Was wäre Baden-Baden
ohne Großzügigkeit?

Sie ist zuweilen großzügig, die Oberbürgermeisterin der internationalen Urlaubs- und Bäderstadt Baden-Baden. Sie hat den Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, der verstimmt seinen üblichen Sommerurlaub in Italien im Jahr 2003 abgesagt hat, per Brief in die "Toskana von Baden" eingeladen und formulierte: "Ich würde mich sehr freuen, wenn ich Sie für einen Urlaub an der Oos gewinnen könnte und Sie als unseren Gast in der ehemaligen "Sommerhauptstadt Europas" herzlich willkommen heißen dürfte." (Kurtstadt-Nachrichten, 16. Juli 2003) Wenn der deutsche Bundeskanzler diese Einladung ebenso verstanden hätte, wie es die Einheimischen taten, hätte er zu Lasten der gebeutelten Einwohner mit seiner Familie einen Gratisurlaub in diesem wunderbaren Landstrich verbringen können.

Spekuliert werden darf, warum der Kanzler dieses Angebot nicht angenommen hat. Mag sein, dass ihm der Vergleich Baden-Badens mit der italienischen Toskana doch etwas zu großzügig ausgefallen ist.

Weitere Beweise der Großzügigkeit der Verantwortlichen für Baden-Baden sind üppige Finanzspritzen in Prestigeobjekte der Region, von denen die Einheimischen kaum oder gar nicht profitieren. Wegen des großzügigen Umgangs mit öffentlichen Geldern in den letzten Jahren ist in jüngster Zeit der Rotstift im Einsatz, was zur Folge hat, dass die Großzügigkeit in der vergleichsweise bescheidenen finanziellen Unterstützung von Vereinen und karitativen Einrichtungen ein Ende finden soll, dass die Sparschraube bei Schulen und Kindergärten weiter angezogen wird und dass Gebühren, beispielsweise der
städtischen Musikschule, weiter erhöht werden.

Die Bürger müssen dies hinnehmen ebenso wie Tage lange Einschränkungen ihrer innerstädtischen Mobilität, wenn Luxuskarossen im Kurgarten und in Teilen der
Lichtentaler Allee postiert werden und diese Bereiche dann nur gegen Entgelt betreten werden dürfen.

Ebenso großzügig wird verfahren mit den von der Stadtverwaltung in den "Perspektiven für die Stadtentwicklung Baden-Baden" unter Punkt 2 vorgegebenen Zielen: "Die Luftqualität und das lokale Klima sind im Hinblick auf das Prädikat ‚Heilbad' zu pflegen und zu verbessern" und "Lärmemissionen sind zu mindern", wenn Ferraripiloten ein ohrenbetäubendes Autorennen in der der Ruhe und Erholung dienenden Allee gestattet wird.

Die Bürger müssen auch hinnehmen, dass die Einkaufsmöglichkeiten
in der Innenstadt wegen mangelhafter Gewerbepolitik immer dürftiger werden. Sie können nicht einmal auf eine teilweise Linderung dieses Zustands hoffen, da einem einheimischen Kaufmann, der in Stadtkernlage Platz für ein Lebensmittelgeschäft und andere Läden mit "Normalware" schaffen möchte, keine Großzügigkeit durch Stadtverwaltung und Gemeinderat widerfährt.

Die Baden-Badener konnten am 17. Juli 2003 in der Lokalpresse nachlesen, was der seit 100 Tagen im Amt seiende Erste Bürgermeister zu dem Projekt meint, nämlich dass "‚Probleme' mit dem Verkehr zu erwarten wären" (Badisches Tagblatt, 17. Juli 2003). Seltsam - das schräg gegenüber befindliche
Festspielhaus, immerhin das zweitgrößte Opernhaus Europas, hat vor seinem Bau solche Gedanken nicht aufkommen lassen.

In den Badischen Neuesten Nachrichten vom 17. Juli 2003 waren des Ersten Bürgermeisters Gedanken zum rigorosen Sparprogramm der Stadtverwaltung zu lesen: "Es ist immer schwer zu vermitteln, wenn auf der einen Seite gekürzt und auf der anderen Seite investiert wird. Aber wir müssen Geld in die Hand nehmen, um Baden-Baden zukunftssicher zu machen und etwas für die Bürger zu tun."

Oh ja - etwas für die Bürger tun! Das wäre großartig! Schulen und Kindergärten den Erfordernissen anpassen; Straßen reparieren; das schlechte
Trinkwasser im Rebland in gutes umwandeln; künftig dafür Sorge tragen, dass beispielsweise die öffentlichen Bäder und das Abwasserkanalnetz ordentlich gewartet werden, damit wegen der horrenden Sanierungskosten weder Bäder geschlossen werden müssen noch Abwassergebühren drastisch nach oben gehen, und, und, und…

Derlei Maßnahmen sichern und schaffen übrigens Arbeitsplätze und sind darüber hinaus für die Bürger umgehend von Nutzen. Dies wäre wirklich eine großzügige Geste gegenüber den Baden-Badener Bürgern.

"Wenn sich die Kinder freuen, geht es bekanntlich auch den Eltern gut." (BNN, 17. Juli 2003) führte der Erste Bürgermeister unter anderem weiter aus.

Aufgemerkt: Wenn sich Baden-Badener Kinder über eine optimale Anerkennung ihrer Bedürfnisse freuen könnten, würden nicht nur sie sondern auch ihre Eltern die eine oder andere Großzügigkeit der Stadtoberen gegenüber stadtfremden Vorhaben generös betrachten.

Wertete man die Bürger als Kinder der Stadt, so müsste es der Stadtverwaltung ein Herzensanliegen sein, diesen Kindern eine Freude zu bereiten - schon aus purem Egoismus heraus, denn dann ginge es der Stadtspitze gut.

Rika Wettstein, Juli 2003



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