Baden-Baden und die Besonderheiten

Es sollte etwas Besonderes, Futuristisches, werden, das im Jahr 2003 auf einen holprigen Entstehungsweg gebrachte so genannte
Fachmarktzentrum, das am 16. November 2006 eröffnet wurde. Es ist etwas Besonderes, ganz Eigenartiges geworden. Als Fachmarktzentrum wird es wohl kaum mehr eingestuft werden können. Allein elf Gastronomiebetriebe und eine "Entertainment"-Einrichtung, die dort untergebracht sind, lassen sich wohl kaum als großflächige Einzelhandelsgeschäfte mit einem breiten und tiefen Sortiment einer bestimmten Branche, die ein Fachmarktzentrum definitionsgemäß ausmachen, erkennen.

Der zur Eröffnung verteilte Lageplan verdeutlicht die Abkehr vom ursprünglichen Konzept. Im rechten Rundbau des Lageplans stehen dem dort zu findenden einzigen großflächigen Edeka-Scheck-in-Center 18 mittel- und kleinflächige Segmente gegenüber. Das zweite großflächige Einzelhandelsgeschäft im zweiten Rundbau ist mit knapp 3000 Quadratmetern Verkaufsfläche der 215. Media-Markt in Deutschland, der mit dem bundesweit bekannten Slogan "Ich bin doch nicht blöd." wirbt.

Ist man nun blöd, wenn man der Meinung ist, das Fachmarktzentrum habe sich auf wundersame Weise in ein Einkaufszentrum gewandelt oder ist man es nicht? Diese Frage stellt sich unbedingt, denn allenthalben wird nach wie vor von einem Fachmarktzentrum geredet und geschrieben. Man scheint allgemein mit dessen atypischem Charakter zufrieden zu sein. Auch damit, dass beispielsweise Einzelhändler, die vorher in der Baden-Badener Innenstadt ihre Waren angeboten haben, diese verlassen haben, um in "Shopping Cité" ihr geschäftliches Glück zu suchen.

"Shopping Cité" wurde das Zwillingsgebilde von den Investoren getauft. Der Volksmund nennt es von der Ursprungsarchitektur her abgeleitet "Ufo". Letzteres gefällt
Manfred Gotta, renommierter Entwickler weltbekannter Markennamen, ebenso wenig wie "Shopping Cité". Dies lies er bereits ein Jahr vor dessen Eröffnung uns gegenüber verlauten und wiederholte es gegenüber den Badischen Neuesten Nachrichten, wie am 17. November 2006 zu erfahren war: "Mit einem eigenen Vorschlag kann und will der Schöpfer richtig guter Namen nicht aufwarten, denn dafür brauchte er ein Konzept und Zeit. Und schließlich hat ihn ja auch niemand gefragt."

Manfred Gotta

Demnach ist unserer Anregung, den Meister einprägsamer Markennamen zu konsultieren, seitens der Investoren offenbar nicht Folge geleistet worden. Shopping bedeutet buying in shops, also den Vorgang des Einkaufens, ist in einschlägigen Wörterbüchern zu erfahren. Cité hat die Bedeutung von Stadtkern, Altstadt oder großer Wohnhaussiedlung. Altstadt oder Stadtkern kann an der Westzufahrt zur Stadt wohl nicht ausgemacht werden. Die mit "Cité" mit unterschiedlichen Anhängseln wie "Paris" oder "Normandie" bezeichneten ehemaligen Wohnsiedlungen der französischen Armeemitglieder und ihrer Angehöriger lagen um das Kasernengelände, an dessen Stelle "Shopping Cité" entstanden ist, herum. Mag sein, dass an sie erinnert werden soll, denn eine "Siedlung zum Einkaufen" stellen die beiden mit einer Querspange verbundenen Rundkörper ebenfalls nicht dar.


Abenteuerliche Wortschöpfungen

Der Name "Shopping Cité" eröffnet ein weites Feld für abenteuerliche Wortkreationen.


Die Konsumenten schreckte der Name offenbar nicht. Sie kamen am Eröffnungstag in großer Zahl, wobei sich auch hier Eigenartiges in der Berichterstattung tat. Die Lokalpresse informierte über rund 25000 Neugierige und Kaufwillige, die nach Repräsentantenaussage zu verzeichnen waren, während eine Anzeige des Media Markts im Badischen Tagblatt vom 17.11.2006 von 15000 Besuchern kündete. Morgens um 6.00 Uhr hatte der Markt geöffnet um 20.00 Uhr war Ladenschluss. Kaum vorstellbar ist, dass 10000 Besucher keinen Blick in den Media Markt geworfen haben.

Anders betrachtet: 800 PKW-Stellplätze sind vorhanden. Die Mehrzahl der Premierengäste wird vermutlich schon wegen der komfortablen Abtransportmöglichkeit mit dem Auto gekommen sein. Veranschlagt man pro PKW zwei Personen, so wären im Fall der 25000 Besucher während der 14stündigen Öffnungszeit 12500 PKW unterzubringen gewesen, im zweiten Fall 7500. Pro Stunde wären also im Fall eins durchschnittlich 892 Stellplätze belegt gewesen, im Fall zwei 536. Die Media Markt-Zahlen erscheinen realistischer, getreu dessen Hausmotto: "Ich bin doch nicht blöd."

OB Wolfgang Gerstner

Eröffnung des "Fachmarkt-Zentrums": OB Wolfgang Gerstner in Aktion
Abb. © Shopping Cité


Es waren jedenfalls viele Menschen gekommen. Ob die Besucher des Einkaufstempels der Innenstadt verloren gehen, konnte am ersten Geschäftstag niemand abschätzen. Oberbürgermeister Wolfgang Gerstner gab in seiner Eröffnungsrede den Auftrag: "vergessen Sie unsere Innenstadt nicht." (BT, 17.11.2006)

Manch Einheimischer wird sich bei der Lektüre dieser Worte gedacht haben, dass die Innenstadt von Durchschnittsbürgern schon längst vergessen worden werden konnte oder gar musste. Das einstmals vielfältige Einkaufsangebot der Innenstadt ist im Laufe der Zeit für die Einheimischen immer uninteressanter geworden. Freilich ist dies von ihnen mitzuverantworten. Denn wer fuhr in den 1960er Jahren nicht bis nach Kuppenheim, als dort ein großes Einkaufszentrum eröffnet wurde? Oder wer lenkte und lenkt seit den 1970er Jahren sein Auto nicht regelmäßig zum Grüne-Wiese-Markt in Sinzheim?

Die Baden-Badener Einzelhändler, die ihr Angebot nicht auf Gäste, sondern auf ihre Mitbürger zugeschnitten hatten, hatten das Nachsehen. Die Innenstadtgeschäfte, die mit der Vorstellung geführt wurden, hochpreisige Ware brauche die Stadt, wurden von der Mehrzahl der Baden-Badener ohnehin kaum oder gar nicht betreten.

Betretene Gesichter machten sich jedoch allmählich breit, als die für die schnellen Gänge so wichtigen Läden schlossen, der Milchladen am Sonnenplatz, der Lebensmittelladen unterhalb des Rathauses, die geschätzten Porzellan- und Haushaltswarengeschäfte in der Lange Straße und der Gernsbacher Straße und so weiter und so fort. Zugegeben, die meisten konnten nicht mit Familienangehörigen weiter betrieben werden, weil sich Töchter und Söhne fern von der Alltagsplackerei im Einzelhandel orientiert hatten. Fachnachfolger waren zudem aus unterschiedlichen Gründen, wie der Kosten, der Standortbedingungen, der geringen Renditeaussichten, auch nicht zu finden.

Allmählich begann der gesamte innerstädtische Einzelhandel zu kränkeln. Denn wer sich schon einmal ins Auto gesetzt hatte, um außerhalb einzukaufen, besorgte gleich Mäntel und Schuhe für die Kinder und andere Dinge, die in der Innenstadt noch zu kaufen waren, mit. Statt dass man an Stelle der Händlergemeinschaft selbst oder auch gemeinsam mit den Stadtverantwortlichen gegenzusteuern begann, gab es kein oder nur ein geringes Miteinander. Das alljährliche Gerangel um die Verteilung der Kosten für die Weihnachtsbeleuchtung spricht eine beredte Sprache.

Eine weitere Baden-Badener Besonderheit stellen die Interessenvertretungen der Innenstadteinzelhändler dar. Die einen gehören dem Einzelhandelsverband an, die anderen einer Aktionsgemeinschaft der Einzelhändler und wiederum andere sind nicht organisiert. Die keineswegs erfreuliche Entwicklung des innerstädtischen Einzelhandels ließ zwar Interessenvertreter und auch für sich vortragende Händler Forderungen nach Abhilfe stellen. Ein gemeinsames Konzept, um der Abwärtsentwicklung entgegenzuwirken, stand jedoch nicht zur Debatte. Selbst dann nicht, als dem Einkaufsgebilde auf dem ehemaligen Kasernengelände in Baden-Oos grünes Licht gegeben worden war.

Und die Politiker, die dieses grüne Licht mit angeknipst hatten, was taten sie aktiv für den Innenstadthandel? Sie wollten die "Ufo"-Investoren verpflichten, keine innenstadtrelevanten Waren zum Verkauf zuzulassen.

Die Realität hat nun alle eingeholt.

Mag sein, dass sich deshalb eigenartiger- und ungewohnterweise kein einziger Stadtparlamentarier vor der Eröffnung des Einkaufstempels, an dessen Eröffnungstag oder kurz danach zu dessen Bedeutung geäußert hat. Wenn doch, wurde wohl darauf gedrungen, dass keine Äußerungen in die Zeitung kommen. Außer von Oberbürgermeister Gerstner war nichts zu lesen. Dieser kann, da erst seit wenigen Monaten im Amt, getrost für sich in Anspruch nehmen, er habe mit dem Entstehungsprozess von "Shopping Cité" nichts zu tun.

Am Abend vor dessen Eröffnung nahm er an einem Informationsabend mit dem Titel "Handeln für die Innenstadt" teil, wozu Stadtverwaltung, Einzelhandelsverband und Aktionsgemeinschaft geladen hatten. Und siehe da, ein gemeinsames Vorgehen wurde auf den Schild gehoben. Ein neu zu gründender Verein "Baden-Badener Innenstadt" (BBI) soll alle für die Innenstadt bedeutsamen und an der Stärkung der Innenstadt interessierten Kräfte bündeln, um das wirtschaftliche Wachstum zu fördern. Da dieses Vorhaben mit der Überschrift "Druck aus der Cité schweißt Innenstadt zusammen" (BNN, 16.11.2006) versehen war, kann dem Konkurrenzgebilde in Oos eine gewisse heilsame Wirkung nicht abgesprochen werden, da derlei Gemeinsamkeitsbestrebungen schon wesentlich früher hätten bekundet und verwirklicht werden können und müssen.

Begleitet wird dieser Aha-Effekt allerdings von auf Erfahrung beruhender Skepsis, ob der Vorsatz der Gemeinsamkeit auch tatsächlich umgesetzt wird. Dieses Gemeinsamkeitsbestreben könnte sogar noch eine Steigerung erfahren, nämlich dann, wenn gemeinsam das Wohl der Gesamtstadt in den Blick gefasst würde und in die Vorgehens- und Entwicklungsüberlegungen neben der Innenstadt und "Shopping Cité" auch die weiteren Stadtteile mit eingebunden würden mit dem Ziel, Gesamt-Baden-Baden für Einheimische und Gäste in jeder Hinsicht so anziehungskräftig wie nur möglich zu gestalten, und zwar für jeden Geschmack, jeden Geldbeutel und jedes Alter.

Ein solches realitätsbezogenes und realisierbares Gesamtkonzept wäre wahrlich ein Novum, eine kostbare Besonderheit, und wäre eigentlich dem Fachmarkt-Einkaufszentrum zu verdanken. Wenn dieses dann noch einen anderen Namen erhielte…

Rika Wettstein, November 2006



Ein Artikel im Badischen Tagblatt vom 24. Februar 2007 informiert über den geplanten Verkauf des Fachmarktzentrums an eine angesehene Betreibergesellschaft. Diese noch nicht namentlich genannte Gesellschaft werde sich "langfristig" binden und das "Shopping Cité" am Markt attraktiv entwickeln.

Zitiert wird unter anderem Werner Hirth, Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Cité: "Es war von Anfang an realistisch, dass der Investor wechselt." Am Gesamtkonzept werde sich nichts ändern: "Die Verträge sind wasserdicht und auf Dauer gesichert."



Am 1. März 2007 war die Verkaufsbestätigung im BadischenTagblatt zu lesen.

Der von Henderson Global Investors (London) aufgelegte Immobilienfonds Herald (Luxemburg) hat die Anteile des Investors Apollo Real Estate Advisors (New York) gekauft. Der bisherige Co-Investor Redos Real Estate GmbH (Hamburg) hält weiter eine Minderheitsbeteiligung.

Der Geschäftsführer der Frankfurter Henderson-Niederlassung wird wie folgt zitiert: "Unsere internationalen institutionellen Anleger wird es freuen, dass wir für unseren Fonds eine solch vielversprechende Immobilie in Deutschland gefunden haben."

Und Baden-Badens OB:
"Wir gehen davon aus, dass die Verträge auch von den neuen Investoren eingehalten werden." Er hoffe auf eine "weiter vertrauensvolle Zusammenarbeit". Es sei zudem "wünschenswert", dass "Shopping Cité" und Innenstadt-Handel "ein bisschen zusammenrücken", so Gerstner: "Wir sind ein Marktplatz." Es gelte, Synergieeffekte zu nutzen.



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