Baden-Baden und die Offensive

Potz Blitz, mag der eine oder andere am 22. Februar bei seiner Frühstückslektüre gedacht haben. Die erste Lokalseite des Badischen Tagblatts offeriert doch tatsächlich die Botschaft:

"…beginnt die Lokalredaktion heute mit einem weiteren Element der offensiven Berichterstattung", weil in genau 18 Tagen die Baden-Badener einen neuen
Oberbürgermeister wählen. Zu den Komplexen "Stadtentwicklung", "Arbeit und Wirtschaft", sowie "Familie - Jung und Alt" können die beiden aussichtsreichsten Kandidaten ihre Sicht der Dinge darlegen, wonach ein "Fragebogen", der mehr auf Charakter und Persönlichkeit der Bewerber abzielt, das Redaktionskonzept abschließen soll.

Was, bitte, ist daran "offensive Berichterstattung"?

Offensiv hat, neue deutsche Sprache mit "Geiz ist geil" und Ähnlichem hin oder neue deutsche Rechtschreibung her, die Bedeutung von angreifend oder den Angriff bevorzugend und findet gern im Zusammenhang mit Kampfhandlungen Verwendung.

Selbst wenn berücksichtigt wird, dass in Baden-Baden
Wahlkampf herrscht, stellt sich die Frage, wer mit dieser Art von Berichterstattung angegriffen werden soll.

Die Leser? Wohl kaum, die werden dringend als Abnehmer der Zeitung gebraucht.

Die Kandidaten? Warum? Sie liefern sich einen "Kampf", der derart verwaschen ist, dass klare Angriffspunkte schwerlich auszumachen sind.

Was kann beispielsweise als "offensiv" in der Berichterstattung ausgemacht werden bei Formulierungen wie:

"Wolfgang Gerstner will Ausstrahlung der City stärken und Qualität erhöhen"
"Klaus Rückert will attraktiven Wirtschafts- und Medienstandort ausbauen"? (BT, 22.2.2006)

Wie wäre es denn, wenn sich die Kandidaten offensiv gegenüber der jeweils ausgeguckten Thematik verhielten?

Man nehme zum Beispiel den Fremdenverkehr.
Im Jahr 2004 dümpelte die vom Statistischen Landesamt für Baden-Baden ermittelte Übernachtungszahl bei 708702 Übernachtungen von insgesamt 254357 Gästen herum, was eine durchschnittliche Verweildauer von 2,8 Tagen und eine Bettenauslastung von 45,4 % ausmacht. Bildlich: jedes Fremdenbett war mindestens jede zweite Nacht nicht belegt.

Ein wahrlich zündendes Argument dafür, von Betrieben, die vom Fremdenverkehr Vorteile haben, eine Zusatzsteuer in Form einer
Fremdenverkehrsabgabe, die vom Nettoumsatz oder dem Betriebsergebnis abhängen soll, zu wollen.

Die höchste Bettenauslastung der letzten 20 Jahre wurde 1986 mit 50,3 % und einer Durchschnittsverweildauer pro Gast von 3,3 Tagen erzielt. Wobei damals 4517 Schlafgelegenheiten und in 2004 4353 gezählt wurden.

Offensiv wäre die Kandidatenargumentation:

Ich gehe das Problem Übernachtungszahlen an und nehme mir vor, wenigstens die Bettenauslastung von 1986 zu erreichen. Seinerzeit sind zwar weniger Gäste gekommen, nämlich 238486, als in 2004. Aber sie sind länger geblieben. Wenn ich erreichen kann, dass jeder Gast einen halben Tag länger bleibt, kann ich auf der Basis der 254357 Gäste des Jahres 2004 mit 839378 Übernachtungen ein sattes Plus von mehr als 130000 Übernachtungen in einem Jahr verbuchen. Das wären immerhin rund 4000 Gäste mehr als in 1986, die pro Jahr zu begrüßen wären, im Tagesdurchschnitt rund 11 Übernachtungsgäste zusätzlich.

Ich beabsichtige dieses Plus durch eine kompetente Vermarktungsstrategie zu erreichen, basierend auf einem zufrieden stellenden Preis-Leistungsverhältnis, sowie durch Zielgerichtete Gemeinschaftsprojekte von Hotellerie, Gastronomie, Bädern und der Vielzahl kultureller Einrichtungen, die nicht nur einen bestimmten Kundenkreis ansprechen sollen, sondern jedem Zeitgenossen einen Aufenthalt in der Stadt schmackhaft machen.

Derlei Vorgaben sind durchaus geeignet, jene "offensiv" werden zu lassen, welche dieses Unterfangen als unrealistisch empfinden, oder welche die Stadt nicht für jedermann öffnen wollen.

Man nehme weiterhin das Beispiel innerstädtischer Einzelhandel:

Offensive ist angesagt gegenüber der "Einheitsbreigestaltung" der Fußgängerzonen mit mehrheitlich einem Kettenladen nach dem nächsten, der auswärtige Besucher zu dem ernüchternden Resultat kommen lässt: "Ich wollt' in Euerer Stadt ja schon Geld ausgeben. Bloß gefunden hab' ich nichts, außer bei ‚Weltbild'. Aber das hätte ich mir auch zu Hause kaufen können."

Eine Förderung des individuellen Einzelhandels muss her, beispielsweise durch Grundsteuersenkung, gepaart mit der Aufforderung an die Hauseigentümer, ihre Ladenmieten moderat zu gestalten, damit Investitionswilligen Einzelhändlern die Entscheidung pro Baden-Baden erleichtert wird und der früher einmal gewesene Abwechslungsreichtum ein besonderes Kauferlebnis beschert, und zwar für alle Bevölkerungsschichten.

Oh, welch' Aufschrei würde durch derlei Vorhaben provoziert. Stadtverantwortlichen und Hausbesitzern ist die Empörung, weil ihre Wohlstandspfründe beschnitten werden sollen, durchaus zuzutrauen.

Kurzsichtig sei dies, könnte der offensive Kandidat argumentieren. Je uniformer die innerstädtischen Einkaufsverhältnisse werden, desto unattraktiver werden sie, und zwar nicht nur für die Bürger, sondern auch für die Gäste, was wiederum neben anderen Effekten eine negative Auswirkung auf die Verweildauer der Besucher Baden-Badens haben kann.

Weitere Beispiele des offensiven Umgangs mit Problemthemen der Stadt wie zum Beispiel das der
Musikschule wären aufzählbar - allein:

Eigentlich ist es Sache der Kandidaten, sich offensiv einzubringen, damit sich den Bürgern eine wirkliche Wahlalternative bietet, was sich sicherlich wohltuend auf die Wahlbeteiligung auswirken wird.

Auf geht's, die Herren! Packen Sie's an, offensiv im positiven Sinn des Wortes zum Besten der Stadt!
Der Lokalpresse wäre damit auch die Möglichkeit eröffnet, über Ihre Offensiven Bericht zu erstatten.

Von Rika Wettstein, Februar 2006


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