Exklusives Baden-Baden

"Fabergé steht für Exklusivität und passt deshalb zum Image der Stadt."

Dieses Zitat Oberbürgermeister Wolfgang Gerstners, befragt zu dem von russischen Investoren geplanten Musuem im Haus Sophienstraße 30, ehedem Sitz der Baden-Badener Staatsanwaltschaft, ist im Badischen Tagblatt vom 17. April 2008 nachzulesen. Er erwarte im Falle der Realisierung einen starken Besucherandrang, heißt es dort weiter.

Exklusivität und starker Besucherandrang scheinen sich auszuschließen, erinnert man sich der Bedeutung des Wortes Exklusivität, die auf gesellschaftliche Abgrenzung oder ausschließlich einem bestimmten Personenkreis zugänglich gerichtet ist. Derlei verträgt sich wohl kaum mit der Erwartung eines starken Besucherandrangs, könnte geschlussfolgert werden.

Überhaupt hat sich der Besucherandrang der letzten Jahre, was die Übernachtungsgäste angeht, derart exklusiv entwickelt, dass die Bettenauslastungsquote bei weit weniger als 50 Prozent angelangt ist. Für die Baden-Badener Hotellerie bedeutet dies, dass jedes ihrer Betten mindestens jeden zweiten Tag leer bleibt.

Es gibt zwar periodisch wiederkehrende exklusive Veranstaltungen, die auf einen bestimmten Personenkreis zugeschnitten sind, wie Großkongresse beispielsweise der Mediziner, die Galopprennen in Iffezheim für Turfbegeisterte, oder die Festspiele in Deutschlands größtem Konzerthaus für Opernfreunde und Liebhaber klassischer Musik, die auswärtige Gäste anziehen und zum durchschnittlich knapp drei Tage währenden Verweilen im Oostal bewegen, aber der Übernachtungsgästeschwund bleibt übers Jahr gesehen besorgniserregend, da er von existenzbedrohender Bedeutung für alle Beherbergungsbetriebe ist, die nicht am Finanztropf in- und ausländischer Kapitalgesellschaften hängen.

Das Festspielhaus besteht im April 2008 zehn Jahre, was den OB artikulieren ließ:

"Das Festspielhaus hat eine zehnjährige Erfolgsgeschichte geschrieben. Dafür bin ich dankbar, denn seine positive Entwicklung hat auch deutlich spürbare Auswirkungen auf die Kulturmetropole Baden-Baden." (BT, 18.04.2008)

Ein weiteres Mal tut sich ein Widerspruch auf: hie Metropole, Weltstadt, wenn auch bezogen auf den Sektor Kultur, was immer darunter zu verstehen ist, aber allen zugänglich, da das Image der Exklusivität, der gesellschaftlichen Abgrenzung.

Das allen Zugängliche hat man beim Festspielhaus offenbar erkannt, hat doch sein Intendant Andreas Mölich-Zebhauser nach seiner Amtsübernahme publiziert:

"Wir haben alle Arroganz über Bord geworfen und das Preisgefüge deutlich nach unten korrigiert. Wir sind auf die Leute zugegangen und haben zu ihnen gesagt: Wir wollen Euch hier haben und nicht nur den Hundertmarkschein von Euch, wir wollen Euch eine Freude machen."

Dies ist ihm gelungen und gestattet ihm mit Fug und Recht die nicht ganz so vermessen wie des OB Einschätzung klingende Feststellung: "Baden-Baden hat sich von der Bäder- zur Kulturstadt entwickelt…". (BT, 18.04.2008) Belegt werde die Position des Festspielhauses und dessen regionalwirtschaftliche Bedeutung durch eine Studie der Universität Sankt Gallen. Dieser Studie zufolge sind jährlich 46 Millionen Euro an Kaufkraftzufluss nach Baden-Baden und 17 Prozent der Hotelübernachtungen auf das Festspielhaus zurückzuführen.

Die Seriosität dieser Studie vorausgesetzt, stärkt angesichts der
Übernachtungsbilanz der letzten Jahre ein 17prozentiger auf das Festspielhaus zurückzuführender Übernachtungsanteil die Vermutung, dass die stadteigene Marketinggesellschaft offenbar alle Anstrengungen unternommen hat und unternimmt, um die Stadt nach altem Muster wirklich nur einem bestimmten Personenkreis schmackhaft zu machen. Wie ließe sich sonst das Phänomen erklären, dass die heimische Hotellerie weit hinter der bundesdeutschen Entwicklung hinterher hinkt.

Eine aktuelle Veröffentlichung von Deloitte Deutschland gibt für das Jahr 2007 für Vier- und Fünf-Sterne-Häuser eine Auslastung von 64,3 Prozent an, während die Auslastung der Mittelklasse-Hotellerie auf 64,5 Prozent stieg.

Man nehme das Jahr 1997, als das Festspielhaus noch nicht eröffnet war, das mit 703158 Übernachtungen zu Buche schlug. Lässt man diese Zahl um 17 Prozent steigen, so erhält man 822695 Belegungen der Hotelbetten, eine fast utopisch anmutende Zahl, die 1992, also vor 16 Jahren, leicht übertroffen wurde, aber bis heute nicht mehr erreicht ist.

Das Festspielhaus erfährt mittlerweile eine Auslastung von 85 Prozent, wie Andreas Mölich-Zebhauser in der Landesschau vom 17. April 2008 verlauten ließ.

Nimmt man 120 Veranstaltungen pro Jahr, so stellen sich jährlich 255000 Festspielhaus-Besucher ein. Berücksichtigt man diese Zahl angesichts der Tatsache, dass auch Einheimische und Besucher aus der Region zu den Veranstaltungen kommen, nur zur Hälfte und lässt diese 127750 Besucher lediglich eine Nacht in Baden-Baden bleiben, so beträgt ihr Anteil an der Übernachtungsbilanz des Jahres 2007 16,25 Prozent. Womit nicht nur die Aussage des 17-Prozent-Anteils als realistisch einzustufen ist, sondern auch festgestellt werden muss, dass die Übernachtungszahl für 2007 ohne Festspielhausgäste auf 658218 zurückgegangen ist. Im Vergleich zum Jahr 1997 macht dies ein Minus von knapp 7 Prozent aus.

Der Gedanke kann sich aufdrängen, die Stadtvermarkter verließen sich beim Hotelbettenfüllen auf Initiativen privater Einrichtungen wie eben das Festspielhaus oder die Bäderbetreibergesellschaft oder das Museum Frieder Burda oder das geplante Museum in der Sophienstraße mit seinem erwarteten Besucherandrang - aus welchen Gründen auch immer, von der Ideenlosigkeit über Desinteresse bis zur Unfähigkeit vorstellbar.

Damit erschiene die Notwendigkeit gegeben, auch die für Baden-Baden so wichtige Vermarktung auf dem Fremdenverkehrssektor privatem Engagement zu überlassen, damit der Spagat zwischen dem bedient werden wollenden Exklusiven und denjenigen, die Baden-Badens Besonderheit jenseits des Exklusiven schätzen, ähnlich erfolgreich bewältigt werde, wie es das Festspielhaus mit seinem Vorsatz, den Menschen Freude bereiten zu wollen, vorgemacht hat.

Sollte dies bald geschehen, erhielte der jetzige Oberbürgermeister die reelle Chance zu resümieren:

Ich bin dankbar für die Zunahme an Übernachtungen, denn eine positive Entwicklung auf dem Übernachtungssektor hat deutlich spürbare Auswirkungen auf Baden-Baden.


Rika Wettstein, April 2008


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