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Jeder, der nach Baden-Baden kommt,
wird feststellen, dass die Kernstadt ein Ort der
kurzen Wege ist. Kurhaus, Bäder, Geschäfte und andere Ziele sind bequem zu
Fuß zu erreichen.
Begleiten Sie uns auf einem Spaziergang, der
speziell auf russische Gäste zugeschnitten
ist, die über die russische Vergangenheit der
Stadt und über Aktuelles informiert werden
wollen.
Beginnen wir die Promenade im Kurgarten vor jenem
Gebäude, das im 19. Jahrhundert
Conversationshaus genannt wurde und neben der
Möglichkeit der geselligen Unterhaltung auch
die des von vielen Russen favorisierten
Glücksspiels bot. Im heutigen Kurhaus und
auf dem Platz davor traf sich alles, was Rang und
Namen hatte. Auf dem sonnenüberfluteten Platz
wurden elegante Damen von wohl erzogenen Herren am
Arm geleitet. Gepflegte Gespräche wurden
geführt oder man lauschte dem Spiel des
Orchesters im Musik-Kiosk. Hier hat sich kaum
etwas verändert, lediglich der Musik-Kiosk
musste weichen und wurde durch eine Konzertmuschel
ersetzt.
Kehren wir dem Kurhaus den Rücken und blicken
auf die andere Seite der Oos, so erkennen wir nicht
nur die die Altstadt überragende Stiftskirche,
sondern auch in nächster Nähe das
Hotel "Europäischer
Hof",
das früher für viele Russen Anlaufstelle
war und auch heute ein besonderes Interesse an
Russen zeigt. Früher logierten neben vielen
anderen die Herren Gogol, Gontscharow, Gortschakow und Turgenjew in diesem erstklassigen Hotel.
Heute erinnert man sich dort gern an jene Zeit und
hat einen "Russischen Salon" mit allerlei Andenken
eingerichtet.
Wir verlassen den Kurgarten und schlendern durch
die Kolonnaden, in denen in vielen hübschen,
kleinen Geschäften ein vielfältiges
Angebot bereitgehalten wird. Die vorzüglichen
Zigarren und
Zigaretten des
Heinrich Reinboldt sind nicht mehr dabei.
Das "Hôtel
d'Angleterre",
jenseits der Oos gegenüber den Kolonnaden, in
welchem unter anderem im Jahr 1847
Großfürst Alexander Nikolajew Romanow
Hof hielt und das Ehepaar Menschikow die
Umgestaltung seiner Villa abwartete, gibt es
ebenfalls nicht mehr.
Wenden wir uns nach rechts und folgen dem Lauf der
dort beginnenden Lichtentaler Allee. Das Stück, welches wir
passieren, hat sich im Laufe der Zeit zur
Kulturmeile Baden-Badens entwickelt. Das
Theater
macht den Anfang und nach einigen Metern folgt das
Gebäude des Internationalen Clubs, Symbol
für die Kultur des Glückspiels, bzw.
dessen Ersatzes. Zwei hochrangige Russen, die
Fürsten Nikolaj Gagarin und Wladimir
Menschikow, waren 1872 Gründungsmitglieder des
Vereins, der ins Leben gerufen wurde, weil die
Spielbanken in Deutschland verboten worden
waren.
Die Kunsthalle, welcher der Neubau für die
Sammlung Frieder Burda angegliedert ist, folgt als
nächstes. Russischer Kunst und russischen
Künstlern wird von beiden Aufmerksamkeit
gewidmet, beispielsweise in der Kunsthalle mit der
Ausstellung "Russische Kunst heute" in den Monaten
Mai und Juni des Jahres 2004. Die Sammlung Frieder
Burda
enthält Werke von Alexej von Jawlensky und
Mark Rothko. Wiederum einige Meter weiter befindet
sich das so genannte "Alleehaus", in welchem die
Exponate der Stadtgeschichtlichen Sammlungen
untergebracht sind, darunter auch etliche
Stücke aus dem Besitz der markgräflichen
Familie, die zur russischen Zarenfamilie
familiäre Beziehungen pflegte.
Gegenüber dem "Alleehaus", jenseits der
Fremersbergstraße, hatte Fürst Wladimir
Menschikow auf einer Anhöhe sein Anwesen. Von
dort aus startete er mit seiner Schimmeltroika zu
seinen Aufsehen erregenden Schnellstfahrten in der
Lichtentaler Allee.
Wir können nun wählen: Wir machen einen
Abstecher in die Fremersbergstraße und
stellen uns vor, wie Iwan Turgenjew seine Schritte
hügelan gelenkt hat, um zum Haus der Viardots
zu kommen. Oder wir drehen uns gleich nach links,
um der Bertholdstraße zu folgen.
Wählen wir die Alternative
Fremersbergstraße gelangen wir zum Haus
Nummer 47, dem respektablen
Gebäude,
das für Iwan Turgenjew errichtet wurde. Es
befindet sich in Privatbesitz und ist der
Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wir
können uns auf dem Hin- und Rückweg
allerdings an einer ganzen Reihe architektonisch
beeindruckender Villen erfreuen.
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Wem
der Abstecher zur Villa Turgenjew zu beschwerlich
erscheint, der überquert die Oos und blickt
nach links in die Schillerstraße. Dort, wo
eines der besten Luxushotels der Welt, das
Brenner's Parkhotel &
Spa,
seine Gäste empfängt, worunter sich im
20. Jahrhundert auch Grigorij
Tschitscherin
befand, lebte Iwan Turgenjew, bevor er in seine
Villa zog. Gegenüber dem Hotel befand sich
seine Unterkunft, die nicht mehr existiert. An den
großen russischen Dichter erinnert allerdings
ein Nebenbau des "Brenner's", die "Residenz
Turgenjew".
Parallel zur Schillerstraße verläuft ein
Teilstück der Ludwig-Wilhelm-Straße. Wir
halten uns weiter auf der linken Straßenseite
der Bertholdstraße, gehen vom Gausplatz aus
einige Schritte in Richtung Stadtkirche und
gelangen vor das Haus Nr. 12, das im 19.
Jahrhundert die Nummer 6 trug. Alexander
Gortschakow hat dort kurze Zeit gelebt und ist dort
gestorben.
Wieder zurück auf der Bertholdstraße
empfiehlt sich, spätestens am Bertholdplatz
auf die rechte Straßenseite zu wechseln, wenn
wir die Russische
Kirche
näher betrachten wollen. Viele russische
Residenten haben im 19. Jahrhunderts sicherlich den
Weg genommen, den wir eingeschlagen haben, um zu
ihrem Gotteshaus zu kommen. Eine der großen
Förderinnen des Kirchenbaus war die
Fürstin Tatjana Gagarin, die in der Kirche
ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Ihre weit
verzweigte Familie hat gleich mehrfach Spuren im
Oostal hinterlassen. Eine Villa neben der
Klosterwiese gehörte den Gagarins ebenso wie
die zu einem Palais umgewandelte Mühle am
heutigen Augustaplatz.
Dorthin können wir über die Lichtentaler
Straße kommen. Das frei stehende Gebäude
mit dem altrosa Anstrich beherbergt das
Baden-Badener Standesamt, eines der vier
internationalen Standesämter Deutschlands, und
die Turgenev Gesellschaft Deutschland
Förderkreis Russisches Haus e.V.
Vom Augustaplatz aus gelangen wir über ein
weiteres Stück Lichtentaler Straße zum
Leopoldsplatz und zur Sophienstraße. Im
Palais Kleinmann früherer Zeit, mit der
aktuellen Hausnummer 5, lebte und starb
Vasilij
Zhukowskij.
Schräg gegenüber, im "Holland-Hotel
Sophienpark" war
nicht nur Leo Tolstoj abgestiegen, auch Nikolaj
Gogol hielt sich dort auf und schrieb Gedanken zu
den "Toten Seelen" nieder.
Der Weg zu den Bädern führt in der
Sophienstraße am "Quellenhof" vorbei, der heute in russischem
Besitz ist.
Caracalla-Therme und Friedrichsbad dienen
russischen Gästen zum Zeitvertreib, zur
Entspannung und zur Erholung. Der Weg von der
Caracalla-Therme zum Friedrichbad gibt den Blick
auf das Neue Schloss frei, wo beispielsweise im Jahr
1814 Zarin Elisabeth von
Russland
Mitglieder ihrer badischen Familie besuchte.
Gegenüber dem Friedrichsbad befindet sich das
Haus Bäderstraße 2, in welchem
Fjodor
Dosotojewskij
etliche Wochen mit seiner jungen Frau Anna
wohnte.
Wir können nun, wie einst Dostojewskij,
eilenden Schrittes den Weg über die
Sophienstraße zum Kurhaus bzw. Casino nehmen,
oder wir wählen den Weg über die
Gernsbacher Straße in Richtung Sonnenplatz,
wo sich zu Glanzzeiten Baden-Badens das Hotel
"Petersburger Hof" befand. Heute lassen sich in einem
neuen Gebäude an altem Platz Russen ihr Gebiss
verschönern.
Wir folgen dem weiteren Straßenverlauf und
kommen zum Jesuitenplatz und dem ehemaligen
"Darmstädter Hof", in welchem Nikolaj Gogol
1836 bei seinem ersten Besuch in Baden-Baden
abgestiegen war. Heute ist diese Gebäude Teil
des Rathauses, in welchem sich auch die
Geschäftsstelle
der IBBF,
welche die Förderung deutsch-russischer
Beziehungen zum Ziel hat, befindet.
Entweder wir begeben uns zur Stärkung in eines
der zahlreichen Restaurants, die in dieser Gegend
zu finden sind, oder wir nehmen den direkten Weg
über den nahe liegenden Leopoldsplatz zum
Kurhaus zurück, oder aber wir folgen der
altehrwürdigen Einkaufsstraße Lange
Straße bis zum Hindenburgplatz, wo weitere
Zeugen russischer Vergangenheit auszumachen sind:
Der große Gebäudekomplex mit Wohn- und
Geschäftsräumen, der einmal das
"Hôtel de Russie" gewesen war, und der
gegenüber liegende "Badische Hof" , der nicht nur in
früheren Jahren und Jahrhunderten gern von
Russen als Unterkunft gewählt wurde. Vom
"Badischen Hof" aus führt uns die Kaiserallee
wieder an unseren Ausgangsort, das Kurhaus, den
Dreh- und Angelpunkt allen gesellschaftlichen
Lebens in Baden-Baden, zurück.
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
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