"Winter in Wien": Das letzte Buch des Baden-Badener Schriftstellers Reinhold Schneider ist auch ein individuelles Vademecum für Besucher.

Die Stadt, die ihm Stern und Verlockung war

Der vor 100 Jahren in Bader Baden geborene Schriftsteller und Geschichtsphilosoph Reinhold Schneider traf am 5. November 1957 zum zweiten Mal in Wien ein. Dort hatte er sich bereits im Sommer für kurze Zeit aufgehalten. Nun blieb er vier winterliche Monate lang in der Stadt der Babenberger und Habsburger, bis zum 6. März 1958. Einen Monat später ist er in Freiburg verstorben, das einst zu Vorderösterreich gehörte.

Äußerer Anlass für die Aufenthalte in Wien war Schneiders Geschichtsdrama "Der große Verzicht", für das er beim Dramatikerwettbewerb der Bregenzer Festspiele den ersten Preis erhalten hatte. Das Schauspiel, das einen kurzen Abschnitt des Lebens des einzigen Papstes, der zurückgetreten ist, beleuchtet, wurde zur Eröffnung der Festspiele am 18. Juli 1958 - mit Ewald Balser und Ernst Deutsch in den Hauptrollen - vom Ensemble des Wiener Burgtheaters uraufgeführt. Reinhold Schneider hat dies nicht mehr erlebt.

Der Freiburger Herder-Verlag hat Schneider gebeten, während seiner Zeit in Wien ein Tagebuch zu führen. Diese Mischung aus erzählendem Tagebuch und geschichtsphilosophischem Essay hat der Dichter als Manuskript nach Freiburg mitgebracht: Fünf Tage vor seinem Tode übergab er es - korrigiert und satzfertig - dem Verlag.

Reinhold Schneider logierte in der Hotelpension Arenberg am Stubenring 2, dem Teil der berühmten Wiener Ringstraße, der durch den in der Nähe gelegenen Stadtpark fast idyllisch anmutet. Am Stubenring 24 befindet sich das Café Prückl, dessen früher Gast Schneider fast alltäglich gewesen ist: "Für die einsamen Arbeitsstunden, früh am Luegerplatz, wo die Dominikaner angriffslustig vorbeiwallen und wo ich die Freundschaft stummen Einvernehmens mit dem immer aufmerksamen Ober geschlossen habe...hat sich mir ein variables Kartenspiel aus Bildpostkarten zusammengefunden. Längst hat sich die Bedienung daran gewöhnt, dass ich es vor meinen Schulheften und Büchern ausbreite. Das sind die Zweifler und Frager von der Kanzel des Stephansdomes; das ist die von einem spiegelnden Saphir und Perlen gekrönte Krone Rudolfs II.; gerne lege ich neben den schmalen goldbereiften Kristall des burgundischen Hofbechers, ein Kleinod des Ordens vom Goldenen Vlies, Bruegels Babylonischen Turm", notierte er über seine lnspirationsquellen.

Man kann Schneiders Bekenntnisbuch "Winter in Wien" - ohne es zu missbrauchen - auch als ein Vademecum durch sein "Grätzel" auf Zeit benutzen. Grätzel meint wienerisch die nähere Umgebung. Dann kann man in der Dominikanerkirche Santa Maria Rotonda einkehren, die er oft aufsuchte, aber auch in dem von außen unscheinbaren, der Heiligen Barbara geweihten Kirchlein der griechisch-unierten Gemeinde, das er wegen seiner geheimnisvollen Dunkelheit und prächtigen Ikonostase besonders liebte.

Das galt für das ganze "Griechenviertel" mit seiner Kirche im byzantinischen Stil "Zur Heiligen Dreifaltigkeit" am Fleischmarkt und dem Touristenmagnet Griechenbeisel, in dem der "Liebe Augustin" als Puppe sitzt.

Oder man geht zum Palais Schwarzenberg, wo Reinhold Schneider Gast des alten Fürsten gewesen ist, und zum Michaelertrakt der Hofburg, in dem der Schriftsteller und österreichische PEN-Präside Alexander Lernet-Holonia seinen Kollegen aus Baden-Baden empfing.

Der Dichter aus dem 20. Jahrhundert identifizierte sich offensichtlich mit dem Minnesänger Neidhart von Reuenthal. Er liegt unter einem steinernen, gotischen Baldachin von Hans Puchsbaum neben dem Singertor des Stephansdomes, das nach ihm benannt worden ist. Er "schläft" dort, wie Reinhold Schneider liebevoll anmerkt.

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Neidhart ist in der Babenberger-Residenz am Platz Am Hof aufgetreten. Ganz in der Nähe, in der Tuchlauben 19, hat man 1979 die ältesten profanen Fresken in Österreich entdeckt, die Motive des Sängers illustrieren, beispielsweise den "Veilchenschwank".

Am Stübenring befindet sich auch das ehemalige Kriegsministerium, mit einem mächtigen Adler an der Fassade und dem Reiterstandbild Feldmarschalls Radetzky auf dem Platz davor. Der Konservative in Reinhold Schneider lässt sich vom monarchischen Glanz und Elend der Habsburger faszinieren. Der Adler wird freilich bisweilen in seiner Phantasie auch zum Geier.
Seine Beziehung zu Wien beschreibt er so: "Es geht nicht um einen Austausch mit dem unauslotbaren Phänomen Wien, sondern um ein Hören, Empfangen, um die lernende Existenz in dieser Stadt, die Stern und Verlockung für mich war in frühesten Jahren und die zum erstenmal zu betreten ich erst diesen Sommer den Mut fand. Wie zu erwarten oder zu befürchten war, hat sie das Netz über mich geworfen: sie zog mich nach wenigen Monaten zurück."

In seinen Beschreibungen und Reflexionen kann man immer auch eine Art Selbstporträt, eine Vision erkennen: "Echter Adel ist eingeborenes, durch Jahrhunderte sich fortbildendes Mysterium in Wechselwirkung mit der Geschichte, wie auch - mehr oder weniger neige ich zu dieser Ansicht - Österreich ein Mysterium ist."

Es gibt nicht wenige Stimmen die sagen, Reinhold Schneiders "Winter in Wien" sei ein düsteres, deprimierendes Buch. Dies könne mit seiner schweren Erkrankung zusammenhängen, die ihn bisweilen zwang, das Bett zu hüten.

Angesichts des Weltgerichtstriptychons von Hieronymus Bosch, das in der Bildergalerie der Akademie der Künste in Wien zu sehen ist, bemächtigen sich seiner verstörende Gedanken: "Das ist das grandiose Bild der Seele um 1500, dem Meister Mathis nicht fern, der freilich unmittelbar vor dem Bruch die Summe alten Glaubens unvergleichlich fasste und in der Nacht von Golgatha gestaltend den Dämonensturm überwand... Aber wer sollte nicht von krankem Gewissen sprechen, von der Hollenpein des Glaubens an Gericht und Unsterblichkeit, an die tückische Gestalt des ewigen Lebens, an die Ewigkeit der Folter, satanischen Triumph, die Fortwirkung der sieben Todsünden in Ewigkeit! Nie wurden Nein und Ja, Reue und Grausamkeit, Sünde und Apokalypse in solchem Schmerz und Genuss vermischt: Sadismus des Wissens und Gewissens, des Glaubens und Untergangsbewusstseins, der Angst."

Dennoch gibt es auch beinahe heitere, dem Leben zugewandte Passagen. Reinhold Schneider geht nach Grinzing zum "Weinbeißen", und um die Ecke seines Hotels, in der Sonnenfelsgasse, sucht er gerne den Stadtheurigen "Zwölf-Apostel-Keller" auf, dessen Hauszeichen an der dekorativen Barockfassade die Muttergottes von Mariazell ist.

Und er verabscheut Weihnachtsbäume: "Das Heranrücken der Weihnachtszeit bringt mich immer in eine etwas peinliche Lage. Ich würde ihr gerne ausweichen; eine Kirche ohne Glanz, ohne Kranz und Baum würde mir ausreichen, am Tage ein Buch - und Wein."

Trotz der Verführungskraft Wiens verspürt Reinhold Schneider bisweilen auch Heimweh: "Ach wie gerne wäre ich 'zu Hause', im Rebland!"

Badisches Tagblatt 29.11.2003




Winter in Wien
von Reinhold Schneider
Gebundene Ausgabe, 300 Seiten,
Herder-Verlag Freiburg
Erscheinungsdatum: Januar 2003

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