Reinhold-Schneider-Renaissance
bahnt sich an


Bei einem zweitägigen Symposion im Wiener Erzbischöflichen Palais, das Reinhold Schneider (1903-1958) gewidmet war, wurde vor allem das Prophetische und dadurch Aktuelle am Werk des katholischen deutschen Dichters und Philosophen herausgearbeitet. In seinem - posthum erschienenen - letzten Werk "Winter in Wien" hatte Schneider unter anderem die Glaubensnot des modernen Menschen angesichts der ungeheuren wissenschaftlichen Entdeckungen im Bereich des Makro-Kosmos wie des Mikro-Kosmos zur Sprache gebracht, die sich in den fünfziger Jahren anbahnten. Bereits damals spürte Schneider, daß das notwendige "Gleichgewicht von Wissenschaft und Sittlichkeit" kaum wiederherzustellen sei.
Der Wiener Erzbischof Dr. Christoph Schönborn nahm in seinem Einleitungsreferat auf "Winter in Wien" Bezug. Schneider habe hier die zentralen Themen seines Schaffens nochmals wie in einem Brennspiegel zur Sprache gebracht: die Polarität zwischen Macht und Gnade, Schuld und Sühne, die Frage nach dem unverschuldeten Leid. Der Dichter fordere auch die Kirche dazu heraus, sich ihrer eigenen Unheils- und Schuldgeschichte zu stellen, wie es der Papst in seinem Schreiben "Tertio Millennio adveniente" zum bevorstehenden Heiligen Jahr 2000 angeregt habe, so der Erzbischof. Veranstalter des Reinhold-Schneider-Symposions waren die "Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände" und die Wiener Katholische Akademie, unterstützt wurde die Tagung vom ORF-Radio. Unter den rund 150 Teilnehmern waren nicht wenige, die Schneider noch aus seinem "Winter in Wien", dem Winter 1957/58, gekannt haben.

Im "Steinbruch der Macht"

Auch der polnische Bischof und Theologe Alfons Nossol (Opole/Oppeln) bezog sich auf die Wiener Zeit Schneiders, die von Glaubenskrise, Schwermut und Todessehnsucht geprägt gewesen sei, als Ausdruck eines prophetischen Geistes. In "Winter in Wien" habe er nach einer Begegnung mit dem Physiker Otto Hahn die Forscher als die "Regenten der Zeit" bezeichnet und schon früh die Schattenseiten des technischen Fortschritts erkannt. "Statt dem Kaiser residiert jetzt die Atombehörde in Wien", habe Schneider lapidar geschrieben. Auch das wissenschaftliche Genie arbeite heute im "Steinbruch der Macht", erinnerte Nossol an ein anderes Wort des Dichters. Da Schneiders Glaube in dieser seiner letzten Lebensperiode ins Wanken geraten sei, kann man ihn nach den Worten des Bischofs als "Symbolfigur des ausgehenden Jahrtausends" betrachten. Schneider habe jedoch auch gesagt, man müsse dem heutigen "Unglauben der Macht" den "Glauben der Machtlosigkeit" gegenüberstellen.

Im geistigen Widerstand

Auf die Bedeutung Schneiders für die Christen im geistigen Widerstand gegenüber dem NS-Regime wies der frühere "Styria"-Generaldirektor und Historiker Dr. Hanns Sassmann in seinem Referat hin. Schneiders Werke seien, heimlich hektographiert, von den Schützengräben Rußlands bis zur Front am Atlantik und in den Lazaretten verbreitet worden, erinnerte Sassmann. Es sei heute nur schwer vermittelbar, was etwa der Satz "Allein den Betern kann es noch gelingen, das Schwert ob unseren Häuptern abzuwenden" in der damaligen Schreckenszeit bedeutet habe. Schneider habe in den Kriegsjahren - trotz seinem erst später bekannt gewordenen "Zweifeln und Verzweifeln an der Kirche" - unzähligen Menschen die Kirche als "Hort der Freiheit und der Menschlichkeit" erschlossen, unterstrich Sassmann. Auch in den heutigen innerkirchlichen Konflikten könne ein fester Standpunkt im Glauben Richtschnur sein, denn die "Selbstverliebtheit" der verschiedenen Strömungen würden den Erwartungen nicht gerecht, die die Menschen heute an Religion hätten. Sassmann deutete auch die schweren Auseinandersetzungen an, die Schneiders letzten Lebensabschnitt überschatteten, als der Dichter vehement gegen die deutsche Wiederbewaffnung Stellung nahm. In der Zeit des "Kalten Krieges" wurde ihm seine Haltung als Parteinahme für Moskau ausgelegt, das fehlende "Wort gegen den Stalinismus" kostete Schneider viele Freunde.

Kreuz und Macht gehen nicht zusammen

Der Dresdner Literaturwissenschaftler Prof. Ingo Zimmermann erinnerte daran, daß sich Schneider der Historie als Hintergrundfolie für aktuelles Geschehen bediente, so in "Las Casas vor Karl V." . Das leidenschaftliche Eintreten des Dominikanerpaters und Zeitgenossen des Kolumbus, Bartolome de las Casas, für die Ureinwohner der "Neuen Welt" habe den Lesern deutliche Parallelen zur versuchten Ausrottung der Juden durch die Nazis vor Augen gehalten. Schneider habe die Überzeugung schriftstellerisch umgesetzt, so Zimmermann, daß das Kreuz nicht mehr der Macht vorangetragen werden dürfe.

© KATHPTRESS-Nachrichten - 9. Juni 1996



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