Ist Baden-Baden eine Gruselstadt?

Halloween war zwar schon 16 Tage vorbei, als die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein Feuilleton veröffentlichte. Zum Gruseln gab dieses allerdings schon Anlass. Die Lokalpresse schreckte am 19. November die Einheimischen mit Zitaten aus dem FAZ-Artikel "Verabredung mit Verblichenen" vom 17. November 2005. "Baden-Baden an einem sonnigen Tag im Herbst ist eine Stadt aus dem Jenseits, deren Einwohner längst gestorben sind, …"

Uuuuh, die "wenigen Untoten", die offenbar von der Feuilletonistin doch noch ausgemacht worden sind, schüttelten während der Zeitungslektüre die Köpfe und hätten wohl am liebsten in Gemeinsamkeit "starren Auges ihre Stöcke schwingen" wollen in Richtung der Verbreiterin derart übler Situationsbeschreibung ihrer Heimatstadt.

Anlass zu diesem Artikel gab die Ausstellung "
Film - und als-ob in der Kunst"  der Staatlichen Kunsthalle. Verständnisvollen Feuilletonisten könnten in den die Stadt schmähenden Sätzen eine "Hinführung zur launigen Bewertung der Ausstellung" (BNN, 19.11.2005) erkennen, die als "kunsthafte Verbindung von Stadt und Ausstellung" zu verstehen sei. Da aber nicht jeder Zeitgenosse einen Hang zum Feuilleton hat, bergen Behauptungen wie, über dem Kurpark läge der beißende Geruch von Ammoniak, die Gefahr in sich, als Faktum ebenso gespeichert zu werden wie die "Stadt aus dem Jenseits".

Womit sich allenfalls ein gewisser Werbeeffekt für Halloween-Fans ergäbe, aber keiner für die restlichen Tage des Jahres.

Derlei ist mit Sicherheit tödlich für eine Stadt, die zum großen Teil vom Fremdenverkehr lebt. Und dies sehr häufig ziemlich lebendig. Während der
Galopprennen in Iffezheim, der Herbert von Karajan Pfingstfestspiele, der alljährlichen New Pop Festivals von SWR 3 beispielsweise. Während Solo-Veranstaltungen wie der weltweit Aufmerksamkeit erzielt habenden, bestens besuchten Ring-Aufführung unter Valerie Gergievs Regie oder des bejubelten Auftritts Anna Netrebkos im Festspielhaus.

Ein sonniger Tag im Herbst mag durchaus ein Wochentag gewesen sein, an welchem die Baden-Badener ihrem Broterwerb nachgingen, die Kinder in der Schule waren und allenfalls Ruheständler oder Gäste sich nicht nur "en passant" in der Innenstadt aufhielten. Gegen 13.00 Uhr allerdings wäre in der Nähe der Caracalla-Therme viel Lebendiges auszumachen gewesen. Dort befinden sich drei Schulen mit mehreren Hundert Kindern, die sich schnatternd, lachend und lärmend allmittäglich in die Straßen des
Bäderviertels aufmachen und so ganz und gar nicht den Eindruck erwecken, einer Stadt aus dem Jenseits für verschwindend kurze Zeit etwas Leben einzuhauchen. Denn sie füllen die Busse, die Geschäfte, die Schnellrestaurants und tummeln sich im Herzen der Innenstadt, auf dem Leopoldsplatz.

Baden-Baden ist nicht Berlin, New York, Paris, Rom, oder eine andere Metropole, deren Millioneneinwohnerschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit auf den Straßen unterwegs ist. Sei es, dass gerade Schichtwechsel ist, sei es, dass etliche Tausend Einkäufe erledigen wollen oder auf dem Weg zu Sportveranstaltungen, Kinos, Theatern oder Bars sind.

In Baden-Baden leben in der Kernstadt, ohne die Reblandgemeinden, sowie Balg, Ebersteinburg, Haueneberstein und Sandweier, gerade einmal um die 40000 Menschen wozu täglich im Jahresdurchschnitt noch etwa 2000 Übernachtungsgäste zu zählen sind. Da kann sich an normalen Tagen kein "lebhaftes Dauergetümmel" einstellen. Zudem bietet die im lang gezogenen Oostal und an seinen Hügeln sich erstreckende Stadt mit ihrer Vielzahl an kulturellen Einrichtungen, mit ihren Gärten, Parks und sonstigen Sehenswürdigkeiten den Vorteil, sich nicht ständig an einem zentralen Punkt "auf die Füße treten" zu müssen. Was für viele als begrüßenswert erscheinen mag und bei anderen im nicht wohlwollenden Extremfall mit "gähnender Lehre" bezeichnet werden kann.

Da der Artikel nicht nur den eigentlich passenden Zeitpunkt, nämlich Halloween, verfehlt hat, kann ihm getrost bescheinigt werden, den wahren Zustand der kleinen, schönen Stadt an der Oos vollkommen missachtet zu haben.

Nicht nur Feuilletonisten und andere Journalisten sind deshalb aufgerufen, sich selbst ein Bild zu machen, sondern all diejenigen, welche die "Verabredung mit Verblichenen" ernst genommen haben. Kommen Sie und überzeugen Sie sich selbst davon, dass zum Beispiel über dem Kurpark kein beißender Geruch von Ammoniak auszumachen ist. Die Einheimischen leisten gerne den lebendigen Beitrag zur Beweisführung, "die letzte Zeit" nicht "im Sarg gelegen zu haben". 

Rika Wettstein, November 2005


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