Was wäre Baden-Baden ohne Etikettenschwindel?

Vor etlichen Jahrzehnten, als ehrbaren Kaufleuten die Grundsätze ordnungsgemäßer Buchführung ebenso geläufig waren wie die Verpflichtung zu Bilanzwahrheit und -klarheit, war auch die “Goldene Bilanzregel“ hoch geschätzt. Diese betonte die Ausgewogenheit von Eigen- und Fremdkapital. 50 Prozent Eigenkapital und 50 Prozent Fremdkapital waren Indikatoren für die Solidität von Unternehmen oder Handwerksbetrieben, welche ihr mit geliehenem Geld betriebenes “operatives Geschäft“ durch Vermögenswerte, wie beispielsweise Grundbesitz und Betriebsausstattung, absicherten.

Sowohl Wirtschaftsfachleute als auch Juristen lehnten die in den Folgejahren sich entwickelnde Praxis der Ausreizung des Kreditrahmens der Geldinstitute und die durch schwindendes Eigenkapital der Kreditnehmer bedrohlich abnehmende Absicherung des geliehenen Geldes ab und warnten vor den Folgen. Wenn sich beispielsweise ein solider Handwerker bis über den Dachfirst hinaus verschulden konnte, weil die kreditgebende Bank ein Auge auf sein Grundstück in günstiger, “gewinnträchtiger“, Lage geworfen hatte, so verlor er nicht nur seinen Grundbesitz an diese, sondern in keineswegs seltenen Fällen den Boden unter der Füßen bis hin zum Freitod.

Die Konsequenz dieser profitgetriebenen Raffgier kennen mittlerweile alle Menschen - weltweit. Der Spekulation wurden durch ein solches Finanzierungsgebaren mehr und mehr Tür und Tor geöffnet, bis die “Real Estate“-Unternehmen der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts den “Instinkt“ für Machbares ganz verloren haben.

Was hat dies mit Baden-Baden, oder gar mit Etikettenschwindel zu tun?

Diese Frage ist nicht mit einem Satz zu beantworten, sondern verlangt die Beschäftigung mit Baden-Badens Geschichte. Diese soll jedoch nicht mit den Lehnsherren des Mittelalters und den Stiftungen von Kirchen und Klöstern durch um ihr eigenes Seelenheil besorgte begüterte Privilegierte begonnen werden, sondern Mitte des 19. Jahrhunderts, als Baden-Baden aus politischen Gründen zur “Sommerhauptstadt Europas“ aufgestiegen war, um nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 diesem “Label“ entsagen zu müssen, und im “Ranking“ der von der gehobenen Gesellschaft begehrtesten Bade- und Vergnügungsorte Europas seinen Spitzenplatz einbüßte.

Dennoch wird mit diesem recht kurzlebig gewesenen “Premium“-Platz nach wie vor geworben, ob es sich um
Russen, Chinesen, Japaner oder neuerdings gar Inder handelt, die vorübergehend als Zielgruppe anvisiert werden.

Anders verhält es sich mit dem späten Entdecken des renommierten Architekten Johannes Krahn. Die nach seinen Plänen gebaute Grundschule für die Kinder der in der so genannten Cité lebenden französischen Familien wird seit Mitte dieses Jahres als “Juwel eines der bedeutendsten Architekten der jungen Bundesrepublik“ und “faszinierendes Kulturdenkmal mit besonderer Bedeutung“ erkannt. “Krahn Lofts“ sollen dort der stadteigenen Entwicklungsgesellschaft Cité zu wirtschaftlichem Erfolg verhelfen.

Doch zurück zu den umworbenen Gästen, deren Ansprüche durchaus durch Angebote aus dem oberen Preissegment erfüllbar scheinen. Sie zeitigen eigenartige Sprachgebilde.

Das Traditionshotel “
Badhotel zum Hirsch“ wurde von der russischen Hotelgruppe “Heliopark“ erworben. Helios, der griechische Sonnengott, in “Wortunion“ mit einem großflächigen Garten passt nicht so ganz zur Lage des Hotels am ehemaligen nach Westen gerichteten Stadttor.

Das Batschari Suite Hotel im Batschari Palais wartet mit dem Etikett einer rot verzierten Krone auf grünem Grund auf. Palais war das weitläufige Gebäude allenfalls für Hunderte von Arbeitern, die dort für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt durch die
Produktion von Zigaretten sicherten, während Zeiten hoher Arbeitslosigkeit. Was die Vermieter der mit hohen Renditeerwartungen erworbenen Town Houses, West Side Lofts und Royal Residences an Miete verlangen, könnten diese Arbeiter nicht bezahlen.

Das “Wohnen auf höchstem Niveau“ war Anfang Oktober 2008 im Batschari Suite Hotel hingegen in einem Doppelzimmer der preiswertesten Stufe genau einen Euro niedriger angeboten als im
Hotel Bayerischer Hof, eine Stern-Kategorie unter dem Konkurrenten, dafür aber näher am Festspielhaus gelegen.

Was genau das Batschari Suite Hotel unter “Wohnen auf höchstem Niveu“ versteht, mag individuell erforscht werden.

Erforscht worden ist bereits seit Jahrzehnten die Bettenauslastung der Baden-Badener Hotellerie, und zwar von Fachleuten des Statistischen Landesamtes. Anhand der erhobenen und ausgewerteten Zahlen wurde eine über Jahre zu beobachtende Bettenauslastung von weniger als 50 Prozent ermittelt. Also ist, was nicht oft genug betont werden kann, jeden Tag jedes zweite Hotelbett der internationalen Urlaubs- und Bäderstadt, der Kunst- und Kulturstadt von internationalem Rang und der ehemaligen Sommerhauptstadt Europas trotz eines bemerkenswerten, von internationaler Resonanz begleiteten Angebots an Veranstaltungen beispielsweise des Festspielhauses, der Staatlichen Kunsthalle oder des Museums Frieder Burda, die Spielbank und die Pferderennen nicht zu vergessen, nicht gebucht und bringt damit weder dem Anbieter, noch einem (möglichen) Kreditgeber Geld ein. Die unausweichliche Folge für Betriebe, die nicht von Muttergesellschaften finanziell “genährt“ werden, ist vor dem schlimmsten Fall, dem Gang zum Konkursrichter, der Verkauf an einen Investor.

Ein solcher Fall scheint aktuell zu sein. Die Fachzeitung der deutschen Gastronomen und Hoteliers, die Allgemeine Hotel- und Gaststättenzeitung, meldete am 11. Oktober 2008 zur relativ gelassenen Haltung mancher Aussteller und Besucher der Münchner Expo Real Messe:

“Pessimistischer aufgrund negativer Erfahrungen ist dagegen Hotel-Immobilien-Makler Thomas Röckelein von tophotels consultants aus Baden-Baden. Der vorbereitete Kaufvertrag eines russischen Kunden für ein Hotel in Baden-Baden platzte kurzfristig, obwohl dieser mehr als 60 Prozent Eigenkapital einbringen wollte. Die involvierte Sparkasse hatte einen Rückzieher gemacht. ’Ein plausibler Grund wurde nicht genannt’, sagt Röckelein. Die Angst vor dem weltweiten Konjunktureinbruch erschwert Finanzierungen und dämpft die Expansionslust der Branche."

Just an dem Tag, als aller Deutschen Finanzminister gewissermaßen im Duett mit aller Deutschen Außenminister öffentlich einen Kanon in Moll intoniert hat, des Inhalts: Wir müssen als Staaten alles daran setzen, dass die das internationale Finanzsystem stützenden Banken erhalten bleiben.

Aha. Den Jubel-Arien in Dur: Es lebe der private Investor!, folgt der beschwörende Kanon in Moll: WIR…

Das Einschwören auf die Solidarität der Bürger, wenn’s denn um verprasstes Geld geht, kennen die Baden-Badener nicht nur im Hinblick auf die Bundesregierung, sondern auch aus unseriösen, soll heißen: nicht ordentlich erarbeiteten, Entscheidungsunterlagen des Landes und der Stadt.

So: Warum darf sich dann ein tophotelconsultant erdreisten, “keinen plausiblen Grund“ für die Ablehnung der Sparkasse - welche auch immer es sein mag - als Kreditgeber für jenen russischen Kunden, dessen Kaufvertrag bereits vorbereitet war, zu nennen?

Kann es sein, dass der ausgesuchte Kreditgeber der Verpflichtung der Bilanzklarheit und -wahrheit nachgekommen ist? Kann es sein, dass er, wie bei Kreditvergaben in der “guten, alten Zeit“ üblich gewesen, eine Rentabilitätsvorschau verlangt oder selbst erstellt hat?

Sollte der Bundeskanzlerin Beteuerung, die Guthaben der Sparer seien nicht von der weltumspannenden Finanzkrise betroffen, sich nicht als Etikettenschwindel erweisen, so ist dies ehrbaren Kaufleuten zu verdanken, welche die “Expansionslust der Branche“ durch umsichtiges Handeln und Entscheiden “dämpfen“.

Dampf war übrigens der anziehende Grund für die Römer, sich hier niederzulassen, nämlich der Dampf der Thermalquellen, der damals als unverfälschtes, sichtbares Zeichen ihrer Qualität gen Himmel stieg.

Rika Wettstein, Oktober 2008


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