Ist Baden-Baden ein Mythos?

In einem Interview des Europamagazins der Deutschen Welle antwortete Elena Javoronkova auf die Frage, was die Stadt gerade für russische Gäste so attraktiv mache: Baden-Baden war und ist ein Mythos - und ein Symbol für eine "glückliche Zeit".

Nachschlagewerke geben zum Begriff Mythos Auskunft darüber, dass dieser aus dem Griechischen stammt und so viel wie Erzählung bedeutet. Ausführliche Abhandlungen über Inhalt und Form des Mythos, die Zusammenhänge von Mythos und Logos, von Mythos und Psychologie, von Mythos und Religion, sowie Mythos und Politik enden in der Konsequenz:

Der Mythos hat eine sinnstiftende Funktion und gewinnt damit Bedeutung für das Existenzverständnis des Menschen, wodurch er zum Ausdruck einer Weltanschauung wird.


Baden-Baden, Ausdruck einer Weltanschauung und dies gegebenenfalls nicht nur für Russen?!

Russen mögen Baden-Baden als Mythos und als Symbol für eine "glückliche Zeit" betrachten, war es ihnen doch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ermöglicht, Russlands Grenzen zu überschreiten und jenseits dieser Grenzen "freie" Erfahrungen zu sammeln. Viele taten dies in Baden-Baden. Leisten konnte sich derartigen Luxus allerdings nur eine Minderheit der russischen Bevölkerung: die Adligen und Gutsbesitzer samt Anhang. Ermöglicht wurde das teilweise sehr verschwenderische Leben dieser Minderheit durch die Schufterei der Leibeigenen auf den Gütern der Begüterten.

Baden-Baden, ein Symbol für eine glückliche Zeit?

Das Städtchen im Oostal hat wenige glückliche Zeiten aufzuweisen: Besetzung durch die Römer, Zerstörung durch die Alemannen, karge Zeiten im Mittelalter, Zerstörung durch die Franzosen im Jahr 1689, ärmlichste Lebensverhältnisse wegen der Verschwendungssucht der absolutistischen Herrscher.

Die allmähliche Besserung des schlechten Zustandes begann unter
Markgraf Karl Friedrich und erlebte unter seinen Nachfahren den Höhepunkt der "glücklichen Zeit" in der zwei Jahrzehnte währenden Existenz als "Sommerhauptstadt Europas". Für alle glücklich war diese kurze Zeitspanne sicherlich auch nicht.

Das Missverhältnis von 8000 Einwohnern und bis zu 50000 Gästen während der von Mai bis Oktober reichenden Saison ließ Gärten, Wiesen und Felder zu Gunsten von Nobelunterkünften für die anspruchsvollen Gäste weichen. Spekulantentum machte sich breit und verdarb die Moral in der Stadt ebenso wie die Diskrepanz zwischen der meist armen Bevölkerung und den einfluss- und kapitalreichen Gästen deutlich sichtbar wurde.

Von "glücklichen Zeiten" mag gesprochen werden können, wenn berücksichtigt wird, dass im 19. Jahrhundert eine Vielzahl von Künstlern ihren Beitrag zu einem wahren Kulturfeuerwerk leisteten und Baden-Baden oftmals zur Wiege von Gedichten, Erzählungen und Musikkompositionen auserkoren.

Die Pflege von Kunst und Kultur als Mythos zu betrachten, scheint akzeptabel, da bis in die Neuzeit hinein ein umfangreiches Kulturangebot ein herausragendes Merkmal der Stadt ist. Kommunen ähnlicher Größenordnung können sicherlich nicht mit Theater, Opernhaus, eigenem Orchester, Museen, Rundfunk- und Fernsehanstalt, einem renommierten
Kultur-Stipendium und vielem mehr aufwarten. Glückliche Zeiten haben diese Einrichtungen eher selten erlebt. Dauerstreit um die Existenz von Theaterensemble und Orchester verunsichert/e die Künstler, die Existenz des Festspielhauses war kurz nach seiner Eröffnung bedroht, das städtische Museum war in engsten Räumen untergebracht, der Südwestfunk wurde mit dem Süddeutschen Rundfunk fusioniert und das Baldreit-Stipendium sollte im Jahr 2002 aus Sparzwängen gekippt werden.

Der "Mythos" Baden-Baden erschöpft sich seit geraumer Zeit darin, alljährlich einen Haushalt vorzulegen, der eine weitere Verschuldung der Stadt ausweist, die für das Jahr 2004 den bisherigen Höchststand von knapp 94 Millionen Euro erreichen wird. Für jeden Einwohner bedeutet dies, dass er mit ungefähr 1700 Euro einerseits einen gehörigen Batzen an Schuldenanteil hat, auf der anderen Seite durch mit Sparargumenten verwirklichte eingeschränkte Leistungen der Stadt gegenüber ihren Bürgern in Nachteil gesetzt wird.

Eine eigenartige Weltanschauung tut sich auf, wenn die Oberbürgermeisterin während der Debatte um den Haushaltsentwurf für das Jahr 2004 davon spricht, das "vergangene Jahr sei ein erfolgreiches gewesen" (Badisches Tagblatt, 20.1.2004).

Belege hierfür sieht sie unter anderem in ihrem Einsatz für den Baden-Airport und die Iffezheimer Rennplatztribüne. Dorthin - in auswärtige Projekte - sind städtische Gelder in Millionenhöhe geflossen, zum Nachteil der Einheimischen. Zufriedene Mienen, wie beim Richtfest der Rennbahntribüne am 15. Januar 2004 auch von der Baden-Badener Oberbürgermeisterin zur Schau gestellt wurde, würden die Baden-Badener Bürger auch gerne aufsetzen können.

Vielleicht gelingt dies, wenn der Buchtitel des russischen Autorenpaares Evgenij Pazukhin und Elena Javoronkova
"Budem djelat Baden-Baden!" - übersetzt etwa: "Machen wir uns ein Baden-Baden!" - von den Bürgern als Aufruf verstanden wird. Der Mythos "von Bürgern für Bürger" könnte damit seinen Anfang nehmen.

Rika Wettstein, Januar 2004



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