Wie Baden-Baden seine Eigengewächse schätzt.

Bereits in den 1970er Jahren war im Baden-Badener Gemeinderat davor gewarnt worden, den Schilderwald, der damals in der Kurstadt bereits üppig spross, ein Eigenleben entwickeln zu lassen. Heute nicht mehr zu klären ist die Frage, ob diese Warnung auch implizierte, attraktive städtische Einrichtungen wie Theater und Stadtmuseum verkehrsleitsystemmäßig im Verborgenen halten zu müssen.

Nun ja, mögen manche argumentieren, das
Stadtmuseum in der heutigen Form gibt es erst seit dem Jahr 2004. Glücklicherweise gibt es dies jetzt als schmucken Anziehungspunkt in der Lichtentaler Allee. Seine Ursprünge reichen allerdings bis ins 19. Jahrhundert, als eine kleine Schar Unentwegter in Sachen Hervorhebung der Geschichtsträchtigkeit der Stadt tapfer Zeugnisse hierfür sammelte und präsentierte, nicht weniger unentwegt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der engagierten Stadtarchivarin Margot Fuss weiter betrieben.

Nun möchte man meinen, dass dem Stadtmuseum der ihm gebührende Tribut durch einen Hinweis im Straßensystem, wo es eigentlich zu finden ist, gerne gezollt wird, strebt die Stadt mittlerweile doch die Aufnahme in die
UNESCO-Liste des Weltkulturerbes, vornehmlich basierend auf ihrem Stellenwert im Europa des 19. Jahrhunderts, aber …

Ähnlich verhält es sich mit einem der schönsten Theater Europas, anfangs noch nicht in den Verantwortungsbereich der Stadt gehörend, nach
wechselndem Hin und Her seit 1994 jedoch dort angesiedelt. Es besticht nicht nur durch sein reich verziertes Äußeres, sondern auch durch überregional Aufmerksamkeit erregende Inszenierungen. Da der jetzige Oberbürgermeister Baden-Badens, Wolfgang Gerstner, die Stadt als eine Kunst- und Kulturstadt von internationalem Rang preist, wäre nichts nahe liegender, als auch dieser fast 150jährigen Einrichtung einen Hinweis auf städtischen Verkehrsleitschildern zu gönnen, aber …

Wir haben im Jahr 2004, als Sigrun Lang noch Oberbürgermeisterin gewesen ist, Folgendes angeregt:

29. September 2004

Sehr geehrte Frau Dr. Lang,

am vorvergangenen Samstag ist das Stadtmuseum eingeweiht worden. Ab dem 23. Oktober 2004 wird das Museum für die Sammlung Frieder Burda dem Publikum seine Pforten öffnen.

Wie bereits im Vorfeld beider Ereignisse mehrfach unterstrichen wurde, erlebt die Strecke vom Goetheplatz bis zur Fremersbergstraße dadurch die Aufwertung zu einer wahren Kulturmeile der Stadt.

Die Verkehrsleitschilder am Zubringer und am Verfassungsplatz lassen davon allerdings wenig erahnen, fehlt ihnen doch die Angabe, dass Baden-Baden auch über ein - traditionsreiches - städtisches Theater und ein Stadtmuseum verfügt.

Wir regen deshalb an, beiden letztgenannten Einrichtungen eine ebensolche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie der Staatlichen Kunsthalle und dem Museum für die Sammlung Frieder Burda. Sollte der Platz auf den Tafeln hierfür zu knapp sein, könnte kurz und bündig "Kulturmeile" vermerkt werden.

Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Peter und Rika Wettstein


Reaktion: Null.

Im Jahr darauf, als das
Museum Frieder Burda umgetauft worden ist, unternahmen wir den zweiten Versuch. Dieses Mal wandten wir uns an den zuständigen Dezernenten:

31. Oktober 2005

Sehr geehrter Herr Dr. Rückert,
auf unsere Anregung vom 29. September 2004, die Sie am Ende der eMail finden, haben weder wir eine Reaktion erfahren, noch hat sich an der Beschriftung der Verkehrsleitschilder etwas geändert.

Geändert hat sich mittlerweile allerdings die offizielle Bezeichnung der Heimstatt für die Bilder der Sammlung Frieder Burda, wie vor einigen Tagen aus der Presse zu erfahren war.

Sollte in Erwägung gezogen sein oder aber in Erwägung gezogen werden, die Beschilderung gemäß der neuen Namensschöpfung "Musuem Frieder Burda" zu aktualisieren, so böte sich nicht nur, sondern bietet sich regelrecht die Möglichkeit an, endlich auch auf Stadtmuseum und Theater hinzuweisen.

Wir hoffen, dass unser Vorschlag dieses Mal nicht reaktionslos bleibt, und
grüßen freundlich

Wolfgang Peter und Rika Wettstein


Am 29. November 2005 erhielten wir Post vom Ersten Bürgermeister Klaus Michael Rückert:

Sehr geehrte Frau Wettstein, sehr geehrter Herr Peter,

haben Sie vielen Dank für Ihre E-Mail vom 31 .10.2005, in der Sie sich mit der Hinweisbeschilderung zum Museum Frieder Burda und den anderen kulturellen Einrichtungen im Zuge der Lichtentaler Allee auseinandersetzen.

Im Zusammenhang mit dem Neubau des Museums für die Sammlung Frieder Burda wurde innerhalb der Stadtverwaltung auch darüber diskutiert, ob eine Ausweisung der Ziele zum Theater und zum Stadtmuseum möglich wäre. Als Ergebnis musste festgehalten werden, dass sowohl aus Platz- wie insbesondere auch aus sich daraus ergebenden Kostengründen auf die Nennung der Begriffe Stadtmuseum und Theater verzichtet werden musste. Darüber hinaus wäre mit jedem zusätzlichen Begriff die KFZ-Wegweisung noch unübersichtlicher geworden, als sie sich heute bereits darstellt, ganz abgesehen davon, dass keine weiteren neuen Begriffe auf den vorhandenen Wegweisern (Schilderbrücken und großen Wegweiser­tafeln) Platz finden.

Um die Ausweisung der Begriffe Sammlung Frieder Burda und Kunsthalle zu ermöglichen, musste ein zweizeiliger vorhandener Begriff aus der bestehenden Wegweisung entfernt werden, um Platz für diese beiden neuen Begriffe zu schaffen. Schließlich war der DRK-Blutspendedienst bereit, auf die Ausweisung auf den Schiiderbrücken zu verzichten und als Ersatz kleinere Hinweisschilder zu akzeptieren. Die Entscheidung, den Begriff Sammlung Frieder Burda (und die Kunsthalle) in die KFZ-Wegweisung neu aufzunehmen, geschah auch deshalb, um der Bedeutung des neuen Museums Frieder Burda für die Stadt Rechnung zu tragen.

Die jetzt vorgenommene Namensänderung von Sammlung Frieder Burda in Museum Frieder Burda wird auch in der Kfz- und Fußgänger-Wegweisung ihren Niederschlag finden, da die vorhandenen Wegweiser dem neuen Namen angepasst werden. Diese Maßnahme wird von der Stiftung Frieder Burda in eigener Regie beauftragt und bezahlt, so dass der Stadt durch diese Namensänderung keine Kosten entstehen.

Sollte sich bei künftigen Änderungen in der Wegweisung die Möglichkeit eröffnen, zusätzliche oder andere Zielbegriffe mit aufzunehmen, so wird die Stadt Ihre Vorschläge zum Aus­schildern von Stadtmuseum und Theater in ihre Überlegungen mit einbeziehen.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. Klaus Michael Rückert


Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Niemand will die Bedeutung von beispielsweise
Staatlicher Kunsthalle, Festspielhaus und Museum Frieder Burda für das kulturelle Leben der Stadt herabwürdigen oder gar in Frage stellen. Dieses kulturelle Leben wird indes ebenso nachhaltig durch Stadtmuseum und Theater mitgeprägt, weswegen beide gleichberechtigt behandelt gehörten.

Im März 2008 unternahm die Theaterintendantin einen eigenen Vorstoß in Sachen Hinweis auf das Theater. Die Badischen Neuesten Nachrichten berichteten unter dem Titel "Touristen auf Theatersuche" am 27. März 2008 darüber. Nur - auch ihr war kein Erfolg beschieden, denn in absehbarer Zeit wird das Theater nicht auf den Hinweisschildern genannt. "Der Oberbürgermeister verweise darauf, dass das Leitsystem nicht überfrachtet werden dürfe, außerdem seien andere Einrichtungen in der Stadt wie etwa das Rathaus auch nicht ausgeschildert,…" Weiter hieß es: "…dass das Leitsystem derzeit überarbeitet wird. Es werde grundsätzlich überlegt, ob ein neues Leitsystem entworfen werde muss oder ob das bestehende verfeinert werden kann. Klar sei aber, dass sich bis auf Weiteres nichts ändern werde, …"

Was nun?

Einmal abgesehen davon, dass sich das herrschende Leitsystem nicht unbedingter Effizienz erfreut, wie Petra van Cronenburg in ihrem im Jahr 2006 erschienenen Roman Lavendelblues verdeutlicht:

"Baden-Baden macht es Fremden nicht leicht, in die Stadt einzudringen. Noch bevor man verstan­den hat, dass man sich besser an den Tortenstücken in Bunt­stiftfarben orientiert, die über der Straße hängen, als an den lückenhaften Aufschriften der Schilder, hat man sich schon verfranst."

müssen zwei wichtige städtische Kultureinrichtungen hinweistechnisch weiterhin ihr stiefmütterlich behandelt anmutendes Dasein fristen.

Als Spontanlösung böte sich an, an der Westeinfahrt zur Stadt, zu Beginn des Zubringers, und an der Osteinfahrt, beispielsweise am Brahmsplatz, je einen Automaten aufzustellen, dem das Buch "
Kunst und Kultur entlang der Oos", in welchem sowohl stadteigene als auch landeseigene und private Institutionen gleichwertig beschrieben sind und worin der Oberbürgermeister betont: "Unsere Kulturmeile ist absolut sehens-, hörens- und erlebenswert!", ergänzt durch einen einfachen Lageplan, von allen kunstinteressierten Gästen entnommen werden kann. Sollte sich diese Lösung bewähren, wäre eine kostenträchtige, "gerechte Kunstbeschilderung" der hiesigen öffentlichen Straßen entbehrlich.



Rika Wettstein, März 2008


Lesen Sie weitere Artikel von Rika Wettstein



Inhalt | News | Geschichte | Stadtplan | Sehenswert
Kunst + Kultur | Theater | Festspielhaus | Casino | Events | Thermen | Sport
Hotels | Restaurants | Cafés + Bars | Shopping
Stadtteile | Umgebung | Elsass
Adressen | Forum | Gästebuch | Shop | Awards | Links