Ins Wort verwandelte Opfer
Zum 100. Geburtstag des
Schriftstellers Reinhold Schneider
Hager, leidend, märtyrerhaft: Man glaubt ihn
zu kennen von den wenigen Photographien, diesen
Schmerzensmann unter den Dichtern. Ein Einsamer im
Zeitalter der Massenaufmärsche. Reinhold
Schneider, heute vor hundert Jahren in Baden-Baden
geboren und 1958 in Freiburg gestorben, ein
Unzeitgemässer und Monarchist in
republikanischer Zeit, ein mondäner Klausner,
am Glauben zweifelnd und verzweifelt gläubig:
«Man muss beten, auch wenn man es nicht
kann.» Christ und Ketzer konnte er sich als
sinnige Alliteration vorstellen.
Als in der Lyrik alle Formen aufbrachen, beharrte
er auf dem Sonett und brachte es in dieser Form zu
gelindem Können. Dass es ihm versagt blieb,
einige wirklich bedeutende Gedichte zu schreiben,
war ihm selbst nur zu schmerzlich bewusst. In
seinen Betrachtungen und Essays jedoch gelang ihm
Grosses; in seiner erzählenden Prosa nicht
minder. So gehört seine Erzählung
«Der Tröster» (1933) in jede
Anthologie deutschsprachiger Kunstprosa. Viele
seiner bedeutenden Arbeiten liessen sich als
anschaulich erzählte Geschichtsphilosophie
beschreiben, was in erster Linie für seine
Untersuchung «Das Inselreich» (1936)
zutrifft, die der Frage galt, was das britische
System seit Jahrhunderten im Innersten
zusammengehalten hat.
Geistig orientierte er sich zwischen der Iberischen
Halbinsel zur Zeit Karls V. und Preussen, zwischen
barocker Welt und den Perversionen des
Atomzeitalters. Und er wagte sich vor in die
Gefahrenzonen seiner Zeit, etwa indem er in seiner
dramatischen Prosa «Las Casas vor Karl
V.» (1938), die «eigentlich» die
Verfolgung der Indios durch die spanischen
Kolonialherren zum Inhalt hatte, gegen die
Judenverfolgungen im «Dritten Reich»
protestierte. Dass Schneider am Rande der
Lebensgefahr schrieb (seit 1941/42 verbreitete er
seine Dichtungen im Samisdat-Verfahren),
bestätigte sich noch im April 1945 durch eine
Anklage auf Hochverrat. Ihr waren 1944
quälende Gestapo-Verhöre und
Hausdurchsuchungen vorangegangen.
Für nichts hatte Schneider einen
schärferen Blick als für das Tragische
als den «Sinn der Geschichte». Ob Karl V.
oder Wilhelm II., den er im Doorner Exil besuchte,
in beiden sah er dieses Tragische am Werke, nicht
minder aber im zutiefst Fragwürdigen, weil
Uferlosen eines rein technischen Wissens, das sich,
wie er beklagte, immer weniger auf menschliche
Werte beziehen lasse. Beklemmend liest sich sein
Essay «Das Schweigen der unendlichen
Räume», die Kritik an einer zunehmend
entseelten Kosmologie, die sich damit begnügt,
das Unvorstellbare des kosmischen Raumes in noch
unvorstellbareren Ziffern anzugeben.
Schneider war einer der grossen Briefeschreiber und
ein subtiler Diarist. Sein «Tagebuch: Rom
1931» etwa verzeichnet Einsichten, vorgetragen
in einer Sprache, die den Leser sprachlos macht.
Beispiel: Die Peterskirche «ist ein allzu
grosser Raum, in dem der Glaube verloren geht.
Heute, am Palmsonntag, verhallte der Gesang der
Geistlichen im Uferlosen. . . . Sankt Peter ist ein
Grabmal, das Pantheon des Glaubens; Bauwerke dieser
Art können nur am Ende stehen. Es führt
kein Weg weiter. Eine Steigerung ist nicht
möglich . . . Tatsächlich hat sich ja
auch nach dem Barock kein Kirchenstil mehr
entwickelt.» Oder: «Unten, der Brunnen,
eine wunderbare Einheit von Wasser und Stein, von
Schwerem und Fliessendem, Dauerndem und
Flüchtigem. Das Schwierige an einem Brunnen
ist, die Rollen recht zu verteilen, dem Wasser die
lebendige Linie zu lassen, ihm im Springen, Fallen,
im Fliessen und Ruhen sein Recht zu geben.»
Und: «Eben darin zeigt sich . . . die
entscheidende Bedeutung eines Lebens, dass es
zugleich die Wiederholung verlangt und sie
unmöglich macht . . . Verheissung ist nur in
Krisen.»
In den Schriften Schneiders fällt auf, dass
sie nach 1930 verstärkt das Absurde im Leben
wahrnehmen, eine Tendenz, die in seinen
bekanntesten Aufzeichnungen, «Winter in
Wien» (1957/58), gipfelt: «Am klarsten
sagt sich die Zeit in ihren Absurditäten aus;
ich kann es nicht lassen, sie
zusammenzutragen.» Im naturhistorischen Museum
der Stadt Wien entdeckt er Widersinniges sogar in
der göttlichen Schöpfung, am Beispiel des
Dinosauriers nämlich, dessen «absurde
Architektur» ihm abstrus vorkommt; dessen
Skelett nennt er: «- eine Kathedrale der
Sinnlosigkeit, des Lebenswillens, der nicht leben
kann». Und in Muzot beobachtete Schneider
einen «goldgrünschimmernden
Käfer», dessen Aufgabe in der
göttlichen Natur es ist, Rosen zu
zerstören: «Er hat, unreiner Widerspruch,
keine Rose verschont.»
Welt der absurden Verhältnisse - ihr Sinnbild
fand Schneider in Nietzsche, der - auf dem Weg zum
Antichristentum - nach der Vollendung seines
«Zarathustra» Rom besuchte. Rom, für
Schneider eine Stadt gewordene Masslosigkeit, die
zum Skandalon geworden sei: Rom, ein stilloses, von
Abgasen geschwängertes Amalgam aus Geschichte
und Ruinen, ein Ort, der an der
«dämonischen Herrschaft zweier
Lebensformen: an Cäsar und Christus»,
kranke. Die Stadt des Petrus, einer Lieblingsfigur
Schneiders, empfand er so als Stadt eines ewigen
Verhängnisses. Noch 1950 fragt er in einem
dreiteiligen Sonettzyklus: «Petrus,
wohin?», und rät: «Was wir bewahren,
/ Ist nur im Opfer, Handeln nur im Beten. / Ins
Wort verwandelt sollen wir's bezeugen.»
Es gibt einen Satz in Reinhold Schneiders Rede
über den «Frieden der Welt» (1956),
den wir gerade heute wieder auf weisse Fahnen
schreiben sollten: «Wir haben Grund zu einem
grenzenlosen Mitleid mit der gegenwärtigen
Welt und aller Kreatur.» Und ob wir Grund
haben zu reuiger Einkehr, zur Busse, zur Abkehr von
Selbstgerechtigkeit; denn selbst in Mississippi und
Themse fliesst Wasser von Euphrat und Tigris.
13. Mai 2003, Neue Zürcher Zeitung
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