Das Denkmal Baden-Baden und die Folgen

In der Ankündigung zum Tag des Denkmals 2002 ist zu lesen:
"Diese, bei weitem nicht vollständige, Darstellung der Denkmale der Stadt, kann nur zu dem Schluss führen, dass Baden-Baden eigentlich ein einziges Denkmal ist, das jedem offen steht und in welchem jede so genannte hochgestellte Persönlichkeit oder jeder so genannte einfache Mensch ein bekömmliches Leben in einer wunderbaren Landschaft führen kann."

Der Karlsruher Fotograf Peter Sandbiller hat ein fabelhaftes Foto eines Teils dieses Denkmals, nämlich der Baden-Badener Altstadt, geschossen - aus südöstlicher Richtung aus dem Flugzeug heraus, welches in einem nicht minder fabelhaften
Bildband über die Region Karlsruhe zu finden ist.



Abbildung: Sandbiller/Frust - Flug über die Region Karlsruhe


Vergleicht man dieses Foto mit dem Stich des genialen Kupferstechers und Städtezeichners Matthäus Merian aus dem Jahr 1643, stellt man verblüfft fest, dass die gewesene Residenzstadt der Markgrafschaft Baden der Altstadt Baden-Badens im Jahr 2006 in hohem Maße ähnlich ist.

Merian - Baden-Baden

Genau erkennbar ist auf dem Foto der Verlauf der Stadtmauern, die im 19. Jahrhundert abgetragen wurden, und an deren Stelle die heutige Luisen- und Sophienstraße stadteinwärts flankierende, mehrgeschossige Wohn-, Geschäftshäuser und Hotels errichtet wurden.

Neues Schloss und Stiftskirche dominieren das Gewirr von Gässchen und Staffeln und die beiden heute Lange Straße und Gernsbacher Straße genannten breiten Straßen.

Nun hat Matthäus Merian diese Stadtansicht Jahrzehnte vor dem verheerenden
Stadtbrand von 1689 gefertigt. Demnach muss die Stadt unverändert strukturiert wieder aufgebaut worden sein.

Nach dem Stadtbrand hat Johann Weiß, Amtmann von Baden und Steinbach, eine Denkschrift verfasst, die als eine Art Generalbebauungsplan des Jahres 1691 gewertet werden kann. In dieser Denkschrift plädierte er unter anderem für einheitliche Baufluchten, durch die ein ruhiges Gassenbild geschaffen werden sollte, für gerade, breite Straßenzüge, für die Anlage von Plätzen, sowie für eine Verschönerung mit Brunnen und Wasserkünsten; alles jedoch unter Beibehaltung der alten Türme und Tore.

Welche Auffassung der damalige Regent,
Markgraf Ludwig Wilhelm, hierzu hegte, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass er in Rastatt ein prächtiges Barockschloss errichten ließ und seine Residenz im Jahr 1705 dorthin verlegte.

Und die Badener? Die Badener bauten ihre Stadt wieder so auf, wie sie gewesen war - Amtmann Weiß' Denkschrift hin oder her. Hätten sie dies nicht getan, hätte man heute nicht die Chance, mit dem Merian-Stich in Händen vom Kurgarten aus die Identifikation der erkennbaren Gebäude anzugehen. Von anderen Stellen aus wäre dies auch möglich, wenn nicht das Resultat des im 19. Jahrhundert realisierten Baubooms die Aussicht versperrte.

Die (Baden-)Badener haben demnach im Laufe von mehr als 300 Jahren am Erscheinungsbild ihrer Altstadt nicht sonderlich viel verändert. Sie haben lediglich die Stadtmauern und -tore abgeschafft und die Kurstadt in drei Himmelsrichtungen expandieren lassen. Sie haben sich also im besten Sinne des Wortes konservativ verhalten, haben gepflegt und bewahrt.

Als Belohnung hierfür oder gar zum Dank sollen sie nun mit einer Satzung zum "Schutz der Gesamtanlage Baden-Baden" in ein bürokratisches Korsett gezwängt werden, welches das Ziel, das "unverwechselbare Bild" der Stadt zu erhalten, verfolgt.

Bedarf es dessen eigentlich?

Mehr als 300 Jahre hat sich die Stadt im Rahmen bestehender Vorgaben entwickelt und hat dennoch über diese lange Zeit - auch dank der Tatsache in den beiden Weltkriegen keiner Zerstörung ausgesetzt gewesen zu sein - ihr Bild gewahrt.

Wenige
Ausnahmen haben außerhalb des historischen Stadtkerns zwar unübersehbare und kaum als positiv das Stadtbild prägend auszumachende Bausünden gezeitigt. Diese optischen Fehlleistungen werden mit der geplanten Gesamtanlagensatzung wohl kaum ausgemerzt werden. Aber, so ist einem ausführlichen Bericht im Badischen Tagblatt vom 7. Dezember 2006 zu entnehmen, es wird im Geltungsbereich der Gesamtanlagensatzung eigentlich alles genehmigt werden müssen, was an Bestehendem renoviert, umgestaltet oder aus technischen Gründen verbessert werden soll, vom Fassadenanstrich über "Fenstergewänder" bis hin zur Gartengestaltung.

Wem ist bloß in den Sinn gekommen, dass eines nicht zu fernen Tages die Baden-Badener ihr bis dahin liebevoll erhaltenes Stadtbild absichtlich verschandeln wollen?

Nicht einmal Johann Weiß wollte dies. Er wollte einzig eine für damalige Zeiten moderne Stadtanlage und hat es nicht geschafft, sich durchzusetzen.

Insofern scheint das knebelnde Bürokratenmachwerk mehr als überflüssig zu sein. Es reichte allemal, unter Berücksichtigung bereits geltender Regeln die Bürger eigenverantwortlich in die Aufrechterhaltung des Stadtbildes einzubinden. Baden-Baden ist, wie eingangs bemerkt, ein einziges Denkmal - noch mit Leben erfüllt. Wenn große Teile der Stadt allerdings unter den Glassturz einer alles reglementierenden Satzung gestellt werden sollen, wird den Menschen die "Entwicklungs-Luft" genommen. Die Stadt würde sich damit gefährlich dem Charakter eines mit Baumwollhandschuhen und Staubwedeln seine Exponate behandelnden Museums nähern - mit geregelten Öffnungszeiten, gestaffelten Eintrittspreisen, gedämpfter Geräuschkulisse und: so ganz und gar unlebendig.

Ob derlei erstrebenswert ist, mag jeder Entscheidungsträger sorgsam abwägen.

Rika Wettstein, Dezember 2006

Baden-Baden heute - Satellitenfoto



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