Buchbesprechung:
Cordula Koepcke, Reinhold Schneider - eine Biographie

Durch Opfer und Verzicht dem Sinn des Lebens näher

Sah man ihn je lächeln? Die Bilder zeigen einen sehr großen, sehr schlanken, sehr unglücklichen Mann. Seine Körpergröße und später auch der miserable Gesundheitszustand gaben seinem Erscheinungsbild etwas Gezwungenes, Verkrampftes. Das Gesicht zeugt von tiefen Depressionen, die Augen leuchten nicht. Reinhold Schneider war schon als junger Mann lebensmüde. Als er mit 55 Jahren starb, war ein überaus schweres und sicherlich längst vollendetes Leben durch die Folgen eines Sturzes beendet.

Reinhold Schneider

Seine Heimatstadt Baden-Baden ehrte den Schriftsteller Reinhold Schneider (1903-1958) zum 90. Geburtstag mit einer Ausstellung, die Freiburger Reinhold-Schneider-Gesellschaft mit einem Festakt. Einige seiner Bücher wurden neu aufgelegt, so die autobiographischen Aufzeichnungen "Winter in Wien" (Herder Verlag) und "Der Balkon" (Brendow Verlag Moers).

Die zum Geburtstag im Würzburger echter-Verlag erschienene Biographie von Cordula Koepcke darf für sich das Verdienst in Anspruch nehmen, einiges Neue dem bekannten Schneider-Bild hinzugefügt und auch Lust zum Lesen oder Wiederlesen seiner Bücher geweckt zu haben. Zum Neuen gehört das ausführliche Kapitel über Schneiders "Gefährtin" Anna Maria Baumgarten, die von Cordula Koepcke etwas näher beleuchtet wird und -bei allem vorsichtigen Respekt, den die Biographin stets walten läßt - auch etwas vom hohen Sockel der selbstlosen Lebenspartnerin geholt wird.

22 Jahre älter als Reinhold Schneider, den sie als 19jährigen nach dem mißglückten Selbstmordversuch kennenlernte und ihn behutsam ins Leben zurückführte, hat die literarisch interessierte und gebildete Frau den Schriftsteller immer stärker an sich gebunden und wohl auch seine Kontakte zu anderen Frauen zielstrebig gesteuert oder sogar unterbunden.

Trotzdem war sie Schneider nicht die Lebenspartnerin, nach der er sich verzehrte: Vielmehr blieb sie den Konventionen damaliger Zeit treu, verweigerte sich als Frau, etablierte sich aber als Lebensgefährtin der platonischen Art. Schneider hat nach Cordula Koepcke unsäglich gelitten unter der Entscheidung seines "Puz", wie er Anna Maria Baumgarten nannte.

In Baden-Baden aufgewachsen, in Dresden, Potsdam und Berlin viele Jahre ansässig, zog es Schneider in den 30er Jahren wieder in den Schwarzwald zurück. Er wählte sich Freiburg als Wohnsitz, doch war er ein unsteter Mensch, der trotz drückender Geldsorgen gerne reiste und eine Liebe zum Süden wie zum Norden entwickelte. Ausgedehnte Reisen führten nach Skandinavien, nach England, in den Süden nach Italien, Spanien, Frankreich und immer wieder nach Portugal.

Portugal, dieses Land der kultivierten Schwermut, sah Reinhold Schneider in gewisser Weise als Heimat seiner Seele an. Durch den spanischen Philosophen Miguel de Unamuno aufmerksam gemacht, befaßte er sich intensiv mit der Geschichte der iberischen Länder. Sein erstes historisches Buch, "Die Leiden des Camoes", orientiert sich am Leben des portugiesischen Nationaldichters, ist aber inhaltlich bereits geprägt von Schneiders Generalthemen: Der Umgang mit der Macht, das Opfer des eigenen Lebens, der bedingungslose Verzicht.
Schneider wird heute vorwiegend als katholischer Schriftsteller geführt. Diese Einschränkung haben vor Cordula Koepcke schon verschiedene andere Interpreten zu widerlegen versucht, etwa Ingo Zimmermann in seiner noch in der damaligen DDR veröffentlichten und heute vergriffenen Schneider-Biographie.

Cordula Koepcke hat in ihrem sehr ausführlichen, in Inhaltsangaben stellenweise zu detailversessenen Buch unzweifelhaft klar gemacht, wie Reinhold Schneiders Weg verlief: Vom Nihilisten zum gläubigen Katholiken. Jochen Klepper, der evangelische Pastorensohn und Freund Schneiders, hat "katholische Gedanken" relativ früh in Schneiders Werk erkannt und den Freund aufmerksam gemacht. Reinhold Schneider war wohl das, was man heute einen radikalen Christen nennen würde. Unabhängig von jeder Partei und jeder Tendenz, unterwarf er sich nur seinem Gewissen.

Hochwillkommen waren Schneiders kleine Texte während der dunklen Jahre des Dritten Reiches, die er im "inneren Exil", aber als klarer Gegner der Nazis erlebte. Die als Tröstung gedachten und heimlich verbreiteten Texte, darunter viele Sonetten ("Der Antichrist"), brachten Schneider mehrfach in Gefahr und die Gestapo in sein Haus.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges blieb Schneider ein Gegner auch der neuen, der demokratischen Regierung: Sein entschiedenes Nein gegen die Wiederbewaffnung, seine Vorwürfe in bezug auf ein unter- oder falschentwickeltes Schuldbewußtsein der Deutschen brachten ihm schlimmste Beschimpfungen ein: Es kam zum "Fall Schneider", eine interessante Parallele zum Schicksal Thomas Manns.

Erst spät wurde die Qualität von Schneiders Werk und die Wahrhaftigkeit seiner unbeugsamen Haltung erkannt. Reinhold Schneider konnte - schwerkrank bereits - außerordentliche Ehrungen entgegennehmen und eine immens gewachsene Lesergemeinde erkennen.

Von bleibendem Wert sind die historischen Dichtungen wie "Philipp II" oder "Las Casas vor Karl V." oder "Die Hohenzollern". Sie alle dienten Schneider zur Darstellung der Macht - in einer Zeit, da der Machtmißbrauch für jeden erkennbar war. In "Las Casas" artikulierte der Schriftsteller auch seinen Protest gegen die Judenverfolgung.

Die in den letzten Lebensjahren entstandenen autobiographischen Skizzen "Verhüllter Tag", "Der Balkon" und schließlich "Winter in Wien" zeigen Schneider als erneuten Zweifler, der angesichts der rasanten wissenschaftlichen Entwicklung seinen Gott weiter entfernt sah denn je. Doch er blieb ein Beter, der die Suche nach der einzig zählenden Macht nie aufgab.

BT vom 13.09.1993


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