Baden-Baden und die Normalität

Der Roman "
Lavendelblues", der sich mit Menschen in der Region diesseits und jenseits des Rheins beschäftigt, beschert den Lesern neben etlichem anderem die Erkenntnis der Hauptfigur, "dass es in dieser Stadt keine Normalität gibt, nur Extreme."

Mit "dieser Stadt" ist Baden-Baden gemeint. Sowohl Kenner als auch Liebhaber dieser Stadt haben allen Anlass, sich erinnernd bekräftigend zu nicken. Letztere allerdings mit dem Hinweis darauf, diese Extreme seien von Menschen zu verantworten.

Wie wahr!

Und ein weiteres Mal ist Extremes auszumachen.

Bewegt man sich auf Baden-Badens Straßen in Richtung des zweitgrößten Opern- und Konzerthauses Europas, sind Schilder zu passieren, die auf den schlechten Straßenzustand hinweisen, gewissermaßen als eine Art Absicherung der Kommune gegen Schadensersatzansprüche der Autobesitzer wegen kaputter Reifen, malträtierter Stoßdämpfer oder anderem.

Straßenschäden im gesamten Stadtgebiet

Per Schlaglochslalom zu musikalischem Hochgenuss. Welch Extrem!

Die Stadt, die etliche wegen des
Museums Frieder Burda und des Festspielhauses als eine Art Kunstnabel empfinden, dem die "bedeutendsten Künstler dieses Planeten" (Badische Neueste Nachrichten, 4.5.2006) wiederkehrend huldigen, kann es sich nicht leisten, mit ordentlichen Straßen aufzuwarten.

Wenn der Intendant des Festspielhauses meint, "die Atmosphäre, die Akustik und das Publikum stimmen" (BNN, 4.5.2006), mag dies im Hinblick auf das Festspielhaus gelten, für die Stadt indes kaum.

Normal wäre für einen durchschnittlich denkenden Menschen, dass das Gesamtgebilde "stimmig" ist und wenn nicht, in Ordnung gebracht wird. Während der Intendant des vermeintlich ersten privat finanzierten Opern- und Konzertbetriebs in Europa zum Besten gibt: "Das Haus ist in einer glänzenden Verfassung." (BNN 4.5.2006), kann derlei vom Drumherum nicht behauptet werden.

Ein desolater Stadthaushalt, schlechte Einkaufsbedingungen und sanierungsbedürftige, unter Raumnot leidende Schulen sind neben den Schlaglochpisten nur drei weitere zu nennende Punkte auf einer umfangreichen Mängelliste.

Der desolate städtische Haushalt wurde auch vom Festspielhaus mitverursacht.
Millionen an Subventionen sind in den vergangenen acht Jahren in das Haus "in glänzender Verfassung" geflossen und werden vereinbarungsgemäß weiter fließen. Nun kommen in den nächsten fünf Jahren noch mindestens 4,8 Millionen Euro aus Landesmitteln hinzu. 800000 Euro gewährt die Landesstiftung Baden-Württemberg als "Anschubfinanzierung" für die Herbstfestspiele 2006 und die darauf folgenden vier Jahre jeweils eine Million Euro.

Auch dies ist Bürgergeld, welches in den "rein privaten Betrieb" des Festspielhauses fließt. Herausragende Herbstfestspiele in Baden-Württemberg wolle die Landesstiftung ermöglichen, gibt die Heilbronner Stimme vom 4.5.2006 den Intendanten wieder.

Herausragende Herbstfestspiele, die je nach Wetterlage durch Tümpel auf den Straßen oder herausragende Straßenlochränder im Vorfeld zum besonderen Erlebnis zu werden versprechen. Welch "glänzende Verfassung"!

Der Intendant indes sieht die finanzielle Landesleistung nicht als Subvention, denn "dahinter verbergen sich Gelder, die durch den Verkauf der EnBW-Anteile des Landes frei geworden wären". (Badisches Tagblatt, 4.5.2006)

Und was sind Landesanteile des baden-württembergischen Energieversorgers EnBW?

Der baden-württembergischen Bürger Geld, genau.

Und dieses soll ebenso wie Baden-Badener Bürgergeld in das Haus in glänzender Verfassung fließen. Sieht's auch in der Stadt absolut nicht glänzend aus und im "Ländle" stellenweise ebenfalls nicht, so wird dem Durchschnittsbürger wenigstens die Möglichkeit eingeräumt zu erfahren, dass sich ein privat betriebenes Kulturunternehmen dank öffentlicher Gelder glänzender Verfassung erfreuen kann.

Aber: Ganz bewusst verzichtete der Intendant während einer Pressekonferenz vom 3. Mai 2006 auf Zahlen zu Zuschauern und wirtschaftlicher Entwicklung und kündigte eine gesonderte Bilanz an, die im Juli vorgelegt werden soll (BNN, 4.5.2006).

Unabhängig davon, wie diese ausfallen wird, erscheint es den Baden-Badener Durchschnittsbürgern allemal begrüßenswerter, die Landesmittel wären der Sanierung öffentlicher Einrichtungen und eben auch Straßen zugute gekommen. Dies wäre nicht nur ein Zeichen der bürgerfreundlichen Normalität, sondern auch ein Zeichen der Förderung der Gesamtkultur.

Eine Pikanterie ist noch ergänzend hervorzuheben: Stadt und Land ringen seit Jahren um einen angemessenen Rückfluss der "verteilfähigen" Abgabe aus den Erlösen der
Spielbank, weil sich die Stadt seit der so genannten BKV-Reform eben keineswegs in einer glänzenden Verfassung befindet. Wie hieß es doch eingangs?: "dass es in dieser Stadt keine Normalität gibt, nur Extreme."

Rika Wettstein, Mai 2006
Abbildung: Wolfgang Peter



Die Pforzheimer Zeitung berichtete am 14. Juli 2006 von einer Aufsichtsratssitzung des Landesstiftung am 13. Juli 2006 unter anderem:
"Dem privaten Festspielhaus Baden-Baden wurde eine Förderung in Aussicht gestellt. Hier sei für 2007 und 2008 jeweils ein Betrag von unter einer Million Euro im Gespräch, über die zwei Jahre hinaus solle es keine Förderung geben. Oettinger verteidigte die mögliche Finanzierung, da sich das Haus zu 'beachtlichen 60 Prozent' aus privaten Mitteln trage."



Den zahlreichen Hinweisschildern auf Straßenschäden im gesamten Stadtgebiet soll der Garaus gemacht werden. Aber nicht einfach dadurch, dass man sie abbauen lässt, sondern dadurch dass die Straßen Zug um Zug repariert werden. Im Herbst 2006 soll ein Sanierungskonzept vorliegen. Dieses wird eine Prioritätenliste enthalten anhand derer über eine Anzahl von Jahren hinweg das Straßennetz saniert werden soll. Die Verwaltung schätzt die Kosten auf "ein paar Millionen Euro". (Badisches Tagblatt, 14.7.2006)
Bevor dieses Konzept vorliegt werden bereits einige
Sondermaßnahmen realisiert.




Lesen Sie weitere Artikel von Rika Wettstein



Inhalt | News | Geschichte | Stadtplan | Sehenswert
Kunst + Kultur | Theater | Festspielhaus | Casino | Events | Thermen | Sport
Hotels | Restaurants | Cafés + Bars | Shopping
Stadtteile | Umgebung | Elsass
Adressen | Forum | Gästebuch | Shop | Awards | Links