Was wäre Baden-Baden
ohne seine Kinder?

Eine reizvolle Vorstellung:
Begrüßungsworte in Informationsbroschüren der Kurstadt Baden-Baden:

"Sehr geehrte Gäste,
wir freuen uns, Sie in unserer traditionsreichen Kurstadt begrüßen zu dürfen. Sollten Sie die Absicht haben, sich in Begleitung von Personen unter 18 Jahren hier aufhalten zu wollen, so müssen wir Sie ersuchen, diese gegen ein geringes Entgelt in den Randbezirken unserer Stadt in Obhut zu geben. Eigens eingerichtete Betreuungszentren in den Industriegebieten Sandweiers, Hauenebersteins und Steinbachs finden Sie, wenn Sie der entsprechenden Beschilderung folgen.

Unsere Stadt ist nach dem Mehrheitsbeschluss der christlich-demokratischen, sozialen, liberalen und bürgernahen Gemeinderäte zur kinderfreien Zone erklärt worden.

Dieser zum Wohle der Gäste und der Mehrzahl der Einwohner gefällte, begrüßenswerte Entschluss hat in unserer Stadt eine Umstrukturierung erforderlich gemacht. Diese konnte jedoch Dank der engagierten Vorarbeit, die über Jahrzehnte geleistet worden ist, zügig bewältigt werden. In den vergangenen Jahrzehnten sind bereits etliche Maßnahmen ergriffen worden, um Kinder aus der Kernstadt fern zu halten. Wir konnten uns dabei der Unterstützung einer Vielzahl von Einzelpersonen und Institutionen versichern. So boten zum Beispiel Hausbesitzer innerstädtischen Wohnraum zu für Familien mit Kindern unerschwinglichen Preisen an, so wurde die Instandhaltung von Kindergärten und Schulen so lange vernachlässigt, bis sich Eltern entweder dazu entschlossen, selbst Hand anzulegen oder ihre Kinder anderweitig unterzubringen, so wurden Spiel- und Freizeitmöglichkeiten auf ein Minimalmaß beschränkt und etliches mehr. Ohne diese vorbereitenden Maßnahmen wäre es Ihnen, liebe Gäste, heute noch nicht möglich, einen unbelästigten, unbeschwerten Aufenthalt in unserer Stadt zu genießen."


Und so präsentiert sich die kinderfreie Kurstadt:

Der Dauergeräuschpegel des Straßenverkehrs wird gelegentlich unterbrochen von Glockengeläut, Hundegebell und dem Knattern von Hubschraubern.

Die Fußgängerzonen sind belebt mit hastig eilenden, missmutig d'reinblickenden Frauen und Männern.

In den Parks flanieren gepflegte Herrschaften, deren Spaziergang lediglich von zeitweiligem Vogelgezwitscher begleitet wird.

Die Kindergärten und Schulen sind umgewidmet in Senioren-Tagesstätten, Senioren-Residenzen, Hundepensionen.

In den Restaurants und Hotels halten sich nicht nur alternde Gäste, sondern auch alterndes Personal auf. Ebenso verhält es sich mit den Geschäften.

Die Festlichkeiten jedweder Art finden im stimmungsvollen Rahmen statt und erwecken den Eindruck, einer ständigen Wiederholung ausgesetzt zu sein.

Die Dauerruhe ist eingekehrt: Kein empörtes Kindergeschrei, kein fröhliches Kinderlachen, keine Kinderstimmen beim Adventskaffee im Kurhaus, keine Martinsumzüge. Und: keine Kreativität, keine Abwechslung, keine lebendigen Impulse.

Die Stadt ist am Verdorren ohne ihren "Dünger", die Kinder.

Nachsatz:

Wissenschaftler des Berlin-Instituts haben im Jahr 2004 eine Studie zur demographischen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlicht.

"Deutschland 2020 - die demografische Zukunft der Nation" kommt zu dem Ergebnis:

Baden-Baden ist die Stadt mit der ältesten Bevölkerung in Deutschland. 11,8 Prozent der Bevölkerung sind in der Kurstadt über 75 Jahre alt. Die Experten prognostizieren, dass trotz Bevölkerungszuzugs die Stadt auf Grund ihrer Altersstruktur bis zum Jahr 2020 fast 14 Prozent ihrer Einwohner verlieren werde.


Rika Wettstein, November 2001


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Das Buch zum Thema:

Die Macht der Kinder
Ulrich Deupmann
220 Seiten, gebundene Ausgabe, S. Fischer Verlag

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