Was wäre Baden-Baden
ohne seine Bürger?

Ein Fremder befreite die niedersächsische Stadt Hameln vor langer, langer Zeit von einer lästigen Rattenplage und musste auf den vereinbarten Lohn verzichten, weil sich die Stadtlenker nach erfolgreichem Abschluss der Aktion eines anderen besonnen hatten. Er rächte sich bitter, indem er die Kinder auf Nimmerwiedersehen aus der Stadt führte.

Ein Plagenbeheber wäre für Baden-Baden sicherlich vonnöten und von Vorteil. Nur - sollte es jener aus Hameln sein, würde er sich sicherlich an das ihm angetane Unrecht erinnern und sich kein weiteres Mal einer solchen Schmach aussetzen wollen.

Er könnte allerdings auf die Idee kommen, nicht die Stadt von ihren Plagen zu befreien, sondern den geplagten Bürgern Hilfe zuteil werden zu lassen.

Und die sähe dann so aus:
Seine glaubhafte Schilderung eines Ortes, an welchem keine Bürgerstiftung gegründet werden oder ein Freundeskreis zum Schutz der Lichtentaler Allee gebildet werden muss, an welchem Fördervereine für Schulen überflüssig sind, weil diese bestens und zweckentsprechend ausgestattet wurden, ebenso wie Bürgerinitiativen zur Erhaltung altbewährter und lieb gewordener Freizeiteinrichtungen nicht ins Leben gerufen werden müssen, begeistert die Bürger. Ihr Entschluss, mit dem Fremden zu ziehen, fällt letztendlich ob der Tatsache, dass ihnen an jenem Ort, zu welchem er sie geleiten will, niemand im Brustton tiefster Überzeugung versichert, die Bürger müssen Opfer bringen und den Gürtel enger schnallen, während gleichzeitig auswärtige Einrichtungen mit Geldsegen bedacht werden.

Und die Bürger verlassen mit dem Fremden die Kurstadt, um sich zu jenem verheißungsvollen Ort zu begeben. Lediglich die Stadtlenker und Funktionäre bleiben zurück.

Die freuen sich zuerst, dass sie die lästigen Bürger los sind. Aber ziemlich bald dämmert es den ersten, was sie sich da eingebrockt haben. Strom und Wasser stehen nicht mehr wie gewohnt zur Verfügung, der Müll türmt sich, kein Bäcker oder Metzger stellt die tägliche Lebensmittelversorgung sicher, kein Handwerker nimmt Reparaturen vor. Kurz, es kommt an allen Ecken und Enden zu schmerzlich spürbaren Engpässen.

Anfangs kommen die üblichen Gäste und Neugierige, welche die fast menschenleere Stadt erleben wollen, noch zuhauf. Die Versorgung der Hotels wird mehr oder weniger zufriedenstellend mittels auswärtiger Dienstleister organisiert. Nur - so ganz ohne heimisches Personal können die Hotels ihren Standard auch nicht halten.

Das Ansiedeln neuer Bürger ist beschwerlich und schier aussichtslos, da sich die Finanznot der Stadt durch die Abwanderung von mehr als 50000 Menschen ruinös verschlechtert hat, weswegen den wenigen Ansiedlungswilligen keine ordentliche Lebensperspektive geboten werden kann.

Zu guter letzt bekommen es die Stadtlenker und Funktionäre auch noch am eigenen Geldbeutel zu spüren, dass die Bürgerabgaben nicht mehr eingetrieben werden können, weil die Bürger, die auch ihr Salär finanziert haben, fehlen.

Jammern und Wehklagen beherrscht die Szene im lieblichen Oostal und die Stadt versinkt in einen Zustand, in welchem sie sich vergleichsweise nach der Zerstörung durch die Alemannen befunden hat.

Und die Moral von der Geschicht'?:
Missachtet bloß die Bürger nicht!


Rika Wettstein, November 2002


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