Was wäre Baden-Baden ohne Denkmalschutz?

Baden-Baden ist während des Zweiten Weltkrieges von verheerenden Bombardements verschont geblieben und verdient schon allein aufgrund dieser Tatsache, als Denkmal eingestuft zu werden.

Baden-Baden ist aber auch eine Stadt, die leben muss, um nicht in die Gefahr zu geraten, eines Tages als einziges großes Denkmal gegen Eintrittsgeld, das zur Erhaltung der Bausubstanz aller hunderter leer stehender Wohn- und Geschäftshäuser eingesetzt wird, bestaunt werden zu können.

Zum Leben einer Stadt gehört auch ein aktives Geschäftsleben, das den Menschen seine Verkaufsartikel und Dienstleistungen mittels entsprechender Hinweise anbietet. Letzteres wird gemeinhin Werbung genannt.

Die Stadtverwaltung Baden-Badens hat nach einer Meldung im Badischen Tagblatt vom 12. Februar 2003 eine detaillierte Satzung mit strengen Auflagen zu Regelung der innerstädtischen Werbung erarbeitet. Diese stößt auf Widerstand vieler, vor allem der Einzelhändler.

Auch die Industrie- und Handelskammer Karlsruhe hat ihre Meinung zu diesem Regelwerk geäußert und bemerkt unter anderem:
"Unter Punkt 4 werden Werbeanlagen in den oberen Geschossen als unzulässig erklärt. Diese Regelung nimmt Unternehmen, die im 1. OG ansässig sind, jede Möglichkeit, auf sich hinzuweisen. Da ihnen somit die Existenzgrundlage entzogen wird, ist ein generelles Verbot nicht haltbar."

Die Antwort der Verwaltung hierzu lautet:
"Der Anregung kann nach gründlicher Abwägung nicht entsprochen werden, weil die berechtigten Interessen der Werbetreibenden zwar erkannt werden, aber die städtebaulichen und denkmalrechtlichen Belange stärker zu gewichten sind (…)"

Was wird in Baden-Baden eigentlich unter denkmalrechtlichen Belangen verstanden? Dies können sich die Einheimischen mit Fug und Recht fragen.

Einerseits wurde das
Neue Schloss, eine stadtbildprägende, quasi als "Aushängeschild" zu wertende Anlage, über Jahrzehnte ohne Berücksichtigung denkmalrechtlicher Belange sichtbar dem Verfall preisgegeben, andrerseits meinen die Stadtoberen in der Satzung für Werbeanlagen "verunstaltende Werbeanlagen" können "auf den Betrachter störend wirken".

Fragen werden sich die Einheimischen auch: Wer hat sich in den 1960er Jahren der denkmalrechtlichen Belange angenommen, als das ehemalige Luxushotel "
Englischer Hof" größtenteils abgebrochen wurde und an seiner Stelle ein Bankgebäude stadtbildprägend, weil absolut unpassend in der Reihe der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Häuser in direkte Nähe zum Kurhaus und damit voll im Kur- und Bäderviertel gelegen, errichtet wurde?

Wo waren die Denkmalschützer, als am
Augustaplatz ein mehrgeschossiger Betonklotz in direkter Nachbarschaft zur Evangelischen Stadtkirche und einem Seitenflügel des ehemaligen Grandhotels "Stéphanie les Bains" hoch gezogen wurde?

Die Einheimischen könnten noch viele andere Bausünden aufzählen, denen keine denkmalrechtlichen Bedenken entgegen gesetzt wurden.

Es kann sich schon der Gedanke aufdrängen, in den vergangenen Jahrzehnten hätten die denkmalrechtlichen Belange immer in den Hintergrund treten müssen, wenn Geschäfte zu machen waren.

Und jetzt geht es um Geschäfte und Geschäftsinhaber in der Innenstadt, die in ihrer Geschäftstätigkeit aus städtebaulichen und denkmalrechtlichen Erwägungen heraus im Extremfall existenzbedrohend eingeschränkt werden sollen.

Den Denkmalschutz als Bremse einer Belebung der "Kaufmeilen" der Innenstadt, die ohnehin nicht gerade unter Überlastung leiden, "nach gründlicher Abwägung" zu instrumentalisieren, kann bedeuten, dass die Stadt der Verwirklichung eines unbelebten Denkmals Baden-Baden einen großen Schritt entgegen geht.


Rika Wettstein, Februar 2003



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