Baden-Baden und die Relationen

Die beschauliche Stadt im Oostal, eine von neun kreisfreien Städten in Baden-Württemberg, als Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen eingestuft, scheint zuweilen mit den Relationen nicht so ganz zurecht zu kommen. Immerhin befindet sich in der internationalen Urlaubs- und Bäderstadt mit gut 53000 Einwohnern als gedachter Privatbetrieb das zweitgrößte Opernhaus Europas mit 2500 Plätzen, 1995 vom damaligen OB Ulrich Wendt und der Mehrheit des Gemeinderats grundsätzlich beschlossen, 1998 auf einen finanziellen Schlingerkurs Richtung Pleite gebracht, die nur durch großzügige Finanzspritzen aus dem Stadtsäckel und
privates Mäzenatentum abgewendet werden konnte.

Der Stadt stand damals bereits das Wasser in Sachen Stadtfinanzen bis zum Hals. Dennoch wurde kräftig weiter in private Projekte Geld investiert, was
zu Lasten der Bürger ging.

Die Bürger sind es, die im Jahr 2006 aufgerufen sind, einen neuen Oberbürgermeister zu wählen. Zum soundsovielten Mal zeigt sich, dass es wieder Probleme mit den Relationen gibt.

Zwei gelernte Juristen, beide der CDU angehörend, haben ihre Kandidatur angemeldet. Beide gelten als aussichtsreich. Der eine, amtierender Erster Bürgermeister Baden-Badens, war bereits lange vor der öffentlichen Ausschreibung von CDU, FDP und den Freien Wählern Baden-Badens
auf den Schild gehoben worden. Der andere, seit 14 Jahren offenbar recht erfolgreicher Bürgermeister von Sigmaringen, ging im Dezember 2005 als "Parteiloser" ins Rennen.

Beide Kandidaten sind
während des Wahlkampfs respektvoll miteinander umgegangen. Beide haben ihre Sympathisanten. Baden-Badens Erster Bürgermeister kann sich sogar einer beträchtlichen Anzahl bekannter und weniger bekannter heimischer Persönlichkeiten sicher sein, die sich im Unterstützerkreis "Baden-Badener für Klaus Rückert" formiert haben.

Besagter Unterstützerkreis hat zum 8. März 2006 im Wochenwerbeblatt "Kurstadt-Nachrichten" ein ganzseitiges Inserat geschaltet, worin nicht nur die Namen von  beispielsweise Frau und Sohn des Baden-Badener Kulturbürgermeisters Kurt Liebenstein (SPD) zu finden sind, sondern die der FDP-Stadträte Brigitte und Olaf Feldmann, des DEHOGA-Geschäftsführers Markus Fricke, selbstverständlich jener der CDU-Fraktionsvorsitzenden Ursula Lazarus, sowie Dutzender weiterer "Prominenter".

Sie alle stehen für:
"6 gute Gründe für Dr. Klaus Rückert:"

 Als erster Grund ist aufgeführt:
"Wir wollen wirklich frischen Wind und keinen Bürgermeister aus einer Kleinstadt, die halb so groß ist wie Gaggenau."

Hoppla, was soll das heißen?
Soll die "Industriemetropole" des Murgtals aus dem Mittelzentrum mit oberzentralen Teilfunktionen belächelt werden, oder gar das gesamte Murgtal?

Sind Kleinstädte mit solider Haushaltslage im Verständnis des Unterstützerkreises weniger Wert als die vom Dauerkonkurs bedrohte "Sommerhauptstadt Europas" des 19. Jahrhunderts und sind sie deshalb mit Herablassung zu behandeln?

Haben die Unterzeichner sich einmal vor Augen geführt, woher ihr Favorit kommt?
Richtig: Aus Weil der Stadt, mit rund 19000 Einwohnern nur etwas größer als Sigmaringen mit fast 17000 Einwohnern.

Der "Kleinstädter" Rückert war dort vier Jahre lang Erster Beigeordneter, bevor er im Jahr 2003 nach Baden-Baden kam, während der "Kleinstädter" Gerstner immerhin 14 Jahre lang die Geschicke Sigmaringens gelenkt hat.

Ist dem Unterstützerkreis eigentlich bewusst, dass das angeführte Gaggenau ungefähr die gleiche Einwohnerzahl hat wie Bühl? Von dort kam 1990 der CDU-Mann Ulrich Wendt, dessen Wirken derart von frischem Wind geprägt war, dass ihn die Bürger 1998 abwählten.

Warum sollte ein erfolgreicher Bürgermeister aus einer Kleinstadt halb so groß wie Gaggenau oder Bühl Baden-Baden zum Nachteil gereichen?

Die Bibelfesten könnten sich fragen lassen, wie das "Missverhältnis" David gegen Goliath ausgegangen ist.

Den Anhängern des wirklich frischen Windes ist zum Bedenken aufgegeben: William Jefferson Clinton, 42. Präsident der USA, kam aus Arkansas, das mit gut 361000 Einwohnern den Rang 29 unter den 50 US-Bundesstaaten einnimmt.

Was den so dringend notwendigen Generationenwechsel, der als fünfter Grund, "raffiniert" mit der Feststellung "Er ist einer von uns", genannt wird, anlangt, so möge sich jede/r
selbst ein Bild machen, zu welcher Generation die Mehrzahl der Mitglieder des Unterstützerkreises zu rechnen ist.

Ach ja, Baden-Baden und seine Relationen…


Rika Wettstein, März 2006


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