Baden-Baden und die Konsequenzen

In Baden-Baden ist ein ungeheures Spannungsfeld zwischen "denen da oben" und "denen da unten" auszumachen, und das schon seit Jahrhunderten.

"Die da oben" haben zu Zeiten, als die katholischen badischen Markgrafen ihre Residenz noch auf dem Schlossberg hatten, "denen da unten" mit ihrer teilweise ausbeuterischen Steuer- und Abgabenlast zur Aufrechterhaltung ihres luxuriösen Lebens kein bekömmliches und schon gar kein erfreuliches Leben beschert.

Nach dem Umzug der
Markgrafen an die Murg, dem die Verwüstung der Region und auch Baden-Badens durch die Franzosen vorausgegangen war, verlor das Städtchen an der Oos nicht nur seine politische Bedeutung sondern ging auch des Interesses der hohen Herrschaften ziemlich verlustig, bis die Baden-Durlacher Markgrafen 1771 das Gebiet erbten und an "alter Väter Statt" zurückkehrten, zumindest in den Sommermonaten.

Allmählich wurde man sich dessen Besonderheiten bewusst. Landschaft, Natur, Thermen und Glücksspiel reizten die Großen jener Zeit ebenso wie den damaligen europäischen "Jet-Set" und ließen die ehemalige Markgrafenresidenz zur Sommerhauptstadt Europas reüssieren.

Da war es dann wieder das Spannungsfeld: hie "die da oben", da "die da unten", von denen etliche versuchten, in bessere Kreise vorzustoßen, teilweise von Erfolg gekrönt.

Das Sagen blieb bei einer aristokratischen Minderheit, bis sich Deutschland als Folge des Ersten Weltkriegs zur Demokratie wandelte. Von Stund' an hätte die "Volksherrschaft" in idealtypischem Sinn umgesetzt werden können. Allein es fehlten Übung und Erfahrung, was nach wenigen Jahren zum Fiasko der faschistischen Nazizeit führte. Auch in Baden-Baden, wo man dem damaligen "Großen"
1933 als Ehrenbürger huldigte und viele "Kleine" zur Vernichtung in die Konzentrationslager schickte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die Konservativen die Hauptrolle im städtischen Geschehen und stellten bis zum Jahr 1998 einen Oberbürgermeister nach dem anderen, alle bestrebt, den "Weltrang" Baden-Badens durch entsprechendes Hofieren vermeintlich oder tatsächlich einflussreicher Zeitgenossen wiederherzustellen.

Im Laufe der Jahrzehnte wurden es die Bürger leid, allenfalls vor Kommunal-, Landtags- oder Bundestagwahlen von ihren Stadtabgeordneten und der Stadtregierung wahr und ernst genommen zu werden, was sich in der deprimierten Feststellung, gegen "die da oben" könne ohnehin nichts ausgerichtet werden, und in nachlassender Wahlbeteiligung niederschlug.

Tja - und am 12. März 2006 entlud sich die Spannung - heftig. Die Wahl des künftigen Oberbürgermeisters zeitigte das alarmierende Ergebnis, dass weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten ihr Kreuz machten.

Die hiesigen Etablierten in Sachen Unterstützerkreis pro Rückert müssen fortan mit dem Kreuz leben, ihren Favoriten nicht auf den Chefsessel gehievt zu haben, trotz massiven Werbeeinsatzes. "Die da unten", die wählen gingen, wollten nicht akzeptieren, dass Klaus Michael Rückert, dessen Zukunftsvorstellungen für Baden-Baden denen des Mitbewerbers Wolfgang Gerstner sehr ähnlich waren, der Richtige sei, nur weil eine Reihe von Kommunalpolitikern und Rückert-Unterstützern ihnen dessen Wahl auf teilweise unsachliche und diffamierende Weise aufdrängen wollte. Sie hätten sich eigentlich gewärtig sein können und müssen, dass sie keine Unbekannten sind, weswegen die Erfahrung, die Einheimische mit ihnen gemacht haben, diese "vom richtigen Kurs" Abstand halten ließen.

So bleibt "am Tag danach" die spannende Frage, ob "die da oben" tatsächlich mitziehen werden, wenn ein OB Wolfgang Gerstner gemeinsam mit den Bürgern, wie es auch der Erste Bürgermeister Klaus Michael Rückert in seinem Programm manifestiert hatte, die Zukunftsgestaltung Baden-Badens angehen wird.

Zu raten und zu wünschen ist dies allemal, im Interesse der Bürger, der Stadt und letztendlich ihrer selbst.

Rika Wettstein, 13. März 2006



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