Was wäre Baden-Baden
in Aufbruchstimmung?

"Wir brauchen eine neue Aufbruchstimmung." hat der Erste Bürgermeister Baden-Badens den Betriebs- und Personalräten am 1. Mai 2003 zugerufen und festgehalten: "Arbeitsplätze schaffen, steht ganz oben auf der Aufgabenliste der Stadt." (Badisches Tagblatt 2. Mai 2003)

Hat es in dieser Stadt jemals eine Aufbruchstimmung gegeben?

Diese Frage kann getrost mit "nein" beantwortet werden. Im Oostal wurde und wird eher reagiert als "aufgebrochen".

Die Bedeutung der Stadt im 19. Jahrhundert war mehr dem Zufall zu verdanken als geschickter Stadtpolitik. Hätte der von chronischem Geldmangel geplagte
Markgraf Georg Ludwig nicht die Spielbanklizenz erteilt, wäre in Frankreich nicht ein Spielbankenverbot ergangen, wäre der preußische Kronprinz Wilhelm anlässlich der Zerschlagung der badischen Revolution im Jahr 1849 nicht in Baden-Baden gelandet und hätte er nicht Gefallen an dem Ort gefunden, wären weder die Chaberts und Bénazets noch der gesamte europäische Adel samt Minister- und Bedienstetentross im beschaulichen Städtchen am Westausläufer des Schwarzwalds gelandet.

Dem Auf und Ab des Welt-, National- und Stadtgeschehens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgte unter französischer Aufsicht der Aufbau der Kurstadt Baden-Baden unter
Ernst Schlapper.

Dann tat sich nicht mehr viel. Seither wird mit unterschiedlichsten, meist fruchtlosen Strategien um Übernachtungsgäste gebuhlt und mit "trendy" Maßnahmen, wie z.B. Fußgängerzonen und Hochseilgarten, das Stadtimage aufgepeppt.

Aufbruchstimmung - Als die Franzosen im Juli 1996 beschlossen, den größten Teil ihrer NATO-Truppen aus Deutschland abzuziehen, zeichnete sich ab, dass ein Riesengelände zur Leblosigkeit verdammt wäre, wenn nicht schnellstmöglich mit einem durchführbaren Konzept für die weitere Belebung der so genannten Cité, dem Franzosenviertel, gesorgt würde.

Zur Jahrtausendwende war es dann so weit: Die Cité war verkommen und außer der
Medien- und Event-Akademie und einigen wenigen Betrieben und Privatpersonen war auf dem Areal außer vor sich hin rottenden Gebäuden nichts und niemand mehr zu finden. Der Aufbruch in ein Erfolg versprechendes buntes Gemisch aus Privat- und Geschäftsleuten war mangels Ideen und Engagement ausgeblieben. Ein Ende dieses Zustands ist nicht abzusehen.

Die hiesige Hotellerie und Gastronomie, die Kosmetik- und Pharmafirmen hätten möglicherweise Impulse zum Aufbruch geben können, wenn deren Denkanstöße gefragt gewesen wären.

Schon längst hätte Baden-Baden zu einem Gastronomiezentrum erster Güte ausgebaut werden können mit einem hochklassigen Weiterbildungsangebot zum Küchenmeister oder Serviermeister und Fortbildungsmöglichkeiten für alle Bediensteten im gastronomischen Bereich Deutschlands und Europas. Die Hotellerie, der Hotel- und Gaststättenverband und die Industrie- und Handelskammer wären die geeigneten Ansprechpartner und Mitinitiatoren eines solchen Projekts gewesen.

Bis vor wenigen Jahren hatte die renommierte Kosmetik-Zeitschrift "
Kosmetik International" ihren Sitz in der Kurstadt. Es hätte sich nichts Besseres anbieten können, als gemeinsam mit den alteingesessenen Kosmetikfirmen Juvena und Sans Soucis noch vor der großen Wellness-Welle der 1990er Jahre das Ziel "Baden-Baden, der Kosmetik-Standort Deutschlands" anzusteuern. Die Firmen sind vor Ort, das Kongresshaus ist vorhanden, ebenso das Friedrichsbad und die Caracalla-Therme. Von Aufbruch in diese Richtung war nie etwas zu spüren, obwohl die "Schätze" vorhanden sind.

Heel, der weltweit bekannte Hersteller homöopathischer Heilmittel zur Entgiftung des menschlichen Körpers und Cesra mit den pflanzlichen Arzneimitteln im Angebot produzieren seit Jahrzehnten in Baden-Baden. Der Fachverband Deutscher Heilpraktiker e.V. lädt seit 35 Jahren zu einem viel beachteten Kongress, der etwa 1000 Besucher alljährlich nach Baden-Baden lockt. Der baden-württembergische Landesverband des Fachverbandes hat seinen Sitz in der Kurstadt, bildet in einer eigenen Schule Heilpraktiker aus und bietet ganzjährig Fortbildungsseminare an. Was läge näher, als sich mit der Idee, Baden-Baden zum Zentrum der Naturheilkunde in Deutschland auszubauen, auseinanderzusetzen?

Von den Stadtstrategen wurde noch nie ein Wort in Richtung Gastronomie-, Kosmetik- oder Naturheilkundezentrum vernommen, obwohl dies alles wunderbar zum
altehrwürdigen Heilbad und zum Trend "Wohlfühlstadt" passt und sicherlich auch Arbeitsplätze schaffte.

Mit der Auseinandersetzung mit diesen Denkanstößen und einer möglichen Umsetzung könnte auch eine Belebung und Aufwertung der Cité einhergehen und kein innerstädtischer Einzelhändler müsste sich durch die Realisierung solcher Projekte in seiner Existenz bedroht fühlen.

In Baden-Baden könnte sich tatsächlich erstmals eine echte Aufbruchstimmung mit Erfolg versprechender Perspektive einstellen.

Rika Wettstein, Mai 2003



Der Erste Bürgermeister Baden-Badens kandidiert
für die Wahl zum Oberbürgermeister der Kurstadt am 12. März 2006. Dem Badischen Tagblatt vom 12. Januar 2006 ist seine Meinung zu entnehmen, zu seinem Programm passe am besten das Motto: "Aufbruchstimmung für Baden-Baden".


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