Was wäre Baden-Baden
ohne seine Mäzene?

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich ein großer Gönner und Förderer der Kurstadt auf dem Sauersberg niedergelassen, der amerikanische "Kaffeekönig" Hermann Sielcken. Er stiftete nicht nur die Gönneranlage und das Josephinenheim, das erste moderne Entbindungs- und Wöchnerinnenheim, sondern garantierte in den Jahren des 1. Weltkriegs der Stadtverwaltung eine monatliche Spende in Höhe von 10000 Mark für die Versorgung der Soldatenfamilien. Großherzig und selbstlos taten Hermann Sielcken und seine Familie viel Gutes für die Stadt und ihre Bürger. In Anerkennung all seiner Verdienste verlieh die Stadt Hermann Sielcken die Ehrenbürgerwürde.

Vielleicht ließ es die gute Erinnerung an Herman Sielcken nicht zu, das Ende des 20. Jahrhunderts in Baden-Baden entstandene Mäzenatentum kritisch zu betrachten.

Da hatte die Stadt einen Kunst-Mäzen, dessen erste Gala d'Europe-Veranstaltung defizitär endete, weswegen die zweite bereits -allerdings von privater Seite- gesponsert werden musste. Die Idee dieses Mäzens, die Salzburger Festspiele nach Baden-Baden zu holen, fand ein großes Echo, rief weitere Mäzene auf den Plan und führte 1995 zu einer beeindruckenden Spendenaktion zugunsten des größten privat zu betreibenden Festpielhauses der Welt.

Vielleicht schwebten den Stadtvätern und Stadtmüttern Hermann Sielcken und seine guten Taten vor, als sie am 9. März 1995 den Grundsatzbeschluss, mit dem Bau eines Festspielhauses einverstanden zu sein, fassten. Die finanziellen Lasten, die auf die Stadt durch z.B. die notwendige Umsiedlung der Jugendbegegnungsstätte zukommen sollten, spielten dabei eine untergeordnete Rolle. Das Festspielhaus wurde am 18. April 1998 feierlich unter Dauerbetonung der privaten Betreiberschaft eröffnet und kam nach kurzer Zeit weder aus den Schlagzeilen noch aus der Pleitegefahrenzone. Die Bürger wurden zwangsläufig zu "Mäzenen" dieses Hauses, da öffentliche Mittel zur Abwendung der Gefahr eingesetzt werden mussten. Es gibt mittlerweile begrüßenswerte private finanzielle Engagements, ob deren Umfang allerdings ausreichend ist, bleibt abzuwarten.

Am 2. April 2001 entschlossen sich die Stadtväter und Stadtmütter, die vielleicht in Bezug auf Hermann Sielcken ein gutes Gedächtnis haben mögen, bezüglich des Festspielhausprojektes aber -so darf angenommen werden- mit erheblichen Erinnerungslücken behaftet zu sein scheinen, einem weiteren Stiftungsvorhaben auf den Weg zu helfen. Die Konsequenzen dieses Vorhabens sind teilweise abzusehen: Verlegung des Standesamtes und Schließung eines renommierten Lokals mit entsprechender Abfindung an den Pächter. Hinzu kommt eine Kostenübernahmegarantie bei einer möglichen defizitären wirtschaftlichen Entwicklung des geplanten Uhrenmuseums.

Was wäre es schön, käme in den finanziell als angespannt beschriebenen Zeiten, welche die Stadt zu bewältigen hat, ein Hermann Sielcken noch einmal, quasi als "deus ex machina" -als unerwarteter Helfer in Notlagen-, und würde zum Wohl der Stadt und ihrer Bürger eine Millionenspende zur Ablösung all der Verpflichtungen, die der Stadt aus den Mäzenatenaktionen entstanden sind, leisten; allerdings mit der strikten Forderung, dass künftig keine Grundsatzbeschlüsse zugunsten der Umsetzung von Mäzenatenideen gefällt werden dürfen, solange eine nach menschlichem Ermessen solide Finanzierung nicht sicher gestellt ist.

Rika Wettstein, Juli 2001




Das Uhrenmuseum wurde nicht eingerichtet. Im Frühjahr 2004 zeigte der Lokalpächter "Ermüdungserscheinungen" und wollte seinen bis 2008 laufenden recht günstigen Pachtvertrag auf einen anderen kurstädtischen Gastronomen übertragen. Die Räumlichkeiten im so genannten "Palais Gagarin" wurden zum wiederholten Mal für die Stadtpolitiker interessant.

Was das private finanzielle Engagement im Hinblick auf das
Festspielhaus angeht, veröffentlichte dessen Pressebüro am 17. Mai 2004 folgende Mitteilung:

Die Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden hat zwei neue Mäzene gewonnen. Die Ehepaare Anneliese und Wolfgang Grenke sowie Mary Victoria Gerardi-Schmid und Hans R. Schmid sind seit heute (Montag, 17. Mai 2004) Zustifter in der privaten Trägergemeinschaft des Festspielhauses Baden-Baden. Stiftungsvorstand Professor Dr. Dr. Norbert J. Gross stellte die beiden Zustifter vor und unterstrich bei dieser Gelegenheit die dynamische Entwicklung der Stiftung seit ihrer Gründung im März 2000. Die Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden mit Stiftungsvorstand Horst Weitzmann und Professor Dr. Dr. Norbert J. Gross an der Spitze soll auch in den kommenden Jahren kontinuierlich wachsen. "Die Zustiftungen ermöglichen weitere Investitionen in das künstlerische Programm und bieten neue Planungsfreiheiten", so Festspielhaus-Intendant Andreas Mölich-Zebhauser, der in diesem Zusammenhang eine weitere gute Nachricht überbrachte: Die Kulturstiftung Festspielhaus Baden-Baden erhielt seit ihrer Gründung im März 2000 Zustiftungen und Spenden von insgesamt zehn Millionen Euro und vervierfachte damit bis heute das Gründungsstiftungskapital. Die zwölf Stifter Hugo und Rose Mann,
Alberto Vilar, Karlheinz Kögel, Horst und Marlis Weitzmann, Ernst H. Kohlhage, Walter Veyhle, Francoise und Wolfgang Müller-Claessen, Sigmund Kiener, Klaus-Georg Hengstberger, Frieder Burda , Anneliese und Wolfgang Grenke sowie Mary Victoria Gerardi-Schmid und Hans R. Schmid ermöglichen durch ihr Engagement außergewöhnliche Musikerlebnisse in Baden-Baden mit mittlerweile internationaler Ausstrahlung und Akzeptanz. Das Festspielhaus Baden-Baden ist seit dem Jahr 2002 das erste ausschließlich privat finanzierte Opern- und Konzerthaus Europas. "Unsere Arbeit erreicht mit den Zustiftungen eine neue Dimension", erklärte Andreas Mölich-Zebhauser und ergänzte: "Vor fünf Jahren hätte kaum jemand geglaubt, dass wir in solch kurzer Zeit mit der Kulturstiftung die 20-Millionen-DM-Grenze erreichen würden.  Gleichzeitig gelang es, das gesamte Förderprogramm des Festspielhauses Baden-Baden mit Hilfe von Sponsoren, dem aktiven Freundeskreis und privaten Spendern stark zu beleben. Allein im vergangenen Jahr erwuchsen aus diesem Programm ohne die Stifter fast 2,5 Millionen Euro für das künstlerische Programm des Festspielhaus Baden-Baden."



Die Auffassung, das Festspielhaus Baden-Baden sei ein ausschließlich privat finanziertes Opern- und Konzerthaus, war auch einem Kommentar der BNN vom 2. Oktober 2004 zu entnehmen. Dort hieß es: "Die Würfel für das Opernhaus sind vor Jahren gefallen, und außer den Kosten für die Baufinanzierung wird inzwischen kein einziger Euro aus städtischen Steuergeldern benötigt - obwohl Anspruch und Renommee ständig steigen."

Dem setzte zwei Tage später ein Leserbriefschreiber - unwidersprochen - entgegen:

Im Artikel "Stadtgespräch" vom Samstag, dem 2. Oktober, sind mir Unstimmigkeiten aufgefallen. In diesem Bericht heißt es, dass für das Opernhaus (gemeint ist das Festspielhaus) inzwischen kein einziger Euro aus städtischem Steuergeld benötigt wird. Wie ich jedoch im Haushaltsplan 2003 der Stadtverwaltung lese, sind für die Unterhaltung, Miete, Grundsteuer und Versicherungsprämie für das Festspielhaus 4,32 Millionen Euro, denen die Landeszuweisung mit 2,65 gegenüberstehen, eingesetzt; außerdem sind 0,86 Millionen für die Übernahme von Betriebsvorrichtungen veranschlagt.

Die laufenden Kosten von Grundsteuer, Gebäudeerhaltung, Versicherungsprämien, Strom, Gas und Heizung haben doch nichts mit der Baufinanzierung zu tun. Außerdem kommen ja noch Kosten in unbekannter Höhe in Zukunft auf die Stadt zu. Die Bespielbarkeit des Festspielhauses muss von der Stadt gewährleistet werden. Das heißt: Eventuelle Reparaturen und Erneuerungen müssen von der Stadt getragen werden. Zudem besteht die Verpflichtung der Stadt, das Festspielhaus im Jahre 2020 für 20 Millionen Euro zu übernehmen, falls es kein anderer Käufer erwerben möchte. Dies alles steht in den dubiosen Verträgen des Festspielhauses.

Das Badische Tagblatt meldete dazu am 19. Februar 2005:
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DIE ZEIT schrieb über dieses Thema bereits am 12. Juni 2003:

Bitte setzen Sie sich eine dunkle Sonnenbrille auf, damit Sie nicht allzusehr geblendet werden von der neuen Lichtgestalt des deutschen Kulturbetriebs. Sie heißt Andreas Mölich-Zebhauser und kämmt sich das graumelierte Haupthaar, getränkt mit dem Thomas-Haffa-Erfolgsgel, am liebsten stromlinienförmig in den Nacken. Mölich-Zebhauser ist Intendant des Festspielhauses in Baden-Baden. Der stern nennt ihn den "Wundermann an der Oos". Einen wie ihn hat die Welt der klassischen Musik noch nicht gesehen: Er lässt sich in der Öffentlichkeit als wandelnder Optionsschein auf die Zukunft der Künste präsentieren, als smarter New-Economy-Mann in einer altmodisch vor sich hin dümpelnden Branche.
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Beim Empfang des ehemaligen Baden-Badener Oberbürgermeisters Ulrich Wendt anlässlich dessen 60. Geburtstags nannte dieser als Beispiel für seine Arbeit als OB das Festspielhaus. "In diesem Haus ruht meine Asche. Aber sie düngt gut." (Badisches Tagblatt, 20.6.2005)



Einer Meldung der Badischen Neuesten Nachrichten vom 13. April 2006 zufolge wird die Landesstiftung Baden-Württemberg dem Festspielhaus eine millionenschwere "Anschubfinanzierung" für die projektierten Herbstfestspiele gewähren. Danach sollen im Jahr 2006 800000 Euro und in den darauf folgenden vier Jahren jeweils eine Million Euro, wie vom Festspielhaus beantragt, in das Vorhaben fließen.

Die Landesstiftung Baden-Württemberg gGmbH, welche die Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH hat, deren Alleingesellschafter das Land Baden-Württemberg ist, informiert folgendermaßen über ihren Gesellschaftszweck:

Gesellschaftszweck ist gemäß § 2 des Gesellschaftsvertrages die Förderung von gemeinnützigen Projekten im Sinne von § 52 Abs. 2 Ziffer 1 und 2 der Abgabenordnung soweit sie geeignet sind, die Zukunftsfähigkeit Baden-Württembergs zu sichern.

Gesellschaftszweck ist damit die Förderung von Wissenschaft und Forschung, Bildung und Erziehung, Kunst und Kultur, der Religion, der Völkerverständigung, der Entwicklungshilfe, des Umwelt-, Landschafts- und Denkmalschutzes, des Heimatgedankens sowie die Förderung der Jugendhilfe, der Altenhilfe, des öffentlichen Gesundheitswesens, des Wohlfahrtswesens und des Sports.



Die Pforzheimer Zeitung berichtete am 14. Juli 2006 von einer Aufsichtsratssitzung des Landesstiftung am 13. Juli 2006 unter anderem:
"Dem privaten Festspielhaus Baden-Baden wurde eine Förderung in Aussicht gestellt. Hier sei für 2007 und 2008 jeweils ein Betrag von unter einer Million Euro im Gespräch, über die zwei Jahre hinaus solle es keine Förderung geben. Oettinger verteidigte die mögliche Finanzierung, da sich das Haus zu 'beachtlichen 60 Prozent' aus privaten Mitteln trage."


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