Einer wacht für den Herrn
Verantwortliches Tun in schwieriger Zeit: Selten
hat ein Autor christliche Ethik und Literatur so
gut versöhnt. Ein Grund, ihn neu zu
entdecken.
Ein Abend im Theater, im Februar 1954:
Bundespräsident Theodor Heuss kommt nach
Essen, um im Opernhaus an der Premiere eines
Schauspiels teilzunehmen. Reinhold Schneiders
"Innozenz und Franziskus" steht auf dem Spielplan.
Es wird eines der Erfolgsstücke der Saison.
Drei Jahre später wird ein weiteres Drama
Schneiders, "Der große Verzicht", im Wiener
Burgtheater aufgeführt. Ein Bühnenautor,
der Erfolg hatte, heute jedoch vergessen ist?
Machen wir eine Gegenprobe. In schneller Folge
erscheinen 1930/31 zwei Bücher, die eine
literarische und kulturgeschichtliche Sensation
bedeuten: Reinhold Schneider veröffentlicht
"Das Leiden des Camões" und "Philipp II.
oder Religion und Macht". Portugal und Spanien, die
Geschichte und Gegenwart der Iberischen Halbinsel,
werden greifbar wie nie zuvor, beide Bücher
werden "Bestseller" und Schneider
veröffentlicht Aufsätze über den
großen spanischen Philosophen Miguel de
Unamuno, den er schneller als andere in Deutschland
in seiner ganzen Bedeutung erkennt. Reinhold
Schneider, ein Historiker, der einst allen bekannt
war, die sich für Geschichte und Kultur
interessierten, und den heute niemand mehr
liest?
Der "vergessene Reinhold Schneider" ist ein Mythos, der gern
herbeigerufen wird. Bei manchen Würdigungen,
die jetzt aus Anlass seines 100. Geburtstags am 13.
Mai zu lesen sind, hat man den Eindruck, eine
Renaissance Schneiders werde weder für
möglich gehalten noch gewünscht, sie sei
so etwas wie literarhistorische Leichenfledderei.
Seltsam nur, dass Schneiders Verlage eine ganz
andere Wirklichkeit kennen. Sein wichtigster Roman,
"Las Casas vor Karl V.", erschien gerade bei
Suhrkamp in der siebten Taschenbuchauflage, die
Neuedition seiner "Elisabeth von Thüringen",
mit einem Vorwort des Thüringer
Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, hat bei
Insel in kurzer Zeit drei Auflagen erreicht. In
immer neuen Editionen, jetzt mit farbigen
Fotografien bei Insel, ist "Portugal. Ein
Reisetagebuch" nach wie vor eines der besten und
meistverkauften Bücher, die je über
dieses Land geschrieben wurden. Die alte, langsam
aussterbende Generation derer, die Schneider noch
persönlich erlebten und schätzten, ist
mit allen Werken Schneiders bestens versorgt. Da
muss es also ganz neue Leserkreise geben, die ihn
für sich entdecken und das Lesevergnügen
nicht für sich behalten.
Machen wir also die dritte Probe, fragen wir, wer
Reinhold Schneider war und heute noch ist. Den
jungen Schneider, der als Sohn der Hoteliers
Wilhelm und Louise Schneider im Hotel
Messmer in Baden-Baden aufwächst,
wird man als selbstmordgefährdeten
Melancholiker in frühen Sonetten finden. Wie
dann aber aus den Erfahrungen einer schwierigen,
suchenden, gefährdeten Jugend große
Literatur wurde, das erfährt man erst, wenn
man eines der subtilsten Werke der deutschen Prosa
liest: "Der Balkon.
Aufzeichnungen eines Müßiggängers
in Baden-Baden". Das Buch erschien 1957,
Schneider schrieb es in wenigen Monaten nach dem
Abriss seines Elternhauses als erzählerische
Revue der Erinnerungen an den Balkon des Maison
Messmer, auf dem einst der Kaiser gestanden hatte
und manche andere Gestalt der europäischen
Geschichte. Es gibt nicht viele Bücher, in
denen die eigene Zeitzeugenschaft so elegant mit
dem leicht getragenen Wissen über die
Geschichte und die Kulturen Europas verbunden wird
und eine scheinbar längst versunkene Epoche
mit feiner Ironie und Wehmut wieder vor den Augen
des Lesers ersteht. Hätte er nur den "Balkon"
geschrieben, Reinhold Schneider wäre allein
für dieses Buch neben die gerühmten
Erzähler deutscher Geschichte zu stellen, die
das 20. Jahrhundert hervorbrachte.
Doch zwischen den Jugendjahren mit ihren ersten
dichterischen Erfolgen und der Zeit nach dem
Zweiten Weltkrieg lag die Epoche, der Schneider
seinen Nachruhm in erster Linie verdankt, die Jahre
des "Dritten Reichs". Schneider hatte sich
während der Weimarer Republik als national
gesinnter Monarchist verstanden. Hitler und der
Nationalsozialismus missfielen ihm von Anfang an.
Noch im Jahr der Machtergreifung
veröffentlichte er "Die Hohenzollern. Tragik
und Königtum". Alles andere als ein Loblied
auf die preußische Monarchie – mit Friedrich
dem Großen sieht Schneider nicht den
Höhepunkt, sondern den beginnenden Untergang
des Preußentums gekommen –, ist es in erster
Linie eine Widerlegung der nationalsozialistischen
Geschichtsdeutung. Wer heute noch der gelegentlich
aufgewärmten These glaubt, Hitler hätte
in direkter Linie Preußens und Friedrichs des
Großen gestanden, ist durch die Lektüre
Schneiders schnell zu heilen. Das Buch konnte nach
der ersten, behutsam kleinen Auflage nicht
nachgedruckt werden, erst 1953 kam es zur zweiten
Auflage, mit einem neuen Nachwort, aber inhaltlich
unverändert: Ein zeitlos gültiges
Dokument für die Möglichkeit, mit den
Mitteln der Geschichtsdarstellung die
Ansprüche des Nationalsozialismus bereits 1933
zu entlarven. Früh erfährt Schneider von
den ersten Konzentrationslagern. Kurt Ihlenfeld
gibt 1936 im Eckart Verlag den Sammelband "Die
Stunde des Christentums" heraus, mit Schneiders
Erzählung "Friedrich von Spe". Das Manuskript
in der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe ist auf
den 29. November 1933 datiert, und dieses Datum ist
wichtig, denn die Erzählung handelt nur
vordergründig von der historischen Gestalt des
Jesuitenpaters und Lyrikers Friedrich Spe(e) von
Langenfeld, der gegen die Hexenverfolgungen vorging
und dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzte.
Unverkennbar geht es vor allem um die Verfolgung
von Minderheiten, um den Protest gegen Folter und
Mord, gegen Kerker und Konzentrationslager.
Schneider ruft zum Widerstand mit den Mitteln des
Christentums und der christlichen Dichtung auf:
Nicht Gewalt oder Gegengewalt fordert er, sondern
das mutige Wort, die Rede an das Gewissen und
schließlich auch den Beistand für die
Verfolgten. Friedrich von Spe benennt dafür in
Schneiders Erzählung einen Juden als Zeugen,
den Propheten Jesaja: Er, Spe, wolle nicht "unter
der Zahl derer gefunden werden, die der Prophet
verwirft, da sie stumme Hunde seien, die nicht
bellen können". Das Zitat aus Jesaja 56,11
spricht von den Wächtern des Volkes, die ihr
Wächteramt verschlafen und zugleich auf
eigenen Gewinn versessen sind. So verbindet
Schneider den Protest gegen die Verfolgungspolitik
der Nationalsozialisten mit einer Kritik am
Versagen der gesellschaftlichen, kirchlichen,
politischen Wächter. Und er tut dies mit einem
Wort des Jesaja. Nicht Paulus mit seinem
Obrigkeitsbild im 13. Kapitel des Römerbriefs
wird zitiert, das – oft verkürzt interpretiert
– so vielen Christen im Hitlerreich den Widerstand
erschwerte, sondern Jesaja, der Prophet des Alten
Testaments.
Reinhold Schneider will nicht stumm sein, er will
wachen und mit den Mitteln der Literatur
widerstehen. Und er schreibt auf höchstem
Niveau, erweist sich als Meister der deutschen
Sprache gerade in der kleinen Form der Novelle. Zu
überprüfen ist das dank der Neuausgabe
der Erzählung unter dem Titel, den sie in
späteren Auflagen erhielt, "Der Tröster",
in dem von Maria Anna Leenen im Tyrolia Verlag
Innsbruck edierten Band "Reinhold Schneider. Ein
Lesebuch" und an Meistererzählungen wie "Vor
dem Grauen" (1939) im neuen Sammelband des Brunnen
Verlags Basel, "Reinhold Schneider: Das Attentat
und weitere Erzählungen". Im Jahr der
Erstausgabe des "Friedrich von Spe" entsteht auch
eines jener wenigen Gedichte, die immer wieder als
Muster christlicher Lyrik zitiert werden: Das
Sonett "Allein den Betern kann es noch gelingen,/
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten".
Es könnte heute den Eindruck verstärken,
Schneider habe tatsächlich einen Rückzug
der Christen aus der Gesellschaft befürwortet,
eine Art "innere Emigration". Doch für
Schneider ist das Gebet die wahre Tat der Christen,
die er an die Seite des schriftlichen Widerspruchs
und des seelsorgerlichen Handels eines Friedrich
von Spe stellt. Weder der Jesuitenpater noch die
Beter ziehen sich in die Innerlichkeit zurück.
Sie sind im Gegenteil aktiv in das öffentliche
Leben eingebunden, gerade weil sie nicht stumme
Hunde sind. Der Dom, in dem Schneiders Beter ihr
Haupt verhüllen, ist ein öffentlicher
Ort. Man wird an die Äußerung des
(evangelischen) Wehrmachtspfarrers und
Schriftstellers Albrecht Goes erinnert, der einen
gewaltsamen Widerstand oder auch ein Attentat gegen
Hitler ebenso ablehnte wie Schneider, aber auf die
Frage nach dem Handeln der Christen antwortete, es
gebe bereits in der Bibel "das Gebet für den
Tod des fluchwürdigen Tyrannen". Dass
Christen, die so beteten und predigten, die
Inhaftierung in Konzentrationslagern und den Tod
riskierten, ist bekannt. Und so spricht Schneider
in den letzten Versen des Gedichts keine
religiöse Leerformel aus, wenn er sagt, dass
"Gott aus unsern Opfern Segen wirkt". Schneider
geht allerdings im Sinne des Jesaja-Zitats noch
einen Schritt weiter. Er schreibt jenen Roman, der
bis heute sein erfolgreichstes Buch geblieben ist,
"Las Casas vor Karl V." Es erscheint 1938, wenige
Monate vor der so genannten Reichskristallnacht,
als auch dem Letzten deutlich werden musste, was
die nationalsozialistische Judenpolitik bedeutete.
Wieder hatte Schneider es früher als andere
erkannt, und wieder hatte er als literarischer
Wächter gehandelt. Sein bewährtes Mittel,
eine historische Gestalt in die Gegenwart hinein
sprechen zu lassen, verwendet er auch hier. Der
Mönch Bartolomé de las Casas, der
miterlebt hatte, wie die spanischen Eroberer mit
den mexikanischen Indios umgingen, protestiert vor
Kaiser Karl V. Die Szenen in Südamerika, die
Überfahrt, eine Liebesgeschichte,
schließlich die Reden, die las Casas und sein
Widersacher Sepúlveda vor dem Kaiser
führen: Es ist großartige Literatur, und
nicht ohne Grund wurde gerade dieses Buch von
Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki in ihre
"Bibliothek des 20. Jahrhunderts" aufgenommen. Aber
schon die Zeitgenossen Schneiders begriffen, dass
es mehr ist als brillante Prosa und die
Rückgewinnung des historischen Romans für
die christliche Dichtung. Die Indios und ihr Leiden
sind die Juden; die Spanier, die sich an ihnen
schuldig machen, sind die Deutschen, die stumm
zusehen, was den Juden angetan wird. Schneiders
Appell zur Umkehr könnte deutlicher nicht
sein. Neben zahlreichen Essays und Sonetten
verfasste er schließlich mit dem "Antichrist"
1938 ein Gedicht, das unmittelbar gegen Hitler
gerichtet war. Als der Kriegspfarrer Johannes
Kessels es zusammen mit anderen Texten Schneiders
im März 1944 unter dem Titel "Das Gottesreich
in der Zeit" im besetzten Polen
veröffentlichte, folgte noch im gleichen Jahr
eine Anklage auf "hochverräterische
Wehrkraftzersetzung" gegen Kessels und wegen "Hoch-
und Landesverrats" gegen Schneider. Die Wirren der
letzten Kriegsmonate retteten beide; Schneider
entkam dem Prozess, weil die Ärzte ihn nach
einer Operation nicht auslieferten und der
schließlich genesene Schneider in ein bereits
von den Franzosen besetztes Freiburg
zurückkehrte. Schneider blieben nach
Kriegsende noch acht Jahre bis zu seinem Tod am
Ostersonntag, dem 6. April 1958.

Er, der wertkonservative Christ, schrieb nun gegen
die Wiederaufrüstung, publizierte in
ostdeutschen Zeitschriften, galt plötzlich
manchen im Westen als Kryptokommunist und wurde
zugleich mit Ehrendoktoraten geehrt, gehörte
zu den Ersten, die in die von Theodor Heuss
wiederbelebte Friedensklasse des "Pour le
Mérite" aufgenommen wurden und sah zunehmend
in der Bühne das Forum für seine
Gedanken. Er stimmte einer Theaterfassung des „Las
Casas“ zu, die später mehrfach verfilmt wurde
und im Sommer dieses Jahres ihre italienischer
Premiere auf dem Festival von San Miniato erleben
wird. Vom Theaterautor Schneider wird nicht viel
bleiben, vielleicht der "Innozenz und Franziskus"
und "Der große Verzicht", die sich beide mit
dem Konflikt zwischen Kirche und Macht auseinander
setzen. Vor allem "Der große Verzicht",
dessen Gegenstand Cölestin V. ist, der einzige
Papst, der jemals von seinem Amt zurücktrat,
bleibt ein brisantes Werk mit prägnanten
Dialogen. Wesentlicher aber sind auch heute seine
vielfach veröffentlichte Rede beim Empfang des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der
Frankfurter Paulskirche (1956) und die beiden
autobiografischen Schriften "Verhüllter Tag"
(1954) und "Winter in Wien" (1958). Der gerade bei
Herder in einer bibliophilen Ausgabe neu aufgelegte
"Winter in Wien" erschien kurz nach Schneiders Tod
wie ein Vermächtnis. Seine Suche nach dem
verborgenen Gott, dem "Deus absconditus", in einer
von den Naturwissenschaften neu definierten und
bestimmten Welt, ist von brennender
Aktualität. Ungemein modern ist auch
Schneiders Blick über das Christentum hinaus.
Vor anderen rezipierte er Simone Weil in
Deutschland und fragte mit ihr, welchen fruchtbaren
Dialog es zwischen Buddhismus und Christentum geben
könne. Sein eigenes Christentum war nie
statisch, nie ein Rückzug aus der Welt,
sondern eine fortwährende Auseinandersetzung
mit den Herausforderungen der Zeit. Dass Schneider
dabei weder zum Apologeten noch zum Synkretisten
wurde, nie zum bloßen Essayisten des
religiösen Diskurses, sondern stets
Schriftsteller blieb, dem auch in seinen
Nachkriegswerken die Kunst der Sprache wichtig war,
das sollte genügen, um ihn vor den Klischees
der Literaturgeschichtsschreibung zu bewahren.
Sagen wir es anders: In einer Zeit, in der die
klassischen Philologen einen Markus und einen
Johannes als herausragende Autoren der
hellenistischen Literatur wiederentdecken und damit
der religiösen Botschaft dieser Evangelisten
völlig neue Dimensionen an die Seite stellen,
darf auch ein christlicher Dichter wie Reinhold
Schneider neu gelesen werden als ein Autor, dessen
Christentum seine Bedeutung als Erzähler und
Historiker nicht einschränkt. Als Arnold
Stadler kürzlich mitteilte, er habe Reinhold
Schneider "auf die Insel mitgenommen",
äußerte sich ein Dichter, der den Rang
des anderen erkannte. Reinhold Schneider braucht
keine Verteidiger, er verdient Leser.
Rheinischer Merkur 8. Mai 2003
Autor: Carsten Peter Thiede
|