Baden-Baden und der Umgang mit Kulturgut

"Eigentum verpflichtet." So steht es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland im zweiten Absatz des Artikels 14. Ergänzend heißt es dort: "Sein Gebrauch soll zugleich zum Wohle der Allgemeinheit dienen."

Die Autoren dieser Sätze mögen aus persönlicher Erfahrung oder aus geschichtlichen Kenntnissen heraus diese Norm in die bundesrepublikanische Verfassung aufgenommen haben.

Verpflichtung und Sorge um das Wohl der Allgemeinheit haben manche Persönlichkeiten der Geschichte nicht unbedingt an den Tag gelegt. Zum Sinnbild hierfür kann das Neue Schloss in Baden-Baden gewählt werden.

Das Symbol der absoluten Macht der badischen Markgrafen war
1689 schwer beschädigt worden. Markgraf Ludwig Wilhelm gab das Gemäuer kurzerhand auf und verlagerte seine Residenz ins benachbarte Rastatt, um in einem eigens errichteten prächtigen Barockschloss Hof zu halten. Baden und sein Schloss wurden im Stich gelassen.

Als die katholische Linie der Zähringer im 18. Jahrhundert ausgestorben war und die Markgrafen von Baden-Durlach die herab gewirtschaftete Markgrafschaft Baden übernahmen, kam allmählich wieder Leben in das Neue Schloss.
Großherzog Karl-Friedrich hielt sich mit seiner Familie des Öfteren dort auf.

Sein Sohn aus zweiter Ehe, der spätere
Großherzog Leopold, sorgte für die Sanierung und den Ausbau des das Stadtbild prägenden Bauwerks. Die Aufwertung der kleinen Stadt an der Oos zur Sommerhauptstadt Europas im 19. Jahrhundert belebte Stadt und Schloss.

Für Großherzog Leopolds Sohn Friedrich und dessen Gemahlin Luise, die sich in ihrem Jahrzehnte langen Einsatz für Land und Leute die Beinamen Landesvater und Landesmutter erworben haben, war das Neue Schloss Station auf ihren zahllosen Reisen von Karlsruhe gen Süden. Großherzogin Luise schloss im Jahr 1923 im Baden-Badener Schloss, das nach dem Zerfall des Deutschen Reiches in den Besitz der Familie von Baden übergegangen war, für immer die Augen.

Der größte Teil der Familie von Baden lebte am Bodensee und hatte wenig Verwendung für das Neue Schloss. Ungenutzt und vernachlässigt dämmerte das Schloss, das während des Zweiten Weltkriegs nur leicht beschädigt worden war, sichtbar dem Verfall entgegen und bot wahrlich keinen erfreulichen Anblick für Einheimische und Gäste. Zum Wohl der Allgemeinheit wurde es nicht frei gegeben mit Ausnahme der Unterbringung der
Stadtgeschichtlichen Sammlungen, die im Torbogen eine Bleibe fanden.

Die Immobilie, deren Sanierung vom Haus Baden, das sich wirtschaftlich in verschiedenen Branchen engagierte, als kostenmäßig nicht tragbar eingestuft wurde, sollte veräußert werden. Das umfangreiche Inventar, vom Mobiliar bis zum Salzstreuer, wurde in einer Aufsehen erregenden Auktion versteigert und spülte Millionen in die Privatkasse der ehemaligen Ersten Familie des Landes.

Etliche Verkaufsversuche scheiterten. Es wurde immer deutlicher, dass Jahrzehnte lang der Verpflichtung zur Instandhaltung des unter Denkmalschutz gestellten Schlosses nicht in hinreichendem Maße nachgekommen worden war.

80 Jahre nachdem die letzten Dauerbewohner das Neue Schloss verlassen haben, hat das geschichtsträchtige Gebäude einen neuen Eigentümer gefunden. Die kuwaitische Al-Hassawi-Gruppe hat das Neue Schloss im Oktober 2003 gekauft. Der Profit für das Haus Baden wurde mit Diskretion ummantelt.

Zu hoffen bleibt, die neuen Eigentümer nehmen es mit der aus dem Eigentum resultierenden Verpflichtung genauer. Die geplante exklusive Hotelanlage mag sich darüber hinaus zum Wohl der Stadt als erfolgreiches Vorhaben erweisen.

Rika Wettstein, November 2003


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