Was wäre Baden-Baden ohne Qualitäten?

Das Neue Schloss, die dem Verfall preisgegebene ehemalige Residenz der badischen Markgrafen, hoch über der Stadt auf dem Florentiner Berg gelegen, sollte in ein Luxushotel umgewandelt werden. Ausschlaggebend für dieses Vorhaben war wohl die Absicht, Baden-Baden als Fremdenverkehrsstadt, die im oberen Marktsegment angesiedelt ist, weltweit noch besser zu positionieren. Die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des stadtbildprägenden Bauwerks musste allerdings im Mai 2003 wegen zu hoher Kosten und der gesamtwirtschaftlichen Lage begraben werden.

Und dennoch bleibt die Rathausspitze optimistisch, dass sich das Neue Schloss mit seinen 105 Zimmern und Sälen zu einem hochklassigen Hotel wandeln werde. "Ihren Optimismus schöpfe die Rathausspitze aus dem Wissen um die Qualitäten des Standorts Baden-Baden." (Badisches Tagblatt, 28. Mai 2003)

Gut zu wissen, dass die Qualitäten des Standortes Baden-Baden Grund zum Optimismus der Stadtregenten liefern. Aber weiß die Stadtspitze tatsächlich, wie es um diese Qualitäten bestellt ist?

Für eine 53000-Seelen-Gemeinde bietet Baden-Baden schon etliches an qualitativ Hochwertigem, begonnen bei der Landschaft und dem Klima, über eine Vielzahl an Erholungs- Freizeit- und Sportmöglichkeiten bis hin zu einem reichhaltigen Kulturangebot. Allerdings ist die Stadt auch "hochwertig" im Schuldenmachen, um den hohen Qualitätsstandard im Hinblick auf Fremdenverkehrsstadt im oberen Marktsegment aufrecht zu erhalten oder gar auszubauen. Die Hochverschuldung wiederum hat Auswirkungen auf die "Basisqualität" der Stadt: die Infrastruktur mit allem, was dazu gehört wie Schulen, Kindergärten, öffentliche Dienstleistungen, Straßenbau und, und, und. Die Qualitätseinbußen auf diesem Sektor lassen beim Bürger keinen Optimismus aufkommen und machen die Stadt als Wohn- und Arbeitsstadt nicht unbedingt attraktiver.

Wechselwirkungen zwischen minderer oder gar schlechter Basisqualität und hochwertiger Qualität sind keinesfalls zu verkennen. Wo sollen beispielsweise in (ferner) Zukunft die Dienstleister, die für die Sicherung der Qualität der im oberen Marktsegment angesiedelten Fremdenverkehrsstadt notwendig sind, herkommen, wenn ihnen in der Stadt selbst nur dürftige Lebensbedingungen geboten werden? Oder wie will man Gästen erklären, warum sie ihr edles Schuhwerk auf schlechten Straßen ruinieren oder von mürrischem Personal bedient werden? Der
The Five Star Diamond Award wäre damit ebenso verloren wie jede andere Wellness- und Wohlfühlauszeichnung, die als Qualitätsindikatoren betrachtet werden.

Zu den herausragenden Qualitätsmerkmalen der Fremdenverkehrsstadt Baden-Baden zählen die zweimal jährlich stattfindenden
Pferderennen im Renndorf Iffezheim. Dort wird das qualitativ Hochwertige in Form von Vollblutpferden ebenso gepflegt wie die Hochwertigkeit von Speisen und Getränken während der Rennveranstaltungen.

Speisen- und Getränkepreise stehen offenbar in keinem Verhältnis zu Menge und Qualität des Angebots, wie anlässlich des Frühjahrsmeetings 2003 wiederholt bemängelt wurde. Das Badische Tagblatt vom 28. Mai 2003 zitiert einen Gastronomen, der einen Teil der Rennbahnbewirtung übernommen hat: "Nicht das Produkt macht den Preis, es ist der Aufwand, das Drumherum."

Wird dieser Satz auf Baden-Badens Basisqualität umgemünzt, so scheint diese Qualität nicht wegen ihrer selbst so teuer, sondern wegen des Drumherums, des Aufwands. Zu letzterem gehören: unzählige teure Gutachten, die größtenteils in Schubladen verschwanden, jede Menge Projekte, die der Bedienung von Einzelinteressen dienen und mehr oder weniger erfolgreich, wenn überhaupt umgesetzt, wurden und vieles mehr.

Vor allem das Fehlen eines soliden, von den Bürgern nachvollziehbaren und damit von und mit ihnen tragbaren wie auch finanzierbaren Stadtentwicklungskonzepts ist ein wesentlicher Grund für diesen in Jahrzehnten entstandenen nutzlosen Riesenaufwand zu Lasten der Basisqualität. Es wird allerhöchste Zeit, dass endlich alle in dieser schönen Stadt vorhandenen Interessengruppen, egal ob beispielsweise Stadtratsfraktionen, Hotellerie- und Einzelhandelsvertreter, im Interesse des Gesamtwohls Baden-Badens miteinander reden und nicht gegeneinander agieren, sich austauschen, Vorschläge überdenken und aufeinander abstimmen und ein optimales Entwicklungskonzept erarbeiten, welches zügig und möglichst unbürokratisch umzusetzen ist. Denn sonst gibt es auch für die Stadtregenten keinen Grund mehr, Optimismus aus dem Wissen um die Qualitäten des Standorts zu schöpfen.

Rika Wettstein, Mai 2003



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