den Bürger das Sinnieren, dieses Mal in Sachen Beliebigkeit und Vermarkten, überkommen. Vielleicht mag's ihm als Konsequenz belieben, sich künftig an den Märchen der Gebrüder Grimm zu ergötzen und Radio zu hören oder fernzusehen.

Rika Wettstein, Oktober 2006


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