Baden-Baden, die Brücken und der Rekordverdacht

Baden-Baden ist immer gut für Rekordverdächtiges. Mal ist dies die Autodichte, die Seniorenanhäufung, die Millionärsschwemme oder gar das Russen- oder Prostituiertenaufkommen. Immer auf das Pro-Kopf-Aufkommen je Einheimischem umgerechnet - so die Statistik.

Dass Baden-Baden aber die höchste "Brückendichte" bezogen auf die vorhandene Wasserfläche weltweit aufweisen kann, ist wohl noch niemandem aufgefallen. Selbst die Lagunenstadt Venedig kann statistisch gesehen pro Einwohner und Wassermenge "brückenmäßig" mit der Kurstadt an der Oos bei weitem nicht mithalten - trotz Seufzer-Brücke. Schließlich kann Baden-Baden mit einer Fieser-Brücke übers
Klein-Biotop Oosbach als Pendant kontern.

Brücken dienen seit altersher der Überwindung von Hindernissen. Seit Urzeiten führten sie über Wasserläufe oder Kluften. In der Moderne gab und gibt es zahlreiche Brückenarten unterschiedlichster Bestimmung.

In Baden-Baden wurden vor allem im 19. Jahrhundert Brücken gebaut, um vornehmlich den vornehmen Gästen die Möglichkeit zu bieten, trockenen Fußes aus der ursprünglichen Stadt nach jenseits der Oos, wo sich das Conversationshaus mit Glücksspielangebot befand, zu gelangen. Es war selbstverständlich, die schönsten aller Brücken in der Kurstadt zu errichten, um das Hausbächlein zu überspannen. Mal schlicht funktional, mal in einer geradezu opulenten Schmiedeisen-Orgie, weiß getüncht. Überbrückt haben sie alle, ob schlicht ergreifend oder pompös.

Das 20. Jahrhundert bescherte der Stadt Brücken, wie jene die den westlichen Stadteingang prägen. Brücken über die B 500, den so genannten Autobahnzubringer, der Gästen, Lieferanten und Pendlern eine schnellere Zufahrt zur Stadt bringt, die helfen, das Hindernis Zubringer zu überwinden, und den Bewohnern der südlich der B 500 gelegenen Stadtviertel das gefahrlose Erreichen des größeren Teils der Stadt mit seinen Einkaufmöglichkeiten, Bildungs- und Kulturreinrichtungen zu erreichen.

Der Beginn des 3. Jahrtausends hatte dann ein Novum parat: die Meier-Burda-Brücke. Sie präsentiert sich ganz unschuldig durchsichtig, überbrückt auch kein gefährliches Nass oder eine gefährliche Straße. Ihr wurde von den Auftraggebern und Brückenbauern die Aufgabe, "Symbolbrücke" zu sein, zugewiesen. Sie sollte Bindeglied sein zwischen dem neu erbauten Museum Frieder Burda, repräsentativ für die Scheckbuch-Kunst, und der Staatlichen Kunsthalle, die sich der Kunst widmet, die es meist noch nirgendwo zu kaufen gibt.  Also "neue Welt" und "alte Welt" avantgardistisch verbunden. Der geniale Architekt Richard Meier mag diese Symbolträchtigkeit geahnt haben und deshalb gerade diese "Brücke" so transparent gestaltet haben.


Die Brücke - Foto ©  Wolfgang Peter

Die Medien überschlugen sich im Vorfeld der Eröffnung des Museums Frieder Burda förmlich in Lobeshymnen und formulierten vielfach:
"Beide Häuser sind durch eine gläserne Brücke miteinander verbunden. Diese Brücke ist auch inhaltlich Programm: Regelmäßig sollen gemeinsame Ausstellungen, die sich über beide Museen erstrecken, stattfinden. Der Start der Sammlung Frieder Burda markiert zugleich den Beginn dieser einzigartigen Partnerschaft zwischen öffentlichem Kulturauftrag und privatem Kunstengagement."

In der Staatlichen Kunsthalle selbst glaubte man bereits im Juli 2004, dass dieses Miteinander in Deutschland und Europa Modellcharakter habe.

"Das neue Zentrum für moderne Kunst in Baden-Baden rückt Baden-Baden für Baden-Württemberg und Deutschland noch mehr in den internationalen Blickpunkt."

Der baden-württembergische Ministerpräsident pries in seiner Rede zur feierlichen Eröffnung des Privatmuseums das "sichtbare Symbol einer offenen und tragfähigen Zusammenarbeit zwischen staatlichem Kulturauftrag und privater Kunstförderung".

Das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg huldigte ihr und huldigt auch noch aktuell:

"Seit Herbst 2004 ist neben der Kunsthalle der Neubau für die Sammlung Frieder Burda eröffnet. Die zwischen beiden Einrichtungen vereinbarte Kooperation ist beispielhaft für ein gelungenes ‚private public partnership'."

Dieser Überschwang allenthalben brachte die Stadt ein weiteres Mal in Richtung Rekordverdacht,  wegen einer einzigen Brücke.

Es gab allerdings seinerzeit bereits nachdenkliche Stimmen. So argwöhnte beispielsweise die Ost West Wochenzeitung Freitag:

"Offenbar ist das der neue Weg: Privatiers und Staat schwer verliebt und Hand in Hand. Aber auch die baden-württembergische Landespolitik sollte wissen, dass Sammler unberechenbare Wesen sind. Und dass das systematische Sammeln von Kulturgütern Aufgabe der öffentlichen Hand bleibt. Derzeit ist die Stuttgarter Staatsgalerie, was den Ankaufs-Etat betrifft, arm wie eine Kirchenmaus - es kaufen die Sammler. Langfristig kann das nichts Gutes bedeuten."

Lange musste nicht gewartet werden, um diese Befürchtung bewahrheitet zu erleben. Ein knappes Jahr nach dem großen Lob für das "Modell der Baden-Badener Brücke" hat der Stifter einen Rückzieher in Sachen Kooperation gemacht. Nicht nur die Lokalpresse meldete den Sinneswandel. Auch überregional drang die Neuigkeit durch und veranlasste beispielsweise den Deutschlandfunk am 22.10.2005 zu einer kritischen Auseinandersetzung:

"Zwar hatte die Kunsthalle ihrem neuen Nachbarn als freundliche Morgengabe ihr komplettes Haus für dessen glanzvolle Eröffnungsschau überlassen, doch das war's dann schon. Die Geste wurde bis heute nicht erwidert, der gläserne Gang funktioniert vor allem als Einbahnstraße. Da gibt es zum Beispiel ein Kombiticket für beide Häuser. Doch von zehn Euro Eintritt gehen acht an das Burda-Museum und nur zwei an die Kunsthalle. Partnerschaft? Gemeinsame Ausstellungsprojekte? Fehlanzeige. […] Frieder Burda sieht die Rollen denn auch klar verteilt: Sein bis in die mondänen Toilettenanlagen architektonisch hochästhetisches Museum bringe die ‚schöne' Kunst, die Aufgabe der Kunsthalle dagegen sei es, neue Trends aufzuzeigen - eine Art Talentschuppen also."

Bedenkt man darüber hinaus, was der Deutschlandfunk noch vorzutragen hatte, nämlich:
"Man sollte dabei nicht vergessen, dass die Stadt bzw. das Land dem Sammler Burda den kostbaren Baugrund seinerzeit geschenkt und die Instandhaltung seines Museums übernommen hat."

So tut sich der nächste Rekordverdacht auf:
Das unter chronischem Geldmangel leidende Baden-Baden kann sich "glücklich" schätzen, neben dem Festspielshaus mit dem Museum Frieder Burda innerhalb weniger Jahre seiner Kunst- und Kulturmeile eine weitere mit großzügiger öffentlicher Unterstützung ins Leben gerufene, jedoch als rein privat charakterisierte und ebenso betriebene Einrichtung hinzugefügt zu haben. Damit erführe die Symbolkraft der gläsernen Brücke eine andere Qualität.

Rika Wettstein, November 2005



Ein weiterer Rekord ist bereits zu registrieren: Frieder Burda soll ein gutes Jahr nach der Eröffnung des Museums Ehrenbürger Baden-Badens werden.

Die Lokalpresse wartete am 5. November 2005 mit folgender Meldung auf:
"In Anerkennung seiner vielfältigen Verdienste, insbesondere für 'die große Bereicherung des kulturellen Angebots in Baden-Baden', erhält der Kunstsammler Frieder Burda die Ehrenbürgerwürde der Stadt Baden-Baden. Der kurstädtische Gemeinderat hat diesen Beschluss im nichtöffentlichen Teil der letzten Sitzung einstimmig gefasst.
Oberbürgermeisterin Sigrun Lang wird Burda den Ehrenbürgerbrief noch in diesem Jahr in einer kleinen Feierstunde überreichen, so das Stadtpresseamt in einer Mitteilung."



Am 29. November 2005 erhielt Frieder Burda in seinem Museum den Ehrenbürgerbrief aus der Hand von OB Sigrun Lang. Sie würdigte seine "Liebe zur Heimat" (BNN, 30.11.2005) und schätzte das Wirken Burdas als "wahren Glücksfall" (BT, 30.11.2005) ein.

"Der Geehrte selbst betonte, er tue sich schwer mit Ehrungen, nehme auch keine Orden an. Allerdings sei das einstimmig vom Gemeinderat beschlossene Ehrenbürgerrecht etwas Außergewöhnliches. 'Ich bin gerührt und bewegt auf eine ganz besondere Weise', sagte Burda." (BT, 30.11.2005)


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