Baden-Baden, das Prägende und das Werbende

Die Fortsetzungsgeschichte "
Welterbe" erfuhr mit einer Meldung des Badischen Tagblatts vom 20. Februar 2007 ihr nächstes Kapitel. Zu lesen war, dass der Gemeinderat am 26. Februar über die Bewerbung diskutieren solle und dass der Freundeskreis Lichtentaler Allee e.V. die Bewerbung um Aufnahme in die UNESCO-Liste des Welterbes sponsere.

Im Beschlussvorschlag heißt es genau:

"Der Gemeinderat beschließt, dass die Verwaltung alle Anstrengungen unternimmt, dass Baden-Baden in die Vorschlagsliste als 'UNESCO-Weltkulturerbe' von deutscher Seite aufgenommen wird. Der Freundeskreis Lichtentaler Allee unterstütz die Stadt in diesem Bestreben."
Der Beschlussvorschlag wird durch Ausführungen ergänzt, die verdeutlichen, die Bewerbung werde unter dem Titel

"Die Bäderstadt des 19. Jahrhunderts"

erfolgen, mit den Unteraspekten
Bedeutung Baden-Badens bei der gesellschaftlichen Prägung
im 19. Jahrhundert
Garten- und Landschaftskunst
Bäder- und Kureinrichtungen

Weiter heißt es, ein Dossier müsse erarbeitet werden. Der Freundeskreis Lichtentaler Allee würde mit Unterstützung von Sponsoren die Kosten der Expertise (damit scheint das Dossier gemeint zu sein) tragen. Die Aufwendungen für diese wissenschaftliche Arbeit, welche den Löwenanteil der entstehenden Kosten ausmache, beliefen sich auf eine geschätzte Größenordnung von 200000 Euro.

Das ist eine Menge Geld, von welchem der Freundeskreis Lichtentaler Allee meint, es auftreiben zu können. Da mag sich mancher fragen, warum dieser im Jahr 2002 gegründete Freundeskreis sich eigentlich nicht stark gemacht hat, als es hieß,
der beliebte Kleingolfplatz werde aus Kostengründen nach der Fertigstellung eines Regenrückhaltebeckens unter seinem Areal doch nicht wieder angelegt. Diese einmalige 18-Löcher-Rasenanlage hat die Lichtentaler Allee seit 1928 geprägt und erfreute sich sehr großer Beliebtheit bei Einheimischen und Gästen, die entweder selbst ihr Putter-Glück versuchten oder teils anerkennend, teils amüsiert die auf dem schmucken, einsehbaren Platz Spielenden beobachteten.

Stattdessen will der Freundeskreis Geldgeber gewinnen, um eine wissenschaftliche Arbeit über die Bäderstadt des 19. Jahrhunderts erstellen zu lassen. Damit scheint das gesamte 19. Jahrhundert gemeint zu sein, das nun wahrlich reich an Überraschendem für die zugunsten Rastatts aufgegebene Residenzstadt des katholischen Teils der Markgrafschaft Baden gewesen ist. Zum einen entdeckten der Erbe dieses katholischen Teils,
Markgraf Karl Friedrich, und sein Baumeister Friedrich Weinbrenner, den Reiz des Städtchens und begannen mit dessen Um- und Ausbau mit Museum, Conversationshaus im ehemaligen Jesuitenkolleg, dem heutigen Rathaus, mit Ballsälen, Spielmöglichkeiten und Restauration und etlichem mehr. Zum anderen hatten die Folgen der Französischen Revolution und der napoleonischen Kriege das Ergebnis gezeitigt, dass die ehemalige Markgrafschaft Baden über den Status des Kurfürstentums zum Großherzogtum aufstieg und in ihrer Position als durchgehender Pufferstaat zu Frankreich an der rechtsrheinischen Seite die Aufmerksamkeit der europäischen Kaiser-, Königs- und Fürstenhäuser auf sich zog.

Da Karl Friedrich Baden-Baden zu seiner Sommerresidenz machte, blieb es infolgedessen nicht aus, dass sich zunehmend berühmte und einflussreiche Menschen für kurze oder längere Zeit im Oostal aufhielten. Auch nach Großherzog Karl Friedrichs Tod blieb Baden-Baden für seine Nachfolger attraktiv. Sein Sohn Ludwig, von 1818 bis 1830 an der Regierung, sorgte für die Anlage eines ganz neuen Kurviertels außerhalb der Stadt, das heute noch mit Kurhaus, Kurgarten und Trinkhalle imponiert. Dessen Nachfolger
Großherzog Leopold wiederum verpachtete das neue Conversationshaus, das heutige Kurhaus, 1838 an Jean Jacques Bénazet, wodurch das gesellschaftliche Leben der Stadt einen unvergleichlichen Aufschwung erfuhr. Nicht auszudenken, wie sich die Stadt entwickelt hätte, wäre 1837 in Frankreich nicht das Glücksspiel verboten worden, und wären infolgedessen weder Jean Jacques Bénazet noch sein Sohn Oscar Edouard, zum "Roi de Bade" avanciert, in Baden-Baden aktiv geworden.

Wären die Preußen dem badischen Herrscherhaus während der
badischen Revolution nicht zu Hilfe geeilt, hätte der damalige preußische Kronprinz Wilhelm vermutlich kaum sein Herz für Baden-Baden entdeckt, woraus eine fast vierzigjährige Treue zur Kurstadt entstand, die sicherlich ebenfalls magnetische Wirkungen auf alles, was Rang und Namen in deutschen und europäischen Fürstenhäusern hatte, ausübte. Damit einhergehend eine Vielzahl an Künstlern und Geschäftemachern, die sich dem saisonalen Treiben in der europäischen "Capitale d'été" nicht entziehen wollten.

Daher kann sich schon die Frage stellen:

Wer prägte wen?

Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts die Stadt, oder die Stadt die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts?

Derlei wissenschaftlich aufzuarbeiten, erscheint müßig, denn Europas Sommerhauptstadt für gerade einmal ein Vierteljahrhundert verlor an Anziehungskraft, als der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 ausbrach in dessen Folge eben jener preußische Kronprinz Wilhelm, mittlerweile preußischer König, in Schloss Versailles zum deutschen Kaiser gekrönt worden war.

Als "zu allem Überfluss" in Deutschland das Glücksspiel verboten wurde, blieb der Stadt nur noch, mit ihrer einzigartigen Lage, der nicht minder einzigartigen
Lichtentaler Allee, in der viele Große der Vergangenheit lustwandelten, und ihren Thermalquellen zu werben. Letztere gewannen an Gewicht und ließen das Friedrichsbad und das Augustabad werden. Da war das 19. Jahrhundert allerdings schon fast am Ende angelangt und die kurze Zeitspanne dessen, warum Baden-Baden welterbewürdig sein soll, war vergangen.

Vergangen ist seither jedoch nicht, dass Baden-Baden als - neudeutsch - Tourismusort weiter bestehen bleiben und vermarktet werden sollte. Hierfür wurden immer neue Zielgruppen ausgeguckt und umworben - auch in der Neuzeit. Die jüngste entdeckte Zielgruppe sind
die Inder. Dem Freundeskreis der Lichtentaler Allee soll an dieser Stelle indes nicht unterstellt werden, mit seiner Bewerbungsunterstützung darauf abzuzielen, den Indern künftig die Verbindung zwischen Baden-Baden und dem Subkontinent dadurch plausibel machen zu können, dass Baden-Baden bei der UNESCO den gleichen Status einnehme wie ihr Taj Mahal.

Vielleicht empfänden es die Inder und andere potenzielle Gäste Baden-Badens indes ausgesprochen angenehm, in der Lichtentaler Allee einem nicht überall zu findenden Zeitvertreib nachgehen zu können, wodurch der Gedanke an Gewicht gewinnt, den
Kleingolfplatz als direkt umsetzbare Werbeattraktion so schnell wie möglich wieder einzurichten.

Rika Wettstein, Februar 2007



Der Baden-Badener Gemeinderat ist dem Beschlussvorschlag der Verwaltung am 26. Februar nicht gefolgt, sondern soll "nach dem Willen der Verwaltung" (BT, 27.02.2007) am 26. März 2007 über eine Bewerbung entscheiden. Professor de Jong hat am 26. März den Gemeinderat über das Bewerbungsverfahren und die Kriterien der UNESCO informiert.

De Jong: Um in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen zu werden, müsse Baden-Baden seine universale Bedeutung als Bäderstadt des 19. Jahrhunderts nachweisen, und zwar im Vergleich mit anderen Kurorten in ganz Europa.



Auch Wiesbaden will sich bewerben

In einer Sitzung am Dienstag, 16. Januar 2007, hat der Magistrat der Landeshauptstadt Wiesbaden die Programmpunkte für "Jahr des Historismus 2007" festgelegt und damit den Startschuss für die Bewerbung Wiesbadens als UNESCO-Weltkulturerbe gegeben.

Wer beide Kurstädte kennt, die ehemalige "Weltkurstadt" Wiesbaden und die ehemalige "Sommerhauptstadt Europas" Baden-Baden, dem dürfte es nicht schwerfallen vorauszusagen, welche der beiden Städte die besseren Chancen auf Erlangung des Welterbestatus hat.

Wiesbaden – Von der Weltkurstadt zum Unesco-Weltkulturerbe

Wiesbaden bei WIKIPEDIA

Wiesbadens Bewerbung um die Aufnahme in die Welterbeliste erhält Unterstützung durch einen wohl gelungenen Bildband



In der Gemeinderatssitzung vom 26. März 2007 stand der Heidelberger Bürgermeister Raban von der Malsburg dem Gremium Rede und Antwort, nachdem er über den "langen und schwierigen Weg" (BT, 27.03.2007), den seine Stadt bisher wegen der Bewerbung um die Aufnahme in die UNSESCO-Welterbeliste zurückgelegte, berichtet hat. Die Kosten für Bewerbung seiner Stadt, die 1993 erfolgte, bezifferte er dabei auf 410000 Euro, wovon 110000 Euro auf Sachmittel und der Rest auf Personalkosten entfallen seien. Eine Entscheidung des Baden-Badener Gemeinderats soll nach dem Wunsch des Baden-Badener Oberbürgermeisters, der vom Welterbe als Vision sprach, in der Sitzung vom 23. April fallen.



Der Beschluss des Gemeinderats zum Weltkulturerbe fällt erst am 21. Mai. Wie Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner gegenüber den BNN erklärte, wird er in der Sitzung am Montag nicht anwesend sein. „Bei diesem Beschluss wäre ich schon gerne dabei“, so Gerstner. (BNN, 21.4.2007) OB Gerstner hält sich am 23. April in Moskau auf, wo er "die Stadt Baden-Baden für
touristische Zwecke repräsentieren" will.

Am 21. Mai 2007 votierte der Gemeinderat mehrheitlich für eine Bewerbung.


Vorläufige Liste der Kultur- und Naturgüter, die bis 2010 von der Bundesrepublik Deutschland zur Aufnahme in die UNESCO-Liste des Kultur- und Naturerbes der Welt angemeldet werden sollen:

Heidelberg, Altstadt und Schloss (abgewiesen, muss Bewerbung nachbessern)
Schwetzingen, Schloss und Schlossgarten
Bayreuth, Markgräfliches Opernhaus
Berlin, Siedlungen der Weimarer Republik
Hamburg, Das "Chile-Haus"
Kassel, Bergpark Wilhelmshöhe
Goslar, Oberharzer Wasserwirtschaft
Schleswig-Holstein, Wattenmeer
Niedersachsen, Kulturlandschaft, Naturdenkmal
Alfeld, Faguswerke
Corvey, Abtei/Kloster
Sachsen, Erzgebirge Montan- und Kulturlandschaft
Halle, Franckesche Stiftungen
Naumburg, Dom

Weitere Kandidaten:
Donaulandschaft zwischen Straubing und Vilshofen
Erfurt, Luther-Stätten
Schorfheide-Chorin, Grumsiner Forst
Wiesbaden


Die Liste des Welterbekomitee der UNESCO enthält 32 Kultur- und Naturdenkmäler aus Deutschland.
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