Baden-Baden und seine Mysterien

Wer sich auf der Suche nach einer Definition des Begriffs Mysterium des Internets bedient, findet unter anderem Folgendes:
"Mysterium wird gewöhnlich mit Geheimnis übersetzt. Gemeint ist dabei nicht eine Information, die nur vorläufig zurückgehalten, prinzipiell aber uneingeschränkt mitteilbar ist, sondern ein komplexer, oft paradoxer Sachverhalt von existenzieller […] Tragweite, der sich der direkten Mitteilung und logischen Analyse wesentlich entzieht." (WIKIPEDIA)

Sieh an. Wer sich beispielsweise an die
Stadtkämmerer-Affäre oder an die Ereignisse um die Gesellschaft für Stadtentwicklung oder an das Tauziehen um die Bäderlösung oder gar an die Beschäftigung mit einer erfolgsträchtigen Fremdenverkehrspolitik erinnert, dem können die Kurstadt-Spitzen im Badischen Tagblatt vom 30. Juni 2007 wie Balsam auf geschundene Demokratenseelen anmuten. Weswegen ihnen ein mit Dank und Kompliment an die Autoren versehener Dauerplatz bei www.bad-bad.de gebührt:

Nix los an der Qos?
Was Veranstaltungen angeht, stimmt diese Aussage sicher nicht. Weltstars geben sich die Klinke in die Hand, die örtlichen Kulturschaffenden sind äußerst rührig, eine Vielfalt lebendiger Vereine und Gruppen geht mit abwechslungsreichen Aktivitäten an den Markt. Ganz anders sieht es dagegen in jüngster Zeit beim Thema Kommunalpolitik im Gemeinderat aus. Da ist im wahrsten Sinne des Wortes überhaupt nix los. Bestes Beispiel: die Sitzung am vergangenen Montag. Auf der Tagesordnung: haushaltsrechtliches Geplänkel und der Beschluss, die Sanierung des Pharmacie-Gebäudes in der Cité mit Zuschüssen zu fördern. Beides längst im Hauptausschuss vorberaten. Keine Diskussionen, stummes Zustimmen zu den Plänen der Verwaltung. Geradezu typisch der Wortwechsel zwischen OB Wolfgang Gerstner und Stadtkämmerer Thomas Eibl: "Wollen Sie noch was dazu sagen?", fragt der OB. "Eigentlich nicht", antwortet der Kämmerer. Na denn...

Zur ebenfalls auf der Tagesordnung befindlichen Bürgerfragestunde sind keine Bürger erschienen - das passt.

"Informationen der Verwaltung habe ich keine", hakt der OB auch dieses immer wiederkehrende Thema beinahe lustlos ab. Die Sitzung wäre nach weniger als 15 Minuten vorbei gewesen, wenn es da nicht wie immer ein paar unerschrockene Ratsmitglieder gegeben hätte, die Anfragen stellten. Erstaunlich eigentlich, denn wie das fast schon die Regel ist, blieben die Anfragen auch diesmal weitgehend unbeantwortet - und sie werden es zumindest öffentlich wohl auch immer bleiben. Denn einen Tagesordnungspunkt "Beantwortung von Anfragen", wie er in anderen Gemeinderäten guter Brauch ist, vermisst man bei den Sitzungen in Baden-Baden. Und der Betrachter fragt sich:

Warum treffen sich diese Menschen eigentlich, wenn es ohnehin nichts zu besprechen gibt? Am Programm danach kann es auch nicht liegen. An der entspannten Runde in einem Lokal in der Altstadt, mit der dem Vernehmen nach seit dem Amtsantritt Gerstners jede Ratssitzung ausklingt, nahm nämlich nur eine Hand voll Ratsmitglieder teil.

Harald Holzmann, Badisches Tagblatt, 30.06.2007

Hartnäckiges Mysterium
Manchmal, so viel Nabelschau sei gestattet, sind auch Journalisten mit Mysterien konfrontiert - also einer Art Geheimnis, das es zu entschlüsseln gilt. Und gar nicht selten entzieht sich der Sachverhalt einer logischen Analyse. Eben: Da drang an unsere großen BT-Ohren, dass Denkmalschützer im Hardbergbad vor Ort waren. Schließlich wollen die Stadtwerke das Freibad sanieren. Aber halt: Denkmalschützer? Also Nachfrage beim zuständigen Dezernenten Kurt Liebenstein. Aber: Er kenne weder den Grund noch Details, geschweige denn das Ergebnis. Aber immerhin, das Regierungspräsidium (RP) in Karlsruhe weiß was: Das Bad ist seit den 80er Jahren als Sachgesamtheit ein Kulturdenkmal. Wie bitte? Und warum weiß das die Verwaltung nicht? Doch, die weiß das, heißt es vorn RP - sonst wären die Denkmalpfleger ja nicht einbestellt worden. Also wieder Anruf bei Liebenstein: Wir wissen nichts. Warum aber waren die Denkmalschützer vor Ort? Bei Bauvorhaben würden die Fachleute immer eingeschaltet. Diese Praxis, die seit Bürgermeister a. D. Jörg Zwosta gelte und über die er sich jetzt kundig gemacht habe, hatte er nicht gekannt - sagt er. Logisch klingt das nicht, schließlich ist Liebenstein ja nicht erst seit ein paar Tagen im Amt. Das Mysterium wehrt sich also gewissermaßen hartnäckig gegen die Aufklärung...

Doch Bürgermeister Klaus Michael Rückert schaltet sich ein. Plötzlich geht alles ganz schnell: Mitarbeiter fahnden in Akten und Listen. Nichts, nirgendwo ein Vermerk. Ist also das RP Schuld? Rückert telefoniert mit dem RP. Nach mehreren Fragen räumt der RP-Sprecher schließlich gegenüber dem BT ein: "Es hat keine aktive Information der Verwaltung gegeben." Will heißen: Auch passiv nicht... Will nochmal heißen: Irgendwann in den 80er-Jahren ist das Bad zum Kulturdenkmal geworden - und keiner hat's gesagt. Jedenfalls hat's auch keiner gemerkt. Tja, bei solchen Mysterien, die sich über Tage hinweg nicht aufklären lassen (wollen), denken Journalisten, die sich der Logik und der Kraft der Vernunft verpflichtet wissen, schon mal daran, sich flugs aus dem Fenster zu stürzen... Oder sie denken im konkreten Fall daran: Was wäre wohl geschehen, wenn der Gemeinderat vor Jahren tatsächlich beschlossen hätte, das Hardbergbad zu schließen und abzureißen... Was wäre dann passiert? Hätte jemand gemerkt, dass das gar nicht geht? Wo ist das nächste Fenster...?

Patrick Fritsch, Badisches Tagblatt, 30.06.2007

Sic! Dem ist nichts hinzuzufügen.


Von Rika Wettstein, Juni 2007





Eine Meldung des Badischen Tagblatts vom 11. Juli 2007 informiert wie folgt:

"Zorniger Zwischenruf einer Insiderin"

Eine Pressemitteilung von Stadträtin Almuth Dinkelaker (Grüne) als Reaktion auf die Wochenend-Kolumne "Nix los an der Oos?" ist von ihr als "zornige Reaktion einer Insiderin" überschrieben. Nachfolgend veröffentlichen wir den Text im Wortlaut:

"Nix los an der Oos, genauer gesagt im Gemeinderat? Kann man etwas anderes erwarten bei einem OB, der Hunde mag, weil sie nicht reden? Was kann los sein bei einer Verwaltung, welche die öffentliche Diskussion scheut wie der Teufel das Weihwasser? Im Gemeinderat ist Schweigen und Zustimmen die bevorzugte Haltung.

Die Meute der CDU hat nichts zu verbellen, weil die Beute bereits im Vorfeld erlegt wurde. Die Freien Wähler lecken Herrchen die Hand und verbeißen gern mal ihre Kollegen.

Die SPD hat das Bellen verlernt, seit ihr Leithund selbst zum Herrchen aufstieg.

Die liberalen Kläffer bellen gern und lang - aber sie beißen nicht.

Und die grünen Wadenbeißer, die trotz vieler Wunden das Schweigen und Zustimmen immer noch nicht gelernt haben, werden unter stillem Beifall der domestizierten Mehrheit von den beigeordneten Herrchen gern mit Fußtritten traktiert.

Wen wundert es also, wenn nix los ist im Gemeinderat? Trotzdem: Die Jagd nach den richtigen Entscheidungen im Gemeinderat muss wieder lebendiger und für die Zaungäste nachvollziehbarer werden. Hoffentlich findet unser OB die Zeit und Muße, auf seinem einsamen Hochsitz darüber nachzudenken."



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