Die Geschichte vom
Kaufmann und den Stadtfürsten

Es war einmal ein geschäftstüchtiger Kaufmann, der übernahm vor mehr als zwei Jahrzehnten ein etwas herunter gewirtschaftetes kleines Kaufhaus in der Kernstadt Baden-Badens und verhalf ihm zu neuer Blüte. Etliche Jahre später eröffnete er ein zweites Kaufhaus einige Meter vom ersten entfernt und betrieb auch mit diesem erfolgreich Geschäfte.

Beide Häuser hatten eines gemeinsam. Sie waren zur Blütezeit Baden-Badens im 19. Jahrhundert Hotels gewesen und umgewidmet worden, als die Anziehungskraft der Stadt zu schwinden begonnen hatte. Das erste Haus, das geschichtsträchtige
Hotel "Zum goldenen Stern", wurde bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum Geschäftshaus, das zweite Haus, der "Zähringer Hof", nach dem Zweiten Weltkrieg.

Möglich, dass der rührige Kaufmann an eine Symbiose von Einzelhandelstätigkeit und Hotelbetreiber dachte, als er das Gelände eines ehemaligen Autohändlers in der Nähe des Alten Bahnhofs erstand und plante, dort ein komfortables Hotel zu errichten. Verwirklicht wurde dieser Plan allerdings nicht, unter Umständen beeinflusst durch das nachlassende Interesse am Übernachten in der internationalen Urlaubs- und Bäderstadt, das die Bettenauslastung in den dem Kauf und Plan nachfolgenden Jahren nie über die 50%-Hürde hatte klettern lassen.

Die Folge bescherte der Stadt ein Biotop in Sichtweite zum Festspielhaus, das wenig Begeisterung erregte und vielfach als Schandfleck bezeichnet wurde.

Der ideenreiche Kaufmann mit Realitätsbewusstsein ging in all der Zeit mit offenen Augen durch die Stadt und stellte fest, dass die Einkaufsmöglichkeiten für Bürger in der Innenstadt immer spärlicher wurden. Was lag also für ihn näher, als für das brach liegende Gelände am Rand der Kernstadt ein "Zentrum für Nahversorgung" zu konzipieren. Lebensmittel, Textilien, Schuhe, eine Drogerie, ein Elektrofachmarkt standen zur Debatte unter dem Aspekt, "ein Sortiment zu finden, das hier fehlt" (Badisches Tagblatt 10. Mai 2003). Auf 4900 Quadratmetern sollte nicht nur die Versorgung der Bürger verbessert werden sondern der Kaufkraftschwund, der seit vielen Jahren beklagt wurde, sollte gebremst werden.

Die Bürger freute es, im Mai 2003 in der Lokalpresse zu lesen, dass erstens der "Schandfleck" beseitigt und zweitens dem Lädensterben in der Innenstadt Paroli geboten werden sollte.

Die OB reagierte umgehend auf die eingereichte Bauvoranfrage: "Die Nutzung und Art der Bebauung ist dort nicht vorgesehen" (Badisches Tagblatt 13. Mai 2003).

Statt sich zu freuen und dankbar zu sein, dass ein einheimischer Kaufmann auf eigenes Risiko ein 10 Millionen Euro Projekt umsetzen und damit mindestens 80 Arbeitsplätze schaffen will, werfen eine fünf Jahre im Amt seiende OB und ein Erster Bürgermeister, der diese Funktion erst seit April 2003 ausübt und am 1. Mai 2003 bemerkt hat: "Arbeitsplätze schaffen, steht ganz oben auf der Aufgabenliste der Stadt." (Badisches Tagblatt 2. Mai 2003) dem Kaufmann, der mehr als zwei Jahrzehnte Arbeitsplätze erhalten, seine Steuern - auch Gewerbesteuer - bezahlt und für die Belebung der Innenstadt gesorgt hat, Prügel zwischen die Beine. Und warum?

Weil Kilometer von der Innenstadt entfernt ein auswärtiger Investor ein so genanntes Fachmarktzentrum auf dem Gelände der ehemaligen französischen Kaserne entstehen lassen will und die Stadtregierung offenbar Konkurrenz durch des einheimischen Kaufmanns Ideenumsetzung wittert.

Viele Blockade-Argumente wurden mittlerweile gefunden, unter anderem das der drohenden Verkehrsdichte. Letztere hatte beim Bau des nahen Festspielshauses mit seinen 2500 Sitzplätzen, wenn überhaupt, nur am Rande eine Rolle gespielt.

Dankbar ist die Stadtspitze dem Kaufmann allerdings für sein Jahrzehnte langes Engagement in der Stadt (Badische Neueste Nachrichten 6. September 2003). Vielleicht auch deshalb, weil er durch die geleisteten Zahlungen in Form von Steuern öffentliches Funktionärstum unterstützt hat und dessen Existenz hat sichern helfen.

Weitere Unterstützung mag seitens der Funktionäre nun nicht mehr akzeptiert werden - keine Unterstützung für die Bürger mittels eines verbesserten Einzelhandelsangebots, keine Unterstützung des Arbeitsmarkts durch das Angebot von 80 Arbeitsplätzen, keine Unterstützung des Stadtsäckels durch die in Aussicht stehende zusätzliche Gewerbesteuer, keine Unterstützung des Stadtbildes durch eine optisch ansprechende Bebauung des verwahrlosten Geländes.

Die Stadtfürsten wären gut beraten, Dankbarkeitsbekundungen nicht nur in Festtagsreden zu artikulieren. Festtagsreden, die losgelöst vom Stadtalltag und all seiner mehr oder weniger deprimierenden Vorkommnisse Ereignisse würdigen, die häufig mit den Bürgern Baden-Badens wenig zu tun haben. Wahre Dankbarkeit und Respekt erscheinen angebracht, indem eine objektive und konstruktiv kritische Auseinandersetzung mit dem Projekt dem Kaufmann und den Baden-Badener Bürgern die Option auf eine Realisierung aufrecht erhält.

Rika Wettstein, September 2003




Konsequenz

Wo kein Wille ist, ist auch kein Weg. Die gestrige Sitzung des Gemeinderats hat es bewiesen. Sattsam bekannte Hinweise, Einwände und Erklärungen haben die Stadträte zum Zankapfel Opel-Gelände ausgetauscht und hinterher so abgestimmt, wie es sich schon seit Monaten abgezeichnet hatte. Das Fachmarktzentrum in der Cité steht nach dem Willen der Bürgervertreter unter Naturschutz, das kleinere Gegengewicht beim Festspielhaus hat keine Chance.

Natürlich hat das niemanden überrascht. Auch nicht Kaufhaus-Chef Wagener. Der hatte im Vorfeld der Sitzung noch einmal am Rad gedreht und per kostspieliger Umfrage nebst publikumswirksamer Bereitschaft zur Zahlung eines Strafgeldes die angebliche Stimmung bei den Baden-Badener abzubilden versucht. Mit taktischem Pfiff hat er die sprichwörtliche Chance genutzt, die er nicht hat: Möglichst viele Unterschriften für sein Projekt sollten den Druck auf Stadtverwaltung und Stadträte erhöhen.

Jetzt ist die Schlacht erst mal geschlagen. Festgehalten werden sollte eines: Mit der bei Verwaltung und Mandatsträgern allzu gern reklamierten Kreativität wäre ein weniger kompromissloses Ergebnis möglich gewesen. Es hätte die Dinge verlangsamt, wäre aber nicht unkalkulierbar gewesen, das Raumordnungsverfahren um das Opel-Projekt zu erweitern. Dass die Stadt zu unorthodoxen Überlegungen selbst bei ungleich schwierigerer Ausgangslage immer in der Lage ist, hat sie längst bewiesen. Etwa beim Projekt Clubplatztribüne mit all seinen Fußangeln und diplomatischen Balanceakten. Oder beim Baden-Airport, um dessen weitere Existenz niemand so unermüdlich gekämpft hat wie Oberbürgermeisterin Lang.
Anders als in diesen Fällen hätte die Stadt beim aktuellen Thema selbst kein Geld in die Hand nehmen müssen. Schließlich hat der verhinderte Bauherr Wagener keine Almosen von der Stadt verlangt, sondern auf eigenes Risiko investieren wollen.

In der Adler-Zentrale wird man das Ergebnis mit Freude vernehmen. Das Ufo kann nicht nur landen, es setzt gar auf einem Roten Teppich auf. Immerhin: konsequent ist sie, die Entscheidung. Der Gemeinderat hat der Versuchung widerstanden, so zu tun, als würde doch noch alles gut. Das Versorgungszentrum mit 4800 Quadratmetern ist tot.

(Badische Neueste Nachrichten 23. 9. 2003)




Ob das Ufo landen wird, erscheint immer fraglicher.

Sicher ist, in der ursprünglich konzipierten Form wird der Plan des auswärtigen Investors nicht verwirklicht werden können. Die angestrebte Verkaufsfläche von 22800 Quadratmetern hat das Regierungspräsidium Karlsruhe in einem Raumordnungsverfahren auf 17900 Quadratmeter reduziert, wobei "innenstadtrelevante" Waren statt auf 15100 lediglich auf 9100 Quadratmetern angeboten werden dürfen.

Am 4. März 2004 hat der Kreisverband der Freien Wähler Vertreter der Investorengruppe zu dem Vorhaben befragt.

Im Badischen Tagblatt vom 6. März 2004 findet sich folgender Kommentar:

Vorsicht, Glas!

Die Freien Wähler hatten eine große Chance eröffnet. In einer Phase, da Zweifel am spektakulären Konzept des geplanten Fachmarktzentrums keimen müssen, bat der Kreisverband der Vereinigung den Investor zum Lagebericht. Der schickte das eigentlich gar nicht mehr zuständige frühere Vorstandsmitglied Rüdiger Weitzel in die Arena. Die Arena allerdings, die Weitzel mit dreiköpfiger Begleitung betrat, erwies sich eher als gemütliche Runde. Das lag auch an den Gastgebern, vor allem aber am Gast. Die Kern-Fragen nämlich beantwortete Weitzel nicht. Mit Fug und Recht darf mithin nach wie vor bezweifelt werden, dass das Fachmarktzentrum in die bislang propagierte aufwendige Architektur gekleidet wird. Weitzel sagte zwar, das Bauwerk werde "nicht mehr so groß, aber genauso schön", weiterhin sei ein Gebilde aus zwei Halbkugeln geplant. Von einem Zuhörer nach der bisher vorgesehenen Verglasung der Kuppeln gefragt, schwieg sich der Abgesandte der Adler Real Estate allerdings aus. Und dem Urteil in Expertenkreisen, um eine so teure Architektur zu finanzieren, müssten weit über dem Marktniveau liegende Mieten erzielt werden, setzte Weitzel kaum etwas entgegen: im Grunde lediglich die Aussage, das Image Baden-Badens erlaube einen kleinen Miet-Zuschlag, und die Versicherung: "Ich denke, wir kriegen's hin." Den Freien Wählern gebührt zwar Anerkennung, weil sie kurz vor der Entscheidung im Raumordnungsverfahren den Investor zu einem Auftritt in der Öffentlichkeit bewegten. Allerdings hätten sie die Chance besser nutzen sollen. Bohrende Nachfragen, vor allem was die Wirtschaftlichkeit des Projekts betrifft, drängten sich auf, wurden aber nicht gestellt. Dabei kristallisiert sich mehr und mehr heraus, dass das ursprünglich präsentierte transparente Wunderding mitsamt der beeindruckenden Geothermie-Nutzung kein Thema mehr ist. Investor, Stadt und EG ringen längst um einen Kompromiss abseits der Architektur, mit der Adler in der Ausschreibung den Zuschlag bekommen hat. Wenn derlei Karten nicht bald offen auf den Tisch kommen, bleibt von dem gläsernen High-Tech-Projekt in der öffentlichen Meinung nur noch ein Scherbenhaufen. (Albert Noll)



Schräg gegenüber dem Opel-Areal soll ein Hotel entstehen. Nach einem kurzen bürokratischen Verfahren hat der Bau- und Umweltausschuss des Gemeinderats im Mai 2005 den Bau eines 110-Betten-Hotels der Marke "Express by Holiday Inn" genehmigt. Im Juli 2005 soll damit begonnen werden.



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