Baden-Baden, der Fremdenverkehr und die Aussichten

Das im Entstehen begriffene Hotel in der Nähe der westlichen Zufahrt zum Michaelstunnel bringt nicht nur seit Monaten erhebliche Verkehrsbehinderungen mit sich, sondern bereitet so manchem Hotelier, der ein Hotel der Drei-Sterne-Kategorie führt, Bauchschmerzen und unruhige Nächte. Diese Beschwerden haben ab Ende Oktober noch zugenommen, als die Lokalpresse wissen ließ, der städtische Bau- und Umweltausschuss habe am 19. Oktober 2006 zwei weiteren Konkurrenzprojekten zugestimmt. Einmal soll die ehemalige Zigarettenfabrik Batschari zu einem Wohn- und Boardinghaus mit 84 Wohnungen und 57 Apartments für Geschäftsreisende umgebaut werden. Zum anderen soll auf der so genannten Bäderwiese ein mehrgeschossiges Suitenhotel und Dormanhouse entstehen, wovon fünf Geschosse zu 30 Prozent als Wohnungen und zu 70 Prozent aus einer Kombination von "traditioneller Hotellerie und komfortablen Appartements" (BT, 20.10.2006) konzipiert sind.

Diese beiden Projekte bedeuteten eine weitere beträchtliche Ausdehnung des Übernachtungsangebots, weswegen eine auf Zahlen beschränkte Bedarfsanalyse sinnvoll erscheint.

Der amtlichen Statistik des Landes Baden-Württemberg zufolge lag im Jahr 2005 das Bettenangebot vom einfachsten Hotel bis zu dem der gehobenen Luxusklasse bei 4352 Betten mit einer Auslastung von 45,1 Prozent. Dies bedeutet, dass jedes Hotelbett in Baden-Baden auf jeden Fall jeden zweiten Tag leer stand.

Im Frühjahr des Jahres 2007 soll das im Augenblick im Bau befindliche Hotel eröffnet werden, und zwar mit einem Angebot von 66 Doppelzimmern und 42 Einzelzimmern. Das Gesamtbettenangebot wird sich demzufolge um 174 Betten erhöhen.

Nun bewegt sich die Bettenauslastung seit Jahrzehnten bei unter 50 Prozent, trotz des 1998 in Betrieb genommenen
Festspielhauses und trotz des im Jahr 2004 eingeweihten Museums Frieder Burda. Beide sind zwar für das kulturelle Leben in der Stadt von nicht zu unterschätzender Bedeutung, haben aber entweder die Anzahl der Übernachtungswilligen nicht steigern können, oder aber dazu beigetragen, dass sich die Übernachtungszahlen nicht noch rückläufiger entwickelt haben.

Es kann also davon ausgegangen werden, dass trotz der Vielfalt des hiesigen Bäder-, Kultur-, Sport- und Freizeitgestaltungsangebots die Übernachtungszahlen nicht merklich zunehmen werden. Insofern scheint das Orientieren an den Zahlen des Jahres 2005 nicht unrealistisch. Der zu verteilende "Übernachtungskuchen" wird sich ab dem kommenden Jahr auf 4526 Betten statt auf bisher 4352 Betten beziehen. Für alle Betten bedeutet dies, dass die 704356 Übernachtungen des Jahres 2005 die durchschnittliche Bettenauslastung von 45,1 Prozent auf 42,6 Prozent drücken werden.

Betrachtet man die Situation der Hotels, die in der so genannten Business Class angesiedelt sind und entweder mit drei Sternen versehen oder noch nicht klassifiziert sind und geht man von 755 Betten in dieser Kategorie aus, so wird das neue Drei-Sterne-Hotel, sollte es eine Auslastung von 45,1 Prozent erfahren können, die Bettenauslastung für diese Häuser auf 34,6 Prozent reduzieren. 34,6 Prozent Auslastung sind gerade einmal eine gute Hälfte dessen, was einer Faustregel zufolge die Wirtschaftlichkeit eines Übernachtungsbetriebs ausmacht.

Viele der Betriebe, die mit ihrer individuellen Bettenzahl weit unter der des neuen Hotels liegen, sind bereits jetzt wirtschaftlich stark gefährdet. Sollten ihre Betten nicht nur jeden zweiten Tag leer stehen, sondern jeden zweiten und jeden dritten Tag ist das Hotelsterben vorhersehbar.

Noch düsterer verhält sich die Situation bei den bestehenden Hotels, die mit drei Sternen klassifiziert sind. Mit ihrem knapp 500 Betten starken Angebot werden sie im Jahresdurchschnitt auf weniger als 30 Prozent Auslastung sinken.

Es kann sich angesichts dieser Zahlen durchaus der Gedanke aufdrängen, ob oder warum kein Verantwortungsträger für diese Stadt und speziell für die heimische Hotellerie diese Konsequenz des ruinösen Wettbewerbs erkannt hat, als es um die Zustimmung zu diesem Hotelprojekt ging. Hat sich den wirklich niemand gefragt, wie die 28580 zusätzlichen Übernachtungen erreicht werden können, die notwendig sind, um allen Hotelbetrieben ihre bisherige Auslastung zu sichern?

28580 zusätzliche Übernachtungen fordern bei einer Verweildauer von durchschnittlich 2,7 Tagen pro Gast eine Gästezunahme von mehr als 10000 pro Jahr, womit die im Jahr 2005 ermittelte Gästezahl um 4 Prozent zunehmen müsste. Derlei kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dem Bereich des Utopischen zugeordnet werden.

Und - wie bereits ausgeführt: Damit hätte sich die Situation der Hotellerie nicht verbessert, sondern es wäre gerade einmal der Sollzustand des Jahres 2005 mit einer Bettenauslastung von 45,1 Prozent erfüllt.

Die Entscheidung pro neuem Hotel ist gefallen. Das Hotel wird seine Pforten öffnen. Das ist Fakt. Es wird künftig bei den wirtschaftlichen Betrachtungen des hiesigen Hotelgewerbes zu berücksichtigen sein.

Dies ist ein Aspekt der kurzen Situationsanalyse. Der nächste ist, dass mindestens mehr als 10000 zusätzliche Übernachtungsgäste gewonnen werden müssen. Wie derlei bewerkstelligt werden kann, darüber mögen sich bitte diejenigen den Kopf zerbrechen, die einerseits neue Hotelbauten genehmigen und andrerseits vom "profitablen" Hotelgewerbe eine
Fremdenverkehrsabgabe fordern. Obwohl, wenn etliche Betriebe Gefahr laufen, konkurs zu gehen, hat sich dieses Thema für diese wohl erledigt.

Angesichts dieses Sachverhalts, sowie unter Berücksichtigung der Tatsache, dass auch das Traditionshotel "
Zum Hirsch" wieder in Betrieb genommen werden soll, und zwar als Drei-Sterne-Hotel, sollte genau überdacht und geprüft werden, inwieweit die Realisierung des geplanten Boardinghauses und des Suitenhotels in naher Zukunft der wirtschaftlichen Situation der heimischen Hotellerie weiter abträglich sein wird, bevor erneut nicht korrigierbare Tatsachen geschaffen werden.

Rika Wettstein, November 2006



Die Lokalpresse meldete am 30. November 2006 das Bad-Hotel zum Hirsch soll als Vier-Sterne Hotel im Spätsommer 2007 in Betrieb genommen werden. Die Zahl der Zimmer wird von 55 auf 71 erhöht.



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