Was wäre Baden-Baden ohne Freude?

"Ich freue mich über das Erreichte, aber ich freue mich noch mehr auf das, was jetzt noch vor uns steht."

Dies äußerte Baden-Badens Oberbürgermeisterin als letzten Satz in einem anlässlich der "Halbzeit" ihrer Tätigkeit als Stadtchefin mit ihr geführten Interview, welches im Badischen Tagblatt vom 15. Juni 2002 abgedruckt war.

Ob gerechtfertigt ist, sich über das Erreichte zu freuen, soll dahin gestellt bleiben.

Sich darauf zu freuen, "was jetzt noch vor uns steht", erscheint unangebracht und vermessen.

"Vor uns steht" in erster Linie ein rigoroser Sparhaushalt, was sich bereits im November 2002 abzeichnete. "Viele Wünsche und leider auch notwendige Maßnahmen" könnten nicht untergebracht werden, wurde die OB in den Badischen Neuesten Nachrichten vom 12. November 2002 zitiert, als sie einen Haushaltsentwurf ankündigte, "der uns allen Verzicht auferlegt".

Ist es ein Grund zur Freude, "notwendige Maßnahmen" nicht verwirklichen zu können und manchen Verzicht "uns allen" aufzuerlegen?

Der "uns allen" auferlegte Verzicht scheint offenbar nur diejenigen zu betreffen, die nicht ins Bild einer "Fremdenverkehrsstadt, die im oberen Marktsegment" (BNN, 26. Mai 2003) angesiedelt ist, passen - die Durchschnittsbürger Baden-Badens. Diese können auch nicht die "hochwertigen und entsprechend teuren Angebote, die in Baden-Baden besonders erfolgreich" sind, annehmen. Mit "uns allen" scheint die Mehrzahl der Baden-Badener Bürger gemeint zu sein, die in den kommenden Jahren offensichtlich nicht nur verzichten, sondern finanziell noch stärker zur Kasse gebeten werden sollen, beispielsweise durch eine drastische Erhöhung der Abwassergebühren. Freude mag angesichts solcher Perspektive nicht aufkommen.

Der für 2003 aufgelegte Verwaltungshaushalt hat ein Volumen von 162 Millionen Euro, wovon lediglich 15 Millionen Euro, also knapp 10 %, laut Stadtverwaltung Spielraum zu Einsparungen lassen. Auch dies ist kein Grund zur Freude für den Bürger, denn so genannte freiwillige Leistungen, die vor allem Aktivitäten im Sozialbereich ermöglicht haben, sollen dem Rotstift zum Opfer fallen, um insgesamt 2,9 Millionen Euro einzusparen.

Aber am 22. Mai 2003 wurden die Verträge zum Neubau der Tribüne auf dem Clubplatz an der Iffezheimer Rennbahn, wo zweimal jährlich Pferderennen stattfinden, unterschrieben. An dem 10,2 Millionen Euro teuren Bau beteiligt sich die Stadt Baden-Baden gemäß einer vom Stadtrat beschlossenen Vorlage der Stadtverwaltung mit 1,022 Millionen Euro, ohne Gesellschafteranteile an der Betreibergesellschaft der neuen Tribüne zu halten.

Die Initiatoren dieses der wirtschaftlichen Sicherheit für die nächsten 50 Jahre des Privatbetriebes Internationaler Club dienenden Projekts mag es freuen. Den Bürgern, deren Interessenswahrnehmung seitens Stadtverwaltung und Stadtparlament der Unterstützung der Interessen eines reichen Privatclubs geopfert wurde, kann solcherlei kein freudiges Lächeln abringen.

Freude mag auch nicht aufkommen, wenn die OB meint: "Wir müssen viele Dinge tun, die aus heutiger Sicht schwer erklärbar sind" (BT, 24. Mai 2003), weil die Millionen, welche die pleite Stadt Baden-Baden auswärtigen Projekten zugute kommen lässt oder lassen will, erst in Jahren oder Jahrzehnten Früchte tragen. Wer diese Früchte letztendlich ernten wird, ist ebenso fraglich wie das Früchte-Tragen an sich.

Betrachtet sei nur der Internationale Club, bei dem derzeit nicht unbedingt der Eindruck entsteht, seine wirtschaftliche Sicherheit sei tatsächlich durch den Bau der millionenschweren Clubtribüne gegeben, angesichts der Umsatzeinbußen von mehr als 13 % während der ersten beiden Renntage des Frühjahrsmeetings 2003. Es mögen die Gäste, denen ein Touristenstandort im oberen Marktsegment lieb und teuer ist, gekommen sein, allein - die Klientel scheint begrenzt. Umsatzeinbußen im zweistelligen Prozentbereich wären sonst kaum denkbar.

Einbußen waren im Jahr 2002 in Baden-Baden auch bei den Übernachtungen hinzunehmen. Laut der Angaben des Statistischen Landesamts Baden-Württemberg sind diese mit einer Bettenauslastung von 42,2% auf dem niedrigsten Stand seit 1984, trotz einer Vielzahl an kostenaufwendigen Werbetouren und -strategien. Mag dieses Ergebnis die OB gefreut haben? Die Neugier auf und Freude an Baden-Baden von zigtausenden von Gästen fehlte im vergangenen Jahr trotz eines opulenten Kultur-, Erholungs- und Freizeitangebots.

Freude kann bei den Einheimischen auch in diesem Fall nicht aufkommen, denn ausbleibende Gäste beeinflussen die städtischen Einnahmen, was wiederum zu weiteren Restriktionen gegenüber den Bürgern führen muss, da der Teufelskreis der langjährigen Höchstverschuldung durch Mindereinnahmen nicht durchbrochen werden kann.

Hauptsache: die Menschen, die sich zu der Gruppe rechnen, die Touristenorte des oberen Marktsegments aufsuchen, freuten sich beim Empfang der OB anlässlich des Frühjahrsmeetings 2003. Bei diesem war offenbar von "uns allen" auferlegtem Verzicht nichts zu spüren. Aber die OB dachte in dieser in illustrer Gesellschaft begangenen Veranstaltung auch an jene, die Baden-Baden in schweren Stunden beistehen und formulierte: "Doch wenn sich auch in dieser Situation immer wieder Menschen finden, denen ihre Stadt Baden-Baden am Herzen liegt und sie diese auf vielfältige Weise unterstützen, ist das natürlich für uns eine besondere Freude." (BT, 26. Mai 2003)

Dies empfinden die Macher von www.bad-bad.de als Ansporn, in den für Baden-Badens Bürger so freudlosen Zeiten durch ihren Einsatz anzustreben, dass sich in ganz Baden-Baden wieder etwas Freude breit machen kann.


Rika Wettstein, Mai 2003




Zur Freude gesellt sich ergänzend Glück.
Das Badische Tgablatt meldet am 6. Juli 2004:

Lichtentaler Allee 8: Einstieg des Baden-Badener Unternehmers perfekt / Investition von bis zu 20 Millionen Euro geplant

Grenke springt in die Bresche: Club ist "glücklich"

Bis zu 20 Millionen Euro will der Baden-Badener Unternehmer Wolfgang Grenke in das Anwesen Lichtentaler Allee 8 investieren. Grenke setzt seine im Mai bekannt gewordene Absicht in die Tat um, das Gebäude von der Bäder- und Kurverwaltung (BKV) zu kaufen und so das Kurstadt-Domizil des Internationalen Clubs (IC) zu erhalten. In einer Pressekonferenz sprach Präsident Bernhard Prinz von Baden gestern von einem "glücklichen und guten Tag" für den Club. BKV-Geschäftsführer Karlheinz Hillenbrand erinnerte an die Bemühungen um einen "Spagat, an Dritte zu verkaufen, aber die Nutzung durch den Internationalen Club zu sichern." Ende des Jahres läuft der Vertrag aus, der dem Club die mietfreie Nutzung von Räumen in dem denkmalgeschützten Gebäude ermöglicht - wobei darin eine Option enthalten ist, die dem Club Kauf oder Miete freistellt. Beides kam für den Galopprenn-Veranstalter nicht in Frage. Finanziell musste er sich auf Investitionen auf der Iffezheimer Rennbahn konzentrieren, für die neue Tribüne hauptsächlich, zudem erschien es sinnvoll, die Arbeitsplätze der Club-Beschäftigten nach Iffezheim zu verlegen. Den Sitz in der Allee - laut Prinz Bernhard das "emotionale und historische Herz" des Clubs - wollte der IC gleichwohl beibehalten.

Diese Konstellation ermöglicht der Unternehmer Wolfgang Grenke, Chef der gleichnamigen Leasing-AG: Mietfrei hat der Generalsekretär weiterhin sein Büro in dem Gebäude, zudem kann der Club die Säle für gesellschaftliche Ereignisse nach wie vor nutzen. In Abstimmung mit der Oberbürgermeisterin hatte die BKV sieben Baden-Badener Unternehmern das Objekt angeboten. Grenke hatte "unter den guten das beste Konzept vorgelegt", so Hillenbrand. Zu Beginn des kommenden Jahres soll das Anwesen in Grenkes Eigentum übergehen. Laut Hillenbrand hat der BKVVerwaltungsrat dem Verkauf "ohne Wenn und Aber" zugestimmt. Die Investition betrachtet der Unternehmer als "Beitrag zur Stadtentwicklung", wie er im Mai im BT-Gespräch sagte. Sein Nutzungskonzept sieht neben Räumen für den IC die dauerhafte Unterbringung des Karpow-Schachzentrums vor, das schon seit einiger Zeit als Untermieter in der Lichtentaler Allee 8 sein Domizil hat. Die Gesellschaftsräume sollen ausgebaut und gemeinsam von Schachzentrum und IC genutzt werden; ein Gastronomie-Betrieb (entweder im Keller oder in einem Neubau im Hof) ist im Gespräch, zudem ein kleines Museum (als Teil der "
Museumsmeile" in der Allee, etwa mit Werken des 19. Jahrhunderts) und weitere Büros sowie eine Wohnnutzung in geringem Umfang. Der ebenerdige Bereich soll laut Grenke öffentlich zugänglich sein. Alles in allem schwebt dem Unternehmer eine "leicht belebte Nutzung des gesamten Areals" vor. Die Bausubstanz sei "nicht schlecht", so Grenke, es müsse aber nachgebessert werden. Die derzeit vorliegende Kostenschätzung von rund 20 Millionen Euro für das Projekt mitsamt Sanierung und Neubauten im Hof geht nach Angaben des künftigen Eigentümers von "Maximalzahlen" aus. Derzeit seien Voruntersuchungen im Gang, frühestens in einem Jahr könne mit Baumaßnahmen begonnen werden.Nach Angaben von Christiane Duus und Egon Martin (Planungsbüro MD, Weingarten), die Grenke als Berater engagiert hat, ist schon jetzt klar, dass es sich zumindest teilweise um ein Werk des berühmten Karlsruher Architekten Friedrich Weinbrenner handelt. 1818 wurde der erste Bauabschnitt begonnen. Auch vor diesem Hintergrund solle sehr sensibel mit der Bausubstanz umgegangen werden, so Duus.

"Glücklich", dass in Grenke der "Wunschpartner" des Clubs den Zuschlag bekommen hat, zeigte sich Prinz Bernhard. Und Club-Generalsekretär Frank Joyeux hob die "ideale Kombination" der Internationalität des Schachsports und des IC hervor. OB Sigrun Lang ließ in Abwesenheit ausrichten, sie sei froh, dass der Sitz des Clubs in Baden-Baden gesichert sei.



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